05. Juni 2019, 22:36 Uhr

»Ein unverzeihlicher Fehler«

05. Juni 2019, 22:36 Uhr
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Aus der Redaktion

Gießen/München (khn). Lange hatte sie geschwiegen. Nun hat die Gießenerin, die in München ihr Neugeborenes in ein Gebüsch gelegt und es dort allein gelassen hatte, vor dem Landgericht München ein Geständnis abgelegt. Was sie getan habe, sei ein »großer, unverzeihlicher und nicht wieder gutzumachender Fehler«, ließ die gehörlose 27 Jahre alte Frau über ihren Gießener Verteidiger Alexander Hauer mitteilen. Warum sie das gerade erst zur Welt gekommene Baby ausgesetzt habe, könne sie rational nicht erklären. »Im Nachhinein kann ich die spontan getroffene unmenschliche und niederträchtige Entscheidung nur zutiefst verachten.«

Hauer schilderte noch einmal den Ablauf dieses Augusttages in München aus Sicht seiner Mandantin: Wie sie ihre Facebook-Bekanntschaft im Stadtteil Neuperlach besucht und einvernehmlichen Sex mit ihm gehabt habe. Wie sie - während er schlief - heimlich den Jungen in einem Gebüsch gegenüber des Hauses gebar, die Nabelschnur durchtrennte und den Säugling liegen ließ.

Auch gab sie über ihren Verteidiger Einblick in ihr Leben. Ihr Ehemann - das war Thema an einem vorherigen Prozesstag - war von den Eltern der 27 Jahre alten Gießenerin mehr oder weniger ausgesucht worden. Sie hatten ihr Fotos von zwei Männern aus ihrer pakistanischen Heimat vorgelegt, von denen sie einen heiraten sollte. Ihr erster Sohn kam 2016 zur Welt, ihr Ehemann im November 2017 nach Deutschland.

Im Februar 2018 dann die zweite Schwangerschaft; diese stand jedoch unter keinen guten Vorzeichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Gießenerin von ihrem Ehemann getrennt. Außerdem, erklärte Hauer für seine Mandantin weiter, habe es ein Gewaltschutzverfahren gegen den Kindesvater sowie ein Sorgerechtsverfahren gegeben. Dem Vater sei das Sorgerecht entzogen worden. Mit dem Wort »Zerrissenheit« beschrieb die Frau ihren damaligen Zustand: »Einerseits wollte ich das Baby gerne bekommen, andererseits beschäftigte ich mich auch mit der Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs.« Jedoch habe sie die Schwangerschaft wegen ihrer Lebensumstände gegenüber Eltern, dem Kindsvater und Freunden verheimlicht: »Meine Angst, mich jemandem anzuvertrauen, ohne dass diese Person meine Schwangerschaft offenbart, war groß.«

Im Laufe des Verfahrens sei ihr klar geworden, in welche Lebensgefahr sie ihren Sohn gebracht habe - und welche psychischen Folgen er sein Leben lang verarbeiten müsse. Sie freue sich jedoch, dass keine körperlichen Schäden zurückgeblieben seien. Die Gießenerin wehrte sich gegen den Eindruck, sie folge dem Prozess teilnahms- und gefühllos. Das liege vor allem daran, dass sie ein sehr ruhiges Wesen habe - was die psychiatrische Sachverständige bestätigte. Außerdem müsse sie sich wegen ihrer Gehörlosigkeit auf die Dolmetscherin konzentrieren, um dem Verfahren folgen zu können.

Staatsanwalt fordert zehn Jahre Haft

Staatsanwalt Laurent Lafleur plädierte auf versuchten Mord in Tateinheit mit schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen. Für die Gießenerin forderte er eine Haftstrafe von zehn Jahren und sechs Monaten. Ihr Verteidiger Hauer wertete die Tat als versuchten Totschlag durch Unterlassen in Tateinheit mit schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen. Er beantragte eine Haftstrafe von fünf Jahren. Die Staatsanwaltschaft, sagte Hauer, habe den Charakter und die Persönlichkeit der Angeklagten bei der rechtlichen Bewertung des Mordmerkmals nicht berücksichtigt. Das Urteil wird für Freitag erwartet.



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