09. Juni 2018, 17:00 Uhr

Exportland

Exportland Hessen: Mehr als Ahle Worscht und Grie Soß

Exportland Hessen? Autobauer Opel oder Chemiegigant Merck sind dabei. Doch auch was den Gaumen betrifft, gibt es viele Unternehmen, die für den weltweiten Markt produzieren.
09. Juni 2018, 17:00 Uhr

Die süße Verführung mit der Piemontkirsche dürfte wohl fast jeder kennen. Den Spruch »das beste, was ein Apfel werden kann« auch. Und wer produziert »aus Liebe zu kleinen Bäuchlein«? Wenn es um Produkte geht, die über die hessischen Landesgrenzen hinaus und sogar weltweit Absatz finden, dann glänzt die Region nicht nur mit Chemieriesen, einem traditionellen Autohersteller oder dem Maschinenbau, sondern auch auf dem Gebiet des leiblichen Wohls. Zahlreiche Unternehmen in Hessen produzieren Lebensmittel, die international vermarktet werden. Drei Beispiele:

 

Süße Verführer aus Stadtallendorf

Ab Mitte Juni regiert wieder König Fußball die Welt – mit der WM in Russland. Wie schon vor vier Jahren zeigt der Süßwarenhersteller Ferrero auch diesmal wieder auf besondere Weise Flagge: Erneut zieren deutsche Nationalspieler die Verpackungen von Kinderschokolade. Zu sehen sind die Ballkünstler allerdings nicht mit ihrem aktuellen Antlitz, sondern mit ihrem Gesicht in Kindertagen. In einer limitierten Sonderedition sind 14 Nationalspieler und Bundestrainer Joachim Löw dabei.

 

Weltweit 33 000 Mitarbeiter

Während in der Wirtschaftswunderzeit die Deutschen zunehmend Italien als Urlaubsland entdeckten, zog es Firmengründer Pietro Ferrero sen. nach Norden. Ferrero Deutschland wurde 1956 in Stadtallendorf gegründet. Dort begann die Produktion mit nur fünf Mitarbeitern. Heute sind es in Deutschland rund 3600 Menschen (3400 davon in Stadtallendorf). Mehrere Tausend Saisonkräfte unterstützen die Weihnachts- und Osterproduktion. Weltweit sind fast 33 000 bei dem Süßwarenhersteller beschäftigt. Der Jahresumsatz im Gesamtkonzern mit seinem Sitz im italienischen Alba betrug 10,3 Milliarden Euro im Jahr 2016.

Mon Chérie, Überraschungseier, Kinderschokolade oder Nutella sind ein Teil des Erfolgsrezeptes, das das immer noch in Familienbesitz befindliche Unternehmen zu einem internationalen Marktführer machte. Die Praline mit der berühmten »Piemontkirsche« – ein Werbegag in Anspielung auf die Herkunftsregion der Familie Ferrero – verhalf dem Unternehmen schon Ende der 1950er Jahre endgültig zum Durchbruch nördlich der Alpen.

 

Babynahrung aus Bad Homburg

Am Anfang stand eine etwas komplizierte Namensfindung. Da der Name Pauly schon für einen Zwiebackhersteller vergeben war, kam Emil Pauly auf die Idee, einen eigenen Markennamen zu kreieren. Er ließ das E aus seinem Vornamen weg und nahm als zweite Silbe die ersten drei Buchstaben seines Nachnamens, wobei er einfach die Vokale vertauschte und das U in die Mitte der neuen Firmenbezeichnung zog: Milupa.

1921 in Friedrichsdorf gegründet, avancierte das Unternehmen mit Sitz in Bad Homburg zu einem weltweit führenden Hersteller von Babynahrung. Die Angebotspalette umfasst nach Unternehmensangaben 130 Produkte: Flaschenmilchnahrung, Kinderbreie, Spezialdiäten für erkrankte Kinder, Kindertees und eine Babypflegeserie.

1995 ging das Unternehmen zunächst an den niederländischen Konzern Nutricia, der wiederum in Numico aufging. Dieser wiederum wurde im Jahr 2007 vom französischen Konzern Danone übernommen. 2003 begann eine umfangreiche Restrukturierung und die Umfirmierung in Milupa GmbH. 2005 wurde die Produktion in Friedrichsdorf eingestellt und ins Ausland (Polen, Spanien, England) verlagert.

An den Standorten Bad Homburg und Fulda sind rund 500 Mitarbeiter beschäftigt.

 

Stöffche aus Frankfurt

Das Beste, was ein Apfel werden kann, ist: flüssig. So sieht man es schon seit vielen Jahrzehnten bei der Frankfurter Traditionskelterei Possmann.

