03. November 2019, 22:31 Uhr

»Ende einer Ära« bei der Hessen-SPD

03. November 2019, 22:31 Uhr
Die neue hessische SPD-Landeschefin Nancy Faeser bedankt sich bei ihrem Vorgänger Thorsten Schäfer-Gümbel. (Foto: dpa)

Baunatal (dpa/dag). Zäsur an der Spitze der hessischen SPD: Mit der neuen Vorsitzenden Nancy Faeser gibt es nicht nur den personellen Wechsel - die 49-Jährige wird ihren eigenen politischen Stil ins Amt mitbringen. Die SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag ist empathisch, den Menschen zugewandt und lacht gerne. Ihr Vorgänger Thorsten Schäfer-Gümbel nennt sie vor der Vorstandswahl am Samstag auf dem SPD-Parteitag in Baunatal eine »Menschensammlerin«. Aber Faeser ist auch eine scharfzüngige Rednerin. In ihrer Bewerbungsrede beim Parteitag versucht Faeser mit eindringlichen Worten, den Genossen angesichts der Krise der Sozialdemokratie Mut zu machen. »Ich werbe um euer Vertrauen in die Stärke unserer Partei«, sagt sie. »Seid mutig!«

Die SPD müsse sich auf ihre Kernthemen konzentrieren. Dazu zählt Faeser die Energiewende - und wird in dem Punkt sehr persönlich. Wenn ihr Sohn Tim sie in 20 Jahren fragen wird, warum sie als Politikerin nichts gegen den Klimawandel unternommen habe, wolle sie eine Antwort haben. Der Vierjährige begleitet seine Mutter auf den Parteitag - sitzt zeitweise auf ihrem Schoß mit auf dem Podium oder spielt am Rande der Bühne mit Bauklötzen.

Die Zustimmung der Delegierten von 88,8 Prozent ist zwar kein Traumergebnis für Faeser als frisch gebackene Parteichefin - aber durchaus solide. Schäfer-Gümbel hatte 2017 bei seiner Wiederwahl 93,7 Prozent bekommen, jedoch waren die Sozialdemokraten zu dem Zeitpunkt bereits im Wahlkampfmodus und wollten dem Spitzenkandidaten den Rücken stärken. Der 50 Jahre alte Schäfer-Gümbel aus Gießen blickt in seiner Abschiedsrede selbstkritisch auf die verlorene Landtagswahl 2018 zurück, als seine Partei ein historisch schlechtes Ergebnis einfuhr. »Das war eine bittere Stunde für die hessische SPD, auch für mich persönlich.«

Nach wie vor sei er davon überzeugt, dass die SPD im Wahlkampf zur Landtagswahl 2018 auf die richtigen Themen gesetzt habe: BMW - Bildung, Mobilität, Wohnen. Aber der Umgang in der Bundespolitik mit dem Fall Hans-Georg Maaßen habe ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. »Ich sehe für mich keine Zukunft mehr im Parteivorstand. Wir brauchen einen Neuanfang.« Warum er nicht direkt nach der verlorenen Landtagswahl seinen Rücktritt verkündet habe, sei seinem Verständnis von Verantwortung geschuldet. »Ich wollte die Verhältnisse geordnet übergeben.« Die Delegierten verabschieden den scheidenden Parteichef überaus herzlich mit langem Applaus. »Es endet eine Ära«, sagt Faeser. »Das ist ein bewegender Moment. Du hast in schwierigen Zeiten die Partei wieder zusammengeführt«, würdigte Nancy Faeser Schäfer-Gümbels Einsatz, nachdem Andrea Ypsilanti 2008 mit dem Versuch gescheitert war, eine Koalition mit Grünen und Linken zu bilden.

Außergewöhnliche Geschenke

Ein Geschenk von der Partei gab es natürlich auch: »Thorsten hat eine große Freude daran, durchaus größere Fahrzeuge zu fahren als ein Auto«, erzählt Faeser und drückt Schäfer-Gümbel einen gelben Schutzhelm plus Gutschein für einen Tag Baggerfahren in die Hand.

Und was gibt der 50-Jährige seiner Nachfolgerin mit für ihre neue Aufgabe? »Es sind keine Boxhandschuhe und kein Steuerrad«, sagt Schäfer-Gümbel - und überreicht Faeser zwei Originalfahnen aus einer Fanchoreografie des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt. Die SPD-Fraktionsvorsitzende ist auch Vorsitzende des Eintracht-Fanclubs im Landtag. Schäfer-Gümbel ist bekennender Anhänger von Bayern München.

An der Seite von Faeser wird künftig der Bildungsexperte und Landtagsabgeordnete Christoph Degen als Generalsekretär an der Spitze der Hessen-SPD stehen. Der Wunschkandidat der neuen Parteichefin bekam 64,6 Prozent der Stimmen. Stellvertretende SPD-Landesvorsitzende sind die beiden Bezirksvorsitzenden Timon Gremmels (Hessen-Nord) und Kaweh Mansoori (Hessen-Süd) sowie die Landrätin des Kreises Marburg-Biedenkopf, Kirsten Fründt. Gremmels bekam eine Zustimmung von 74 Prozent, Mansoori von 88 Prozent und Fründt von 94,3 Prozent. (Seite 4)

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