25. Juni 2020, 19:28 Uhr

Fehlverhalten und Verantwortung

25. Juni 2020, 19:28 Uhr

Limburg/Fulda/Mainz - Bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in den katholischen Bistümern in Hessen werden nun auch Opfer und externe Fachleute mit am Tisch sitzen. Das sieht eine Erklärung vor, die die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung unterzeichnet haben - und die nun auch offiziell in den Bistümern wirksam wird.

In den ersten zehn Jahren nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der Katholischen Kirche Deutschlands Anfang 2010 ging es vor allem um individuelle Aufklärung. Nun soll die Kirche selbst in den Blick genommen werden: Es dreht sich um Verantwortlichkeiten, wie das jeweilige Bistum mit Tätern und Opfern umgegangen ist. Und es geht um das Aufdecken von Strukturen, die Missbrauch ermöglicht, erleichtert oder vertuscht haben. Die Aufarbeitung erfolgt nach zuvor festgelegten Kriterien und Standards: In jedem Bistum wird eine Kommission eingerichtet, die laut Empfehlung sieben Mitglieder umfassen soll. Zwei Personen sollen Betroffene sein, die anderen Experten aus Wissenschaft, Fachpraxis, Justiz, öffentlicher Verwaltung und der Diözese. Aus der Kirche oder einem Laiengremium dürfen aber nur weniger als die Hälfte stammen. Der Kommission wird Akteneinsicht gewährt.

Die Aufarbeitungsprozesse, die damit angestoßen würden, »gehören zu der institutionellen Verantwortung, die die Bischöfe und Diözesen für begangenes Unrecht übernehmen«, sagte Bischof Stephan Ackermann (Trier) als Beauftragter der DBK für Missbrauchsfragen. Für ein transparentes Durchleuchten aller 27 Bistümer nach einheitlichen Kriterien hatten Betroffene lange gekämpft

Erste Schritte in Mainz und Limburg

Einige Bistümer haben mit der Aufarbeitung in eigenen Kommissionen bereits begonnen. Im Bistum Mainz, das sich auch über Teile Hessens erstreckt, gibt es beispielsweise seit 2019 eine Aufarbeitungskommission, die mit externen Fachleuten besetzt ist. Aktuell werde daran gearbeitet, die beschlossenen Standards für die Aufarbeitungskommission umzusetzen, teilte Sprecher Tobias Blum mit. Dazu gehöre auch die Einbindung von Betroffenen. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf habe die Erklärung bereits unterschrieben. Im Herbst 2018 hatte die katholische Kirche die sogenannte MHG-Studie und damit Zahlen zu sexuellem Missbrauch öffentlich gemacht. Demnach sind bundesweit in den Personalakten von 1946 bis 2014 insgesamt 1670 Kleriker wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt worden. Es gab 3677 Opfer.

Bischof Kohlgraf habe mehrere Gespräche mit Menschen geführt, die von sexuellem Missbrauch betroffen seien, sagte der Sprecher. Daraus sei deutlich geworden, »dass die Perspektive der Betroffenen nicht nur Voraussetzung für eine Aufarbeitung ist, sondern leitend für die Wege der Aufarbeitung sein muss. Eine allein juristische Herangehensweise, wie sie auch im Bistum Mainz bisher vorherrschend war, wird es nicht mehr geben.«

Im Bistum Limburg ist man mit der institutionellen Aufarbeitung nach eigenen Angaben »schon sehr weit«. In einem gerade beendeten Projekt mit Wissenschaftlern, Kirchenvertretern und Betroffenen seien rund 60 Maßnahmen erarbeitet worden, wie künftig Übergriffe verhindert werden sollen, sagt der Sprecher des Bistums. Zu dem Projekt »Betroffene hören - Missbrauch verhindern« gehöre auch die Sichtung aller Personalakten von Klerikern.

Limburgs Bischof Georg Bätzing will die Ergebnisse umsetzen. Zeitnah sollen eine unabhängige diözesane Kommission und ein bischöflicher Beauftragter eingesetzt werden. Dem unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, habe Bätzing bereits den Abschlussbericht übergeben und ihn um eine Äquivalenzbescheinigung gebeten. dpa

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