Ein Weinküfer ist für die Kellerarbeit bei der Weinherstellung zuständig, unter anderem, für die Kelterung. Ein solcher Weinküfer war der aus Laubenheim an der Nahe stammende Philipp Possmann, der Ende der 1870er Jahre anfängt, für den Ausschank in seinem neuen Wirtshaus »Zum Taunus« in Rödelheim, selbst Äpfelwein zu keltern. 1881 beginnt er, auch an andere Gaststätten auszuliefern. Der Beginn einer über 135-jährigen Erfolgsgeschichte.

1937 wird das Grundstück an der Eschborner Landstraße in Rödelheim erworben. Dort entsteht eine Abfüllerei, und dort ist auch heute noch der Firmensitz. In den Folgejahren werden die Apfelmengen kontingentiert. Schließlich darf überhaupt nicht mehr gekeltert werden.

 

U-Boote als Lagertanks

Während der Kriegsjahre produzierte Possmann ausschließlich Apfelsaft. 1947 nutzt man drei unvollendete U-Boote und baute sie zu Lagertanks um. 1978 werden eine neue Füllerei, eine geräumige Ladehalle und ein größeres Lager errichtet.

In den Holzfässern und Tanks finden bis zu 20 Millionen Liter Platz. Zum Possmann-Angebot gehören mehrere Sorten Apfelwein, Apfelsäfte, diverse Mixgetränke, Schorlen, Apfelschaumwein und Streuobstsäfte. Und nicht zuletzt der Adlerschoppen, den Possmann 2010 zusammen mit Eintracht Frankfurt aus der Taufe gehoben hat.

Possmann zählt mit seinen derzeit 60 Mitarbeitern innerhalb der Getränkeindustrie zu den weltweiten Marktführern. Der Jahresumsatz lag nach Unternehmensangaben »im niedrigen zweistelligen Millionenbereich«. Die Produktion im vergangenen Jahr belief sich auf rund 13 Millionen Liter diverser Getränke.

Info

Weitere bekannte Lebensmittelhersteller in Hessen

Licher Privatbrauerei: Die Licher Privatbrauerei wird im Jahr 1854 von Gastwirtsohn Johann Heinrich Jhring in Lich als Dampfbierbrauerei gegründet, um die elterliche Gaststätte »Zum Löwen« mit Bier zu versorgen. 1990 wurde sie von der Holsten-Brauerei übernommen. Im Jahr des 150-jährigen Bestehens 2004 erfolgte die Übernahme durch die Bitburger Braugruppe. Die Licher Brauerei hat 186 Mitarbeiter. Symbol des Unternehmens ist der Eisvogel.

G. A. Müller in Lich: Der Metzger Adam Müller gründete 1860 in Neu-Isenburg den ersten Betrieb, der sich auf die industrielle Fertigung von Frankfurter Würstchen spezialisierte. Nach zahlreichen Besitzerwechseln wurde die Produktion 2011 in ein neues Werk in Lich verlagert. Am Stammsitz existiert noch ein Werksverkauf. Das Unternehmen beschäftigt rund 70 Mitarbeiter.

Schwälbchen-Molkerei: Das in Bad Schwalbach im Rheingau-Taunus-Kreis ansässige Unternehmen mit knapp 400 Mitarbeitern an drei Standorten machte 2017 einen Umsatz von 179,4 Millionen Euro. Der Hersteller von Milchprodukten bezieht seinen Rohstoff von knapp 300 Betrieben, von denen 95 Prozent aus Hessen kommen, die übrigen aus dem Umland. Die Molkerei ist hauptsächlich im regionalen Bereich tätig: Süd- und Mittelhessen, Teile von Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern. Überregional werden beispielsweise Eiskaffee und Ayran vermarktet.

Lorenz Snack-World: Das unabhängige Familienunternehmen, 1999 gegründet, gehört zu den führenden Anbietern im europäischen Snack-Markt. Es vertreibt nach eigenen Angaben Chips, Salzstangen, Flips, Cracker und Nüsse in über 80 Ländern der Welt. Rund 2400 Menschen sind in der Zentrale in Neu-Isenburg und in weiteren Standorten in Deutschland, Österreich, Polen und Russland beschäftigt. Bis 2001 war der Firmenname Loranz-Bahlsen-Snack-Gruppe. Umsatz 2015: 490 Millionen Euro weltweit.

Meßmer Tee: Ursprünglich eigentlich kein hessisches Unternehmen, denn es wurde 1852 in Baden-Baden von Eduard Meßmer gegründet. Sein Sohn Otto ließ 1895 die Marke Meßmer Tee schützen. Dieser leitete seit 1886 die Filiale in Frankfurt/Main. Im Jahr 1990 wurde das Unternehmen Ed. Meßmer GmbH & Co., Frankfurt am Main und Grettstadt, von der Ostfriesischen Tee-Gesellschaft Laurens Spethmann GmbH & Co. KG aus Seevetal, übernommen. In Frankfurt erinnert nur noch der Name »Messmerhaus« am früheren Firmengebäude in der Hanauer Landstraße an das Teehandelsunternehmen. (rüg)

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