18. August 2017, 21:48 Uhr

Eine neue Chance

18. August 2017, 21:48 Uhr
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Von Gerd Chmeliczek
Nima Taheri hat durch die Umschulung einen Job gefunden. (Foto: gäd)

Mit Mitte 30 noch einmal die Schulbank drücken? Noch einmal (fast) von vorne anfangen? Für viele Arbeitnehmer unvorstellbar. Nima Taheri aus Grünberg hat diesen Schritt gewagt. Der heute 37-Jährige hat kürzlich eine Ausbildung zum Restaurantfachmann abgeschlossen und arbeitet nun in dem Betrieb, in dem er auch ausgebildet wurde: Im Best Western Hotel Steinsgarten in Gießen. Das Besondere daran: Taheri absolvierte eine zweijährige begleitende Umschulung, die sich »Joblift« nennt. Die Agentur für Arbeit in Gießen, deren Bezirk neben Kreis und Stadt auch Wetterau- und Vogelsbergkreis umfasst, arbeitet dafür mit dem Institut für Berufs- und Sozialpädagogik (IBS) zusammen.

Die Voraussetzungen, um für »Joblift« infrage zu kommen, sind vielschichtig. Das Projekt wendet sich an Menschen, die ihre ursprünglichen Berufe etwa aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben konnten, bei denen die »Erstberufe« auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt sind oder die langjährige Berufserfahrungen in bestimmten Bereichen haben, jedoch keine abgeschlossene Ausbildung. Katharina Franz, Umschulungscoach beim IBS, ist von dem Modell überzeugt: »Über 90 Prozent bestehen die Abschlussprüfung. « Und alle Absolventen hätten schließlich eine Arbeit gefunden. »Joblift« gebe es seit 2012, pro Jahr habe man jeweils zehn bis zwölf Teilnehmer in Gießen und in Friedberg.

Nima Taheri hatte bereits als Barkeeper gearbeitet und war auch durch den Familienbetrieb mit der Gastronomie in Berührung gekommen. Als Fotograf, diesen Beruf hatte er in seiner Heimat, dem Iran, erlernt, wollte er nicht mehr arbeiten. Mit »Joblift« sollte es eigentlich in Richtung Elektriker gehen, doch dann öffnete sich eine andere Tür für ihn. Das Hotel Steinsgarten suchte – und fand durch Vermittlung des IBS einen neuen Mitarbeiter.

»Der Fachkräftemangel ist keine Legende«, sagt Michael Rausch, Teamleiter Arbeitsvermittlung bei der Agentur für Arbeit Gießen, zur Notwendigkeit solcher Projekte. »Joblift« habe den Vorteil, dass die Teilnehmer wie Auszubildende in den Betrieb eingebunden seien. Inklusive Berufsschule. Sie erhalten Arbeitslosengeld I sowie weitere Leistungen wie Fahrtkosten, Arbeitskleidung oder Schulmaterialien. Vom Ausbildungsbetrieb ist eine zusätzliche Vergütung von bis zu 400 Euro möglich. Sie ist freiwillig. Darüber erhalten die Teilnehmer eine Weiterbildungsprämie von 1000 Euro für die bestandene Zwischenprüfung, 1500 Euro nach dem Abschluss.

Der Umschulung vorgeschaltet ist ein viermonatiger Kurs beim IBS, in dem geprüft wird, ob die Teilnehmer fachlich geeignet sind und welche Möglichkeiten man auf dem Arbeitsmarkt mit dem neuen Wunsch hat, sagt Franz. Auch Praktika können in dieser Zeit absolviert werden. Während der Umschulung gibt es zusätzlich zur Berufsschule einen Stützunterricht von drei bis vier Stunden pro Woche. Im Vogelsbergkreis wird »Joblift« wegen der geringen Fallzahlen zwar nicht explizit angeboten, im Einzelfall können Interessierte aber entweder am Gießener Stützunterricht teilnehmen oder den Stützunterricht in Lauterbach oder Alsfeld besuchen.

Breites Spektrum

»Das ist für uns ein weiterer Markt, um an Kandidaten für eine Ausbildung heranzukommen«, sagt Hoteldirektor Sven Appelt. Es werde immer schwieriger, die Stellen zu besetzen. Daher müsse man neue Wege gehen und sich Partner suchen. Zwölf Auszubildende hat das Hotel aktuell. Alle sollen später auch übernommen werden. »Das ist bei uns immer der Plan«, erklärt Appelt. Auch Nima Taheri wurde übernommen. Durch seine hervorragenden Leistungen im Betrieb bekleidet er in seinem Bereich bereits direkt eine Führungsposition und ist unter anderem ein Ansprechpartner für die neuen Auszubildenden. »Man muss arbeiten, als sei es sein eigener Betrieb«, sagt er über einen Job als Restaurantfachmann. Er sei froh, dass er diesen Weg eingeschlagen habe, sagt der verheiratete Vater einer zweijährigen Tochter. Ihm sei im Betrieb immer viel Vertrauen entgegengebracht worden. Und auch der Arbeitgeber ist so zufrieden, dass er sich ein weiteres »Joblift«-Projekt gut vorstellen kann, erklärt Appelt.

Das Spektrum der Umschulungsberufe ist breit und reicht vom kaufmännischen Bereich bis zum Kfz-Mechatroniker, wie Michael Rausch ergänzt. Doch wie kommt der Interessent zum Arbeitgeber? Entweder »ganz normal« über eine Stellenanzeige und die entsprechende Vermittlung durch das IBS. Es sei jedoch nicht unüblich, dass die Betriebe auf das Institut zukommen und nach Kandidaten fragen würden, erklärt Franz. Unternehmen, die sich für »Joblift« interessieren, können sich direkt an die Agentur für Arbeit in Gießen wenden.



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