26. Februar 2019, 09:00 Uhr

»Unser täglich Brot«

Fair ist nicht gleich fair

Produkte mit dem Anspruch, für fairen Handel und faire Arbeitsbedingungen zu stehen, sollen die Not vieler Menschen in weniger entwickelten Ländern lindern. Doch wann ist Handel eigentlich fair?
26. Februar 2019, 09:00 Uhr
Kaffee – fast jeder trinkt ihn, doch nur die Wenigsten machen sich Gedanken, unter welchen Bedingungen die Menschen auf den Plantagen arbeiten. Das Siegel Fair Trade sorgt für die Einhaltung gewisser menschenwürdiger Standards. (Foto: TransFair e.V.)

Als Fair-Handel wird ein kontrollierter Handel bezeichnet, bei dem den Erzeugern für die gehandelten Produkte oder Produktbestandteile meist ein von den verschiedenen Fair-Handel-Organisationen unterschiedlich bestimmter Mindestpreis bezahlt wird.

»Die Menschen sollen gut davon leben können, nicht nur von der Hand in den Mund«, erklärt auch Annette Greier, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Eine-Welt-Haus e.V., der den Weltladen in der Wetzlarer Altstadt betreibt.

Kinderarbeit verhindern

Das Ziel der Fair-Handel-Waren: Kinderarbeit verhindern und diesen ein würdiges Leben und den Zugang zu Schule und Bildung zu gewähren. Es geht aber auch um eine Wertschätzung der Arbeit und der Ware.

»Es soll immer ein gerechter Preis für das Material bezahlt werden«, sagt die ehrenamtlich Tätige. Dazu wird bei dieser Handelsform außerdem versucht, langfristige partnerschaftliche Beziehungen zwischen Händlern und Erzeugern aufzubauen.

In der Produktion werden außerdem internationale sowie von den Organisationen vorgeschriebene Umwelt- und Sozialstandards eingehalten. »Oft sind fair gehandelte Lebensmittel deswegen zugleich auch Bioware«, weiß Greier.

Eigene »Marke«

Genau genommen ist der Begriff Fair Trade eine eigene »Marke«. Denn auf den meisten fair gehandelten und entsprechend zertifizierten Produkten befindet sich das grün-blaue Logo der internationalen Dachorganisation Fairtrade Labelling Organizations International (FLO), das wohl die meisten Verbraucher schon einmal gesehen haben.

Die FLO spaltet sich in zahlreiche nationale Fair-Handel-Organisationen, darunter auch Fair Trade Deutschland. Doch es gibt auch weitere Zertifizierungsorganisationen, die allerdings weniger auf fairen Handel als auf Umweltstandards achten, wie etwa die Rainforest Alliance, deren Logo ein grüner Frosch ist.

Preis fällt nie unter festes Minimum

Neben den Zertifizierungsorganisationen stehen verschiedene Importeure wie etwa GEPA oder El Puente, die ihre Waren alle unter Fair-Handel-Bedingungen einkaufen.

Diese Organisationen sind die Handelspartner der sogenannten Kooperativen – einem jeweiligen Zusammenschluss von regionalen Produzenten und Erzeugern. Der Vorteil dieser Kooperativen: Jeder der beteiligten Produzenten und Landwirte bekommt den gleichen Preis für die Ware.

So muss sich zum Beispiel kein Kaffeebauer vor Druck durch Importeure fürchten, aber auch nicht vor der Konkurrenz, wenn die Ernte einmal schlechter ausfallen sollte.

Klar: Inflation und Preisschwankungen gibt es zwar auch im fairen Handel, der Preis fällt hier aber nie unter ein von den Kooperativen festgelegtes Minimum. Allerdings: Um als Kooperative überhaupt geprüft, aufgenommen und zertifiziert zu werden, bedarf es zunächst einer Art Aufnahmegebühr, die nicht selten saftig ausfällt.

Kritik an verschiedenen Siegeln

Recherchiert man zu dem Thema im Internet, findet sich auch viel Kritik. Denn es gibt verschiedene Siegel, die auf fairen Handel schließen lassen, doch nicht alle stehen für dasselbe: Überall herrschen andere Kriterien.

Kann man die Standards, die für das Siegel eingehalten werden müssen, bei Fair Trade Deutschland noch halbwegs transparent nachlesen – es gibt etwa Standards für den Anbau oder für die Bedingungen für die Plantagenarbeiter – verliert der Verbraucher hier schnell den Über- und Durchblick, wer für was und in welchem Umfang steht.

Kooperation mit drei Importeuren

»Viele Kriterien sind im Laufe der Zeit auch verwässert worden«, erklärt Greier. Teils müssten Produkte lediglich aus 20 Prozent Material/Zutaten bestehen, die die Fair-Trade-Bedingungen einhielten.

Und wie macht es der Weltladen? Welche Produkte gehen hier über die Ladentheke? Der Weltladen Wetzlar arbeitet vornehmlich mit drei Importeuren zusammen. Die Produkte im Weltladen stammen von der GEPA, von El Puente und von der Deutsche Welthungerhilfe (DW).

»Das sind alles Organisationen, die für sehr hohe Standards stehen – bis zu 50 Prozent oder gar mehr der verarbeiteten Zutaten stammen aus fairem Handel«, erklärt Greier. »Sie können das vergleichen mit den Demeter-Standards bei Biowaren – alle haben gewisse Standards, die für eine Zertifizierung reichen, doch einige setzen eben höhere Maßstäbe an.«

Viele Lebensmittel im Angebot

Im Weltladen findet man eine entsprechend große Auswahl an Lebensmitteln: Rohrzucker, Quinoa, edle Schokoladen, Weine, Kaffee, Gewürze, Gemüsechips, Honig, eingelegte Mango, Pralinen oder Schokoriegel – die Palette ist breit und lädt zum Probieren ein.

Im Vergleich zu anderen Weltläden führt die Wetzlarer Dependance verhältnismäßig viele Lebensmittel. Das liegt sicher auch am Engagement von Greier: Sie kocht und probiert selbst gerne.

Beim Einkauf hier kann man also sicher sein, dass höchste Standards eingehalten wurden und man mit dem Geld tatsächlich etwas Gutes tut. Ansonsten hilft nur eins: Über jedes Fair-Handel-Produkt, die Siegel und die Firmen informieren, bevor man eine Kaufentscheidung trifft.

Info

Nicht nur Entwicklungsländer

(sag). Nicht nur klassische Entwicklungsländer wie afrikanische oder südamerikanische Länder sind von schlechten Arbeitsbedingungen und Ausbeutung der Produzenten betroffen. Auch in einigen Gebieten Italiens wie etwa auf Sizilien oder in Kalabrien gibt es schlechte Bedingungen. Hintergrund sind dort oft Schutzgelderpressungen der Mafia. Die italienische Fair-Handel-Organisation Altromercato arbeitet daher mit Kooperativen zusammen, die sich unter dem Namen Libera terra zusammengetan haben und die »befreites« Mafia-Land nutzen und sich gegen die Mafia engagieren. Daraus ist das Label Addiopizzo entstanden, das Produkte von Herstellern zertifiziert, die sich den Schutzgeldzahlungen der Mafia widersetzen.

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