04. August 2017, 19:42 Uhr

Verseucht

Ei gut, alles gut?

Der Eier-Skandal zieht Kreise – auch in Hessen. Wie reagieren die Kunden? Was hört man aus den Märkten? Was ist mit weiterverarbeiteten Produkten? Einige Stimmen.
04. August 2017, 19:42 Uhr
Der Skandal um belastete Eier zieht immer weitere Kreise. (Foto: dpa)

Dass es keine Eier gibt, ist mir gar nicht aufgefallen«, erzählt Aldi-Kunde Michael Fey. »Ich esse nicht so viele. Hätte ich heute welche gebraucht, wäre ich in den nächsten Supermarkt gegangen, um zu schauen, ob es dort welche gibt.« Auch über Produkte, die möglicherweise fipronilbelastete Eier beinhalten, macht Fey sich keine Sorgen: »Ich esse kaum weiterverarbeitete Produkte. Höchstens, wenn ich essen gehe.« So ähnlich geht es Melanie Serafin. Allerdings kauft sie auch selten Eier im Supermarkt. »Ich komme vom Dorf, ich hole die Eier direkt beim Bauern. Aber wenn ich sie im Supermarkt kaufe, achte ich auf die Bio- oder Freilandkennzeichnung«, erklärt sie. Über die belasteten Eier mache sie sich kaum Gedanken. »Ich finde, man muss es auch nicht übertreiben.«

Die befragten Kunden schienen nicht verärgert über die fehlenden Eier. Aber was hat Aldi mit den Eiern gemacht? Bei Anfragen in Aldi-Märkten vor Ort gibt es keine Auskünfte, auch nicht bei der für die Region zuständigen Aldi-Zentrale in Butzbach. Antworten gibt Anamaria Reuss, Pressesprecherin des Konzerns Aldi Süd in Mülheim an der Ruhr: »Gemeinsam mit unseren Lieferanten sortieren wir die Ware aus und geben sie ihnen zurück.

Alle ab heute in den Filialen zu kaufenden Eier stammen aus Legebetrieben, bei denen kein Fipronil nachgewiesen wurde.«

 

Nicht beunruhigt

 

Karin Pfeiff kommt mit einem vollen Korb aus dem Lidl-Markt ihres Vertrauens in der Marburger Straße. Eier befinden sich darin nicht: Die Ärztin aus Gießen kauft diese gewöhnlich direkt beim Bauern. Dennoch ist die Eier-Affäre ein Thema für sie: »Man sollte schon genau hinschauen. Da ich überwiegend selbst koche, habe ich in der Hand, was auf den Tisch kommt.« Andere Produkte, in denen Eier verarbeitet sind, kauft sie bei Bedarf dennoch: »Den Kompromiss muss ich eingehen.« Vor dem Markt belädt Peter Bopp aus Wettenberg seinen Kofferraum. Eier sind nicht dabei – weil er noch welche zu Hause hat. Sein Einkaufsverhalten hat er nicht umgestellt: »Ich habe das Thema registriert, bin aber nicht beunruhigt.« Und überhaupt: »Man weiß ja auch nicht, ob es vor einem Vierteljahr nicht auch schon so war.«

Gekauft wird wie immer.

Bäckereifachverkäuferin

In der Bäckereifiliale Müller im Rewe-Markt in der Frankfurter Straße schüttelt Vanessa Schäfer den Kopf. Das Ei auf dem belegten Brötchen oder als Inhaltsstoff in den Backwaren sorge nicht für Rückfragen: »Die Kunden äußern sich nicht beunruhigt«, sagt die Angestellte des Unternehmens aus Burgwald im Landkreis Waldeck-Frankenberg. »Gekauft wird wie immer.« Eine Großbäckerei im heimischen Raum mit großem Filialnetz hat ebenfalls bisher keinerlei Rückfragen von eventuell verunsicherten Kunden – verwendet aber nach eigenen Angaben ohnehin nur Eier aus Deutschland.

Auch Rewe-Kunde Jannis Zimbelmann aus Buseck kauft ein wie bisher, ist allerdings nachdenklich: »Jetzt ist mal etwas öffentlich geworden, aber sonst weiß man ja auch nicht unbedingt, was drin ist in den Produkten.« Rewe sieht derzeit, anders als Aldi, keine Veranlassung, sämtliche Eier aus dem Verkauf zu nehmen. Hiesige Marktleiter äußern sich nicht, für sie erklärt Klaus Mayer, Leiter des Qualitätsmanagements der Rewe Group in Köln: »Die Lage in Deutschland ist nicht mit der in den Niederlanden vergleichbar. Wir beobachten die Entwicklung engmaschig und tauschen uns mit den Behörden aus. Wir fordern von unseren Lieferanten Garantien und Untersuchungsergebnisse bis zum einzelnen Stall.

Sollten wir zu der Erkenntnis kommen, dass weitergehende Schritte notwendig werden, so werden wir entsprechend reagieren.« Die betroffenen Eier wurden entsorgt.

Und was ist mit den Höfen in der Region? »Die Leute rennen uns die Tür ein«, erzählt beispielsweise der Hungener Landwirt Ingo Schmalz. Normalerweise verkaufe sein Hof 250 Eier am Tag. »Gestern waren es über 500.« Er habe befürchtet, dass das Geschäft wegen des Skandals um die verseuchten Eier zurückgehe. »Es ist aber die beste Werbung für uns.« Schmalz, der im Vorstand des Bauernverbands Gießen/Wetzlar/Dill die Junglandwirte vertritt, warnt indessen in der Frage der belasteten Eier vor Hysterie.

 

Quarzsand statt Fipronil

 

Andreas Veith ist Betreiber von zwei mobilen Hühnerställen in Dorheim. Mehr Eier als vor dem Fipronil-Skandal habe er bislang noch nicht verkauft. »Die Nachfrage auf meiner Facebook-Seite ist allerdings gestiegen. Ich hatte neue Aufrufe und auch Fragen zu meinen Verkaufsöffnungszeiten«, so der Landwirt. Überhaupt habe er sich den direkten Eierverkauf einfacher vorgestellt. »Das Problem ist die Bequemlichkeit der Menschen. Die Leute wollen nur in einem Markt alles bekommen.

Da geht keiner mehr direkt zum Bauern, um Kartoffeln zu kaufen, und dann zu einem anderen für die Eier«, bedauert Veith. Er verkauft drei Viertel seiner Eier deshalb auch an Edeka und Rewe. An seine Hühner lasse er auch keine Chemie wie Fipronil. Gegen Milbenbefall seiner Hühner verwendet er einen ganz feinen Quarzsand. Dieser ist für die Schädlinge so scharfkantig, dass sie daran sterben.

Wir verwenden keine frischen Eier in unseren Mensen und Cafeterien.

Abteilungsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit des Studentenwerks Gießen

Auch der Hof Obersteinberg der Familie Fay in Pohlheim setzt auf chemiefreie Schädlingsbekämpfung bei ihren Hennen. »Wir wollen die Eier ja auch selbst essen«, erklärt Catja Fay. Mit Einstreu aus Calciumcarbonat und Bentonit wird Feuchtigkeit im Stall gebunden. »Die Hühnermobile sind besser geeignet als feste Ställe, da dort beispielsweise wenig Ritzen sind, in denen sich die Milben ausbreiten können. Wichtig sind auch die Schüsseln mit Sand auf dem Boden unter den Sitzstangen. Darin können die Hühner ihr Gefieder säubern und Milbenbefall vorbeugen«, erklärt Philipp Fay. Der Fipronil-Skandal habe sich an ihrem Verkaufsautomaten bemerkbar gemacht. »Die Eier waren deutlich schneller ausverkauft.«

 

Mensen wollen es wissen

 

Gekochte Eier im Salatbuffet, auf Brötchen sowie verarbeitet in Backwaren und Nudeln gibt es auch in den Mensen der regionalen Hochschulen. »Wir verwenden keine frischen Eier in unseren Mensen und Cafeterien«, sagt Eva Mohr, Abteilungsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit des Studentenwerks Gießen. Eier würden nur verarbeitet, etwa in gekochter oder anderweitig vorverarbeiteter Form, etwa in Backwaren, angeliefert, erklärt Mohr. Das Werk betreibt Essensausgaben der Justus-Liebig-Universität in Gießen, der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen und in Friedberg sowie weitere Standorte in Wetzlar und Fulda. »Wir haben bereits eine Anfrage an unsere Zulieferer gestellt, wo die Eier genau herkommen«, sagte Mohr am Freitag. Den Weg der Eier nachzuverfolgen, sei besonders bei verarbeiteten Produkten nicht ganz einfach. Die Mensen und Cafeterien des Studentenwerks Gießen verzichten generell auf Eier aus Käfighaltung. 2010 erhielt das Studentenwerk dafür das »Goldene Ei«, einen Tierschutzpreis.

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