20. Oktober 2017, 22:39 Uhr

Fahren ohne »Risiko Mensch«

Kein Chauffeur am Steuer: Von Montag an ist das an Deutschlands größtem Airport Wirklichkeit. Der Versicherer R+V stellt ein Forschungsprojekt zu fahrerlosen Shuttlebussen vor. Busfahrer sind dennoch nicht überflüssig.
20. Oktober 2017, 22:39 Uhr
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Von DPA
Ohne Mensch am Steuer: ein selbstfahrendes Shuttle auf dem Flughafen. (Foto: dpa)

Kein Lenkrad, kein sichtbares Gaspedal. Auch die Gangschaltung ist nicht zu sehen in dem Kleinbus, der von Montag an Mitarbeiter des Frankfurter Flughafens von Terminal 1 zum Terminal 2 befördert. Der zweiwöchige Praxistest für selbstfahrende Fahrzeuge ist Teil eines Forschungsprojekts des Wiesbadener Versicherungsunternehmens R+V. »Wir wollen präzise Erkenntnisse zu den Chancen und Risiken autonomer Fahrzeuge gewinnen – und zwar auf Basis eigener Daten«, sagte Vorstandschef Norbert Rollinger am Freitag in Frankfurt.

Die beiden selbstfahrenden Kleinbusse sollen in möglichst unterschiedlichen Verkehrssituationen erprobt werden. Die etwa 1,5 Kilometer lange Teststrecke auf dem Frankfurter Flughafen ist nur ein Anfang. »Das ist zwar ein Privatgelände, aber mit rund 3 600 Fahrzeugen pro Tag können reale Straßenverhältnisse getestet werden«, sagt Rollinger. Am Ende soll der Einsatz auf öffentlichen Straßen stehen – derzeit läuft das Zulassungsverfahren für die beiden Kleinbusse, in denen jeweils elf Fahrgäste Platz finden.

Ganz ohne menschliche Begleitung geht es allerdings nicht, auch wenn das technisch möglich wäre. Die derzeitige Gesetzeslage lässt Personentransport ohne »Fahrer« nicht zu – der braucht bei mehr als acht Passagieren einen Personenbeförderungsschein. »Es dürfte schwierig sein, dafür ein Fahrzeug durch den psychologischen Test zu kriegen«, räumt Stefan Häfner ein. Er gehört zum sechsköpfigen Team des sogenannten Innovation Lab. Dort sollen neue Ideen entwickelt und umgesetzt werden – die fahrzeuglosen Shuttlebusse sind die erste Initiative.

Statt eines Fahrers gibt es deshalb einen »Operator«, der das Fahrzeug mithilfe eines Joysticks übersteuern oder einen Nothalteknopf drücken kann. Jan Dirk Dallmer, im Vorstand des Kraftfahrzeugversicherers KRAVAG, sieht bei autonomen Fahrzeugen das »Risiko Mensch« ausgeschaltet: Das Auto lasse sich weder durch ein Handy ablenken noch durch Alkohol in seiner Fahrtüchtigkeit einschränken.

Allerdings müssen die Fahrzeuge vor dem Praxiseinsatz lernen: Etwa eine Woche lang haben Entwickler und Operatoren den Shuttlebussen die Fahrstrecke der kommenden zwei Wochen beigebracht. »Das ist wie bei einem kleinen Kind, das gerade Laufen lernt«, beschreibt Marcel Heinz, Mitarbeiter des Innovation Lab.

Risiken werden angesichts der Anschaffungskosten von etwa 250 000 Euro ohnehin nicht eingegangen. Die Shuttlebusse können zwar 45 Kilometer in der Stunde fahren, sind aber auf dem Fraport-Gelände mit einer gedrosselten Geschwindigkeit von 20 Kilometern je Stunde unterwegs. Beim Praxistest besteht kein Grund zur Klage: Auch ohne Fahrer rollt das Fahrzeug sanft an, nur an einem Zebrastreifen bremst es etwas ruckartig, als sich ein Fußgänger nähert.

Als Operatoren werden ab Montag vier erfahrene Fraport-Busfahrer eingesetzt, die üblicherweise Mitarbeiterbusse oder andere Fahrzeuge über das Flughafengelände steuern. Für sie sind zunächst dreistündige Schichten vorgesehen. »Es muss schwierig sein, als Busfahrer im autonomen Fahrzeug konzentriert zu bleiben, ohne etwas zu tun«, sagt Häfner.

Flughafensprecher Dieter Hulick verweist auf den zwischen den beiden Terminals verkehrenden fahrerlosen Sky-Train. Der fährt seit 1994, wenn auch auf Schienen. Dennoch: »Wir gehören eigentlich zu den Pionieren des autonomen Fahrens«, meint Hulick.



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