04. November 2018, 15:48 Uhr

Uraufführung

Explosiver Stoff verpufft

Ein »Tatort«-Kommissar als Hauptdarsteller auf der Bühne: Dietmar Bär schlüpft in der Uraufführung von »Furor« am Schauspiel Frankfurt in die Rolle eines Lokalpolitikers.
04. November 2018, 15:48 Uhr
Lokalpolitiker Heiko Braubach (Dietmar Bär, l.) unter Druck: Jerome (Fridolin Sandmeyer) zückt das Messer, aber sticht er auch zu? (Foto: Thomas Aurin)

Oberbürgermeisterkandidat Heiko Braubach gerät in der Auseinandersetzung mit einem Wutbürger an die Grenzen seiner Überzeugungskraft. Ein brisanter Stoff aus der bewährten Feder von Lutz Hübner und Sarah Nemitz.

Sie fallen alle, die Schlagwörter, die das politische Klima in Deutschland und Europa in letzter Zeit derart aufheizen: Lügenpresse, Hass-Mails, Shitstorm, Verschwörungstheorien, Volksverräter, Rechtsradikalismus, Zerstörung, Gewalt. »Ich scheiß auf die Demokratie«, ist da zu hören, vom »Dreckspack von Politikern« ist die Rede und vom »Volk, das den Bach runtergeht«. Das alles brodelt hinter der Fassade von Plattenbauten, wie das Bühnenbild von Lydia Merkel assoziiert. Die Keimzelle ist bescheiden im Stil eines schwedischen Möbelhauses eingerichtet.

 

Welten prallen aufeinander

 

Hier prallen sie aufeinander, die Welten dreier Personen, deren Ansichten nicht unterschiedlicher sein könnten, die aber eines verbindet: Angst. Angst um die Existenz, um das Leben, um die Macht und Karriere. Vielschreiber Lutz Hübner hat zusammen mit seiner Frau Sarah Nemitz diesen kleinen explosiven Mikrokosmos im Auftrag des Schauspiels Frankfurt konstruiert – ein Werk, an dem sie zweieinhalb Jahre feilten, bis es nun am Freitag vor ausverkauftem Großen Haus zur Uraufführung kam.

Dietmar Bär, den seit Bochumer Theaterzeiten eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Intendant und Regisseur Anselm Weber verbindet, stand von Anfang an als Protagonist fest, die Rolle wurde ihm quasi auf den Leib geschneidert. Auch Katharina Linder, die in »Furor« eine vom Leben gezeichnete Mutter spielt, schätzt Weber seit vielen Jahren.

 

Konfrontation in der Platte

 

In der kleinen Hochhauswohnung gibt es nun eine Konfrontation der Standesunterschiede. Bär, den als Oberbürgermeisterkandidaten scheinbar so nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann, fühlt sich seinem Gewissen verpflichtet. Denn vor zweieinhalb Wochen hat er den Sohn der Altenpflegerin zum Krüppel gefahren – ein Unfall, an dem Heiko Braubach keine Schuld trifft, da der 18-Jährige – mit Drogen vollgepumpt – vor sein Auto rannte. Doch der Ministerialdirigent, der natürlich gerne seine Wahl gewinnen möchte, will helfen, und rasch geht die anfangs so irritierte und verzweifelte Mutter auf Braubachs Vorschläge ein.

 

Hilflosigkeit gegen den Frust

 

Alles scheint auf dem richtigen Weg – bis Jerome in das Gespräch platzt. Er reißt die Verhandlungsführung an sich, fordert 100 000 Euro Schmerzensgeld plus eine monatliche Rente für seinen schwerverletzten Cousin. Fridolin Sandmeyer verkörpert das Inbild einer gescheiterten Existenz – fahrig in seinen Gesten, radikal in seinen Gedanken. Als knapp 30-Jähriger schuftet sein Jerome als Paketbote für fünf Euro die Stunde bei einem Subunternehmer der Post. Ein im Leben zu kurz Gekommener, der nun seine große Stunde in der Begegnung mit Braubach gekommen sieht. Fake-News im Netz, geheime Handy-Mitschnitte und schließlich sogar ein bedrohliches Messer: Der sichtlich nervöse Herausforderer zieht alle Register, um den fast schon stoischen Politiker aus der Fassung zu bringen. »Sie glauben an die Macht des Wortes«, schreit Jerome ihm entgegen, »und meinen, alle Probleme der Welt einfach wegquatschen zu können.« Der Frust über die da oben sitzt tief: »Da gibt es Schuldige, da läuft etwas brutal schief.«

 

Keine Antworten, keine Lösungen

 

Fein beobachtet, skizziert das Autorenpaar den Zustand der Politikverdrossenheit und Radikalisierung in Deutschland. Aber es gibt keine Antworten und erst recht keine Lösungen. Am Ende löst sich alles irgendwie in Wohlgefallen auf. Die Explosionskraft des Stoffes verpufft, die Ratlosigkeit bleibt. Dabei vertraut Regisseur Weber ganz und gar der Wirkung des Textes – und es ist den überaus präsenten Darstellern zu verdanken, dass einiges nicht doch zu sehr nach Papier klingt. Das Premierenpublikum weiß, die konzentrierte, zweistündige Leistung mit viel Beifall und Bravo-Rufen zu würdigen. Der große Wurf ist dem Dramatikerpaar Lutz Hübner und Sarah Nemitz aber diesmal nicht gelungen.

Zur Info

Emsiger Schreiber

(man). Lutz Hübner, 1964 in Heilbronn geboren, zählt zu den emsigsten Schreibern unter den Dramatikern in Deutschland. Anfangs mit Stücken wie »Das Herz eines Boxers« (1996) mehr dem Jugendtheater verpflichtet, verfasst Hübner seit Mitte der 90er Jahre regelmäßig zwei bis drei Stücke pro Jahr und arbeitet seit 2001 beim Schreiben eng mit seiner Frau Sarah Nemitz zusammen. Aus ihrer gemeinsamen Feder floss die Erfolgskomödie »Frau Müller muss weg«, die 2015 von Sönke Wortmann in prominenter Besetzung verfilmt wurde.

 

Schlagworte in diesem Artikel

  • Anselm Weber
  • Bären
  • Lutz Hübner
  • Schauspiel
  • Schauspiel Frankfurt
  • Tatorte
  • Marion Schwarzmann
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen