29. Juni 2019, 17:50 Uhr

Er war doch immer für mich da

Samstag, der 22. Mai 2010, ist ein Tag, um das Leben zu feiern. Die Sonne scheint. Und die Welt ist bunt. Auf Katharinas Plan steht Freizeit. Und abends das Champions- League-Finale mit deutscher Beteiligung. Danach dann Pfingsten. Die junge Frau aus dem Vogelsberg freut sich darauf. Doch es kommt alles ganz anders. Dieser Tag im Mai verändert ihr Leben. Und das ihrer Familie. Heute kann sie darüber sprechen, ohne gleich in Tränen auszubrechen. Aber der Schmerz ist da - und die Angst sitzt tief.
29. Juni 2019, 17:50 Uhr

Katharina schaut nach oben. »Damals hatten wir auch so schönes Wetter.« Sie senkt den Kopf und beginnt zu erzählen. Es ist die Geschichte von dem Tag, als ihr Vater starb. »Ich studierte damals in Mainz, stellte mich gerade auf eigene Füße.« Kurz vor Pfingsten fährt sie nach Hause. Sie möchte die Feiertage mit ihrer Familie verbringen, mit den Eltern und Großeltern. Alle leben im selben Dorf. Der Samstag beginnt wie erhofft, und die junge Frau genießt die unbeschwerte Leichtigkeit des Seins. Spät in der Nacht muss sie nach dramatischen Stunden erkennen, dass manchmal nicht die eigenen Wünsche und Pläne, sondern die Umstände unser Leben und unser Schicksal bestimmen.

Doch noch ist alles gut. Am Nachmittag trifft sich Katharina mit Freunden. Chillen ist angesagt - und plaudern, die Sonne genießen. Zur selben Zeit ist ihre Mutter zu Hause, sie trifft Vorbereitungen für die Feiertage. Der Vater fährt »noch mal eben« mit seiner Harley ins Nachbardorf. Da gibt es sozusagen das Vorspiel zum großen Champions-League-Finale am Abend: Nicht sehr hochklassiger, aber ehrlicher Amateur-Fußball. Zwölf Kilometer fährt der Vater, schaut sich das Spiel an und macht sich dann auf den Heimweg. Alles wie geplant. »Er war kein Raser«, sagt Katharina. »Er war eher der defensive Fahrer, der entspannte Genießer. Wenn er mit seinen Harley-Freunden oder mit meiner Mama unterwegs war, sprach er von einer Ausfahrt. So, als seien sie gemütlich mit einer Kutsche unterwegs.«

Gegen 19.15 Uhr stirbt Katharinas Vater auf einer Landstraße im Vogelsberg. Der Unfallhergang ist bekannt, doch wer in der entscheidenden Sekunde vielleicht falsch und wer richtig reagierte, wer einen Fehler machte, das lässt sich nicht genau sagen. Die Kausalität des Geschehens führt viel später zu juristischen Auseinandersetzungen. Als Katharina von dem Unfall erzählt, spürt man ihre Verbitterung über die Umstände und die Spätfolgen. Aber ihr Blick richtet sich auf ganz andere Dinge. Was sie und ihre Mutter, die Schwester und die Großeltern an diesem Abend wie aus heiterem Himmel und mit voller Wucht trifft, ist die Endgültigkeit des Todes. »Er war doch immer für mich da«, sagt Katharina. »Und dann plötzlich...« Sie verstummt, schaut ins Nichts.

An einer eher unscheinbaren und harmlos anmutenden Kreuzung löst ein Rennradfahrer, der beim Einbiegen auf die Landstraße die Vorfahrt eines Pkw missachtet, ein fatale Kettenreaktion aus. Das Auto bremst hart. Katharinas Vater nähert sich von hinten, bremst auch und versucht, nach links auszuweichen. Er touchiert das Auto, gerät auf die andere Straßenseite und prallt mit einem entgegenkommenden Motorradfahrer zusammen. Beide Männer sind sofort tot. Ins Geschehen ist noch ein dritter Biker verwickelt. Nach nicht mal zwei Sekunden ist alles vorbei. Aber die Geschichte geht weiter. Die Nächte im Mai sind kurz, aber diese Nacht ist für Katharinas Familie bis heute nicht zu Ende.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Studentin noch bei ihren Freunden. »Irgendwo, ganz weit hinten im Kopf, hat man immer wieder mal Befürchtungen, dass einem selbst etwas zustößt, worüber man sonst nur in den Zeitungen liest. Diese Ängste sind mehr diffus als konkret«, sagt sie. »Aber wenn es einen dann wirklich trifft ...« Fast zwei Stunden nach dem Unfall, gegen 21 Uhr, kommt Katharina nach Hause. Ihre Mutter ist beunruhigt, auch leicht verärgert. Sie wartet nun schon lange auf ihren Mann. Sie wollten sich doch gemeinsam in der Dorfkneipe das Champions-League-Finale Bayern gegen Inter Mailand anschauen. Sie hofft darauf, dass ihr Mann sich einfach verspätet, vielleicht einen Freund getroffen hat. Noch denkt sie nicht an eine Katastrophe.

Katharina ahnt sofort, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Schon bald weicht auch bei ihrer Mutter die Verärgerung der puren Angst. Katharina geht online, ruft - das erste Mal in ihrem Leben - instinktiv ein Nachrichtenportal für den Vogelsbergkreis auf: »Osthessen News«. Und tatsächlich: Ein Foto. Ein Motorrad liegt auf einer Straße. Zwei Frauen seien bei dem Unfall gestorben, steht da. Katharina glaubt nicht daran. Denn was sie auf dem Foto sieht, trifft sie ins Mark: Es ist eindeutig die Harley ihres Vaters. Sie ruft bei der Polizei an. Es komme gleich jemand vorbei, sagt ein Beamter. Doch niemand klopft an die Tür.

Noch haben Katharina und ihre Mutter weder die ältere Schwester noch die Großeltern informiert. Sie wollen erst genau wissen, was ist. »Unsere Angst war unerträglich«, sagt Katharina. »Wir haben bei allen Krankenhäusern in der Umgebung angerufen. Bis hinab nach Frankfurt. Niemand wusste etwas.« Die beiden Frauen gehen im Haus auf und ab. »Wir standen unter Strom.« Ein neuer Versuch bei der Polizei. »Wenn mein Kollege sagt, es kommt jemand, dann ist das de facto so«, sagt ein Beamter. »Diesen Satz werde ich nie vergessen«, sagt Katharina. Es passiert wieder nichts - de facto. »Wir haben es nicht mehr ausgehalten. Wir waren mittlerweile sicher, dass etwas ganz Schlimmes geschehen sein muss. Aber wieso sagte uns das niemand?« Katharina ist Journalistin, sie schreibt auch Unfallberichte. »Da ist in solchen schweren Fällen immer von Notfallseelsorgern die Rede. Doch zu uns kam niemand, nicht mal ein einziger Polizist.«

Mittlerweile ist es Mitternacht geworden. »Wir fuhren zur Polizeistation nach Lauterbach. Ein Beamter nahm uns in Empfang - und tatsächlich: auch ein Seelsorger war da. Er sagte, wir sollten uns erst mal setzen. Uns beruhigen. Doch wie kann man sich beruhigen, wenn man ahnt, dass der Ehemann und Vater nicht mehr lebt?«

Katharina schweigt lange. Und sagt dann hastig, so, als wolle sie den entscheidenden Satz schnell hinter sich bringen: »Ein Polizist schaute meine Mutter an und sagte: ›Ihr Mann ist tödlich verunglückt.‹ Wir sind sofort raus, mehr gerannt als gegangen. Der Seelsorger kam hinterher, rief uns zu, wir sollten besser nicht fahren. Wir konnten nicht bleiben.« Fünf Stunden waren seit dem Unfall vergangen, nur auf eigene Initiative hin wussten Mutter und Tochter endlich, was geschehen war. »Mehr aber auch nicht, das wurde uns erst viel später in der Nacht bewusst.« Katharina richtet sich auf, sagt leise: »Die nächsten Stunden kann man nicht beschreiben. Wie kann man über seine Gefühle reden, wie seine Gedanken sortieren, wenn man unter Schock steht? Wie soll ich in Worte fassen, wofür es keine Worte gibt?«

Katharina und ihre Mutter schalten um auf Funktionsmodus: Schwester anrufen, Großeltern informieren, Tränen abwischen. Die Schwester kommt noch in der Nacht. »Wir alle weinten und weinten. Wir liefen mit unserem Hund durchs Feld. Irgendwann fragten wir uns: Wo ist Papa denn eigentlich? Wo sind seine persönlichen Sachen? Wo ist sein Motorrad? In unserem Schockzustand hatten wir das völlig ausgeblendet.«

Niemand denkt an Schlaf. »Wir waren keine Sekunde im Bett. Und in der Woche danach bis zur Beerdigung auch nicht. Vielleicht sind uns die Augen auch mal zugefallen. Ich weiß es nicht mehr. Wir haben alle Unmengen Wasser getrunken, hatten unbändigen Durst. Wir haben erledigt, was zu erledigen war.« Wie am Abend des Unfalls lief es auch nachher ab: Keine Informationen. »Wir holten sie uns. Wir nahmen die kaputte Kleidung entgegen, holten das Motorrad ab, nachdem wir endlich erfahren hatten, wo es abgestellt war. Erst hieß es, man habe keine Papiere bei Papa gefunden. Wir waren aber sicher, dass das nicht stimmen konnte. Irgendwann später überreichte man uns eine Plastiktüte, darin war seine Brieftasche. Alles war voller geronnenem Blut, die Brieftasche war angeschimmelt, die Papiere waren verfault.«

Am Pfingstmontag fahren Mutter und Töchter zum Unfallort, zünden Kerzen an, legen Blumen nieder. »An der Stelle, an der mein Papa starb, fühlte ich nichts«, sagt Katharina. Der Moment des Zusammenbruchs kommt ein paar Tage später. »Ich habe immer wieder im Internet nach Berichten über den Unfall gegoogelt. Dann sah ich dieses Foto, das hat mich ausgehebelt: Einer seiner Schuhe lag auf der Straße. Es waren seine Lieblingsschuhe.« Katharina begibt sich in ärztliche Behandlung. Nur mit Psychopharmaka übersteht sie die Trauerfeier.

»Der Friedhof war voller Menschen. Die Anteilnahme aus dem Dorf und aus der Firma, in der Papa arbeitete, war riesig. Viele aus dem Harley Chapter kamen. Bis dahin war ich dem Tod nur einmal nahe gekommen, als eine Freundin gestorben war. Das war unglaublich bedrückend. Bei Papa war es ganz anders. Aber es war gut, so wie es war. Es war eine bewegende Trauerfeier, sehr tröstend. Alle sangen ›Morning has broken‹. Es war herzzerreißend. Wir haben geweint, aber wir hatten keine Tränen mehr. Wir hatten noch immer nicht realisiert, was passiert war. Aber die Reden, die Anteilnahme füllten ein bisschen die Leere, die in uns war.«

Der Mann, mit dem ihr Vater zusammenprallte, war Mitglied derselben Harley-Gruppe. Seine Familie könnte eine ähnliche Geschichte erzählen wie Katharina. Die Insassen des Autos kommen alle aus Katharinas Dorf. Alle Beteiligten kannten sich. Auch das ist ein bedeutsamer Teil der Tragödie. Katharina erzählt von juristischen Auseinandersetzungen, vom Prozess in Frankfurt, von Gaffern, die auf den Zuschauerbänken saßen und dumme Kommentare abgaben.

Wenn Menschen alle Motorradfahrer über einen Kamm scheren, dann trifft das Katharina hart. Gleichwohl sagt sie: »Ja, es gibt diese Raser, da bin ich radikal. Es sind Vollidioten. Fahren wie bekloppt. Sie überholen wie irre. Mein Vater war kein Raser. Aber manche ziehen alle mit in den Dreck. Man muss differenzieren. Was ich in diesen Tagen auch gelernt habe: Auf Verkehrsstatistiken schaut man anders, wenn die Toten ein Gesicht haben.«

Katharina glaubt an ein Wiedersehen mit ihrem Vater, an ein Leben nach dem Tod. Sie weiß, dass er in der Sekunde des Zusammenpralls gestorben ist. Ihre Mutter und ihre Schwester haben ihn am Tag nach dem Unfall identifiziert. Er hatte schwerste Verletzungen. Aber für Katharina lebt er weiter. Irgendwie. Denn manchmal ist er da. In ihren Träumen, in ihrer Fantasie.

Wenn sie am Grab steht, spricht sie mit ihrem Vater. Erzählt, wie es ihr geht, und dass er ihr fehlt. Das sagt sie jedes Mal. Katharina erzählt von dem Sessel im Wohnzimmer, auf dem nun niemand mehr sitzt. Sie hütet die Fotos, die sie von ihm hat. In einem Medaillon hat sie ein kleines Bild ihres Papas. »Er begleitet mich jeden Tag. Manchmal mache ich es auf und schaue ihn mir an. Und er ist da. Ich kann mich an alles erinnern: An sein Aussehen, seine Stimme, an sein Lachen, an den Duft seines Rasierwassers.« Katharina war immer ein bisschen ein Papakind. »Ich war schon groß, da habe ich noch auf seinem Schoß gesessen. Mein Vater war mein Vorbild, mein Held. Wir verstanden uns ohne viele Worte.«

Ihre Schwester wohnt weit weg. Deshalb hat Katharina all das Leid und die Trauer mit ihrer Mutter geteilt. Sie haben viel geredet, haben Fragen gestellt wie diese: Hätte er doch... Warum ist er nicht... »Ich habe viel über den Tod gelesen«, sagt Katharina. »Ich glaube an den freien Willen - und ich wünsche mir ein selbstbestimmtes Leben. Aber wenn es um den Tod geht, denke ich, dass unsere Zeit vorherbestimmt ist. Es hilft mir, wenn ich mal wieder grübele, weil ich mir dann sage. Wenn er an dem Tag nicht bei einem Motorradunfall gestorben wäre, dann an etwas anderem.«

Der Tod ihres Vaters hat Katharina verändert »Mit 20 ist man doch noch gar nicht richtig reif fürs Leben mit all seinen Facetten. Ja, man kann schon viel und darf fast alles. Aber ich war noch ein großes Kind.« Das änderte sich von einem Tag auf den anderen. »Ganz plötzlich war ich erwachsen.«

Neun Jahre liegt der Unfall nun zurück. Ein Semester hat sie damals ausgesetzt, war fast immer zu Hause. »Bis der Alltag einkehrte, das hat Jahre gedauert. Vorbei ist es vermutlich nie. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Die Wunden vernarben, aber sie tun immer noch weh. Und das hört nie auf.«

Katharina lacht oft. Sie ist ein glücklicher und fröhlicher Mensch. Aber auch die Traurigkeit ist ihr ins Gesicht geschrieben. »Wir sind jahrelang mit quälenden Gedanken eingeschlafen - und wenn wir die Augen öffneten, war alles wieder da.« Als das Aufnahmegerät schon ausgeschaltet ist, sagt Katharina unvermittelt zwei Sätze, die von Liebe und Wärme erzählen: »Mama und ich haben oft Kontakt. Wir sind uns nah, und wir geben auf uns acht.« (Foto: privat)

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