08. Juni 2017, 09:59 Uhr

Tabu

Dunkle Geheimnisse der Familie

In jeder Familie gibt es sie: Geheimnisse. Bleiben diese im Verborgenen, kann sich das noch auf das Verhalten von Kindern und Enkeln auswirken.
08. Juni 2017, 09:59 Uhr
Das Leben von Vorfahren kennt man manchmal nur von alten Fotos. Dabei kann ein dunkles Familiengeheimnis noch auf spätere Generationen wirken. (Foto: fotolia/aytuncoylum)

Natürlich war er in der SS. Euer Vater war sogar in der Waffen-SS«, sagt ein Mann auf der Familienfeier zu den Geschwistern seiner Frau. Betretenes Schweigen. »Also, davon weiß ich nichts«, sagt der älteste Bruder schließlich und lässt ein Fotoalbum aus den Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg sinken. »Ich habe doch die Fotos aus dem Krieg gesehen – und auch etwas nachgeforscht«, beharrt der Angeheiratete weiter auf seinen Erkenntnissen. »Das kann ich mir nicht vorstellen«, sagt nun eine jüngere Schwester. Als die Gastgeberin einen neuen Gang auftischt, ist die Familie froh, das Gesprächsthema wechseln zu können.

Die Situation in dieser Familie könnte so ähnlich auch in vielen anderen deutschen Familien abgelaufen sein. Um das Verhalten der eigenen Angehörigen im Dritten Reich rankt sich auch in Mittelhessen so manches Geheimnis. Aber auch Themen wie Alkoholismus, Adoption, Armut, sexuelle Gewalt, Schläge in der Ehe oder gegenüber Kindern bis hin zu Mord oder Inzest bezeichnen Psychologen als dunkle Familiengeheimnisse.

 

»Problemkind« durch Ehestreit

 

In jeder Familie gibt es gewisse Geheimnisse. Sie verleihen den Wissenden Macht und können Uneingeweihte ausschließen. Eine dunkles Geheimnis zu kennen, kann jedoch auch verwirren, bestürzen oder verletzen, weiß US-Psychologe John Bradsahw. Dennoch warnt er in seinem Buch »Familiengeheimnisse« davor, unangenehme Wahrheiten im Verborgenen zu belassen: »Auch wenn Sie über all diese Dinge nichts wissen, können Sie doch darunter leiden – manchmal sogar sehr .« Das reicht von seltsamen Gedanken und Gefühlen bis zur Wiederholung der Verhaltensweisen der Eltern im Leben der Kinder oder Enkel. Das Sprichwort »Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß« ist für den Psychologen daher eine potenziell gefährliche Aussage.

Doch warum beeinflusst uns das Leben unserer Verwandten so sehr? Die Familie ist ein soziales System, sagt Murray Bowen, ein Pionier der Familientherapie. In diesem Gefüge beeinflussen sich die Mitglieder gegenseitig. Ist das System aus dem Gleichgewicht, zum Beispiel durch Eheprobleme der Eltern, können Kinder intuitiv in die Rolle geraten, die Familienharmonie wiederherstellen zu wollen – selbst wenn das Paar die Uneinigkeit zu verheimlichen versucht. Dabei kann es so weit kommen, dass ein Kind krank oder verhaltensauffällig wird.

Was Sie nicht wissen, kann Ihnen trotzdem schaden

Psychologe John Bradshaw

Die Eltern widmen ihre Aufmerksamkeit dann dem »Problemkind« und übergehen ihre eigenen Ehestreitigkeiten. Anders als in einer solchen Abhängigkeitsspirale sollten reife, ausgeglichene Familien jedem Mitglied ermöglichen, sich abzugrenzen und eine gefestigte Identität zu entwickeln, meint der Therapeut Murray.

Was Familienmitglieder untereinander oder nach außen geheim halten, kann individuell verschieden, aber auch von gesellschaftlichen Normen geprägt sein. In früheren Zeiten wurde eine Ehefrau zum Beispiel offen als Besitz ihres Mannes betrachtet. Geisteskrankheit oder geistige Behinderung hingegen wurden oftmals verheimlicht. »Das Kind ist nicht so, wie es sein soll«, hieß es etwa hinter vorgehaltener Hand.

Neben dunklen Familiengeheimnissen kennen Psychologen auch gesunde Geheimnisse. Sie schützen die Würde, Intimität und Freiheit eines Menschen. Dazu zählt Bradshaw etwa Informationen über Nahrungsaufnahme, Ausscheidungen, Sexualität, Fortpflanzung, Geburt, Leid und Tod. Auch Koalitionen unter Geschwistern gegenüber den Eltern nennt er völlig normal. Ebenso berichteten Eltern ihren Kindern nicht alles; ärgert sich die Mutter etwa über eine Kollegin im Büro, erzähle sie das eher nur ihrem Mann.


Sensibilität oberstes Gebot

Unter welchen Bedingungen sollte man also Familiengeheimnisse lüften? Generell gilt, wer Geheimnisse seiner Familie ergründen will, muss sich oft auch mit den dunklen Flecken auf der eigenen Persönlichkeit auseinandersetzen. In jedem Fall ist im Umgang mit den Familienmitgliedern Sensibilität gefragt. Je schwerer ein Geheimnis wiegt und je mehr es die Eingeweihten oder auch die Unwissenden krank macht, desto wichtiger sei es, Licht ins Dunkel zu bringen, meint der Psychologe Bradshaw. Bei kriminellen Handlungen wie Drogenhandel, Verstümmelung oder sexueller Gewalt sei eine Konfrontation unerlässlich. Die Folgen könnten für Täter und Opfer gravierend und sogar gefährlich sein, weshalb professionelle Hilfe eines Therapeuten angebracht sei. Aber auch Alkoholismus, Essstörungen, Adoption, Arbeits- oder Spielsucht bergen Gefahren und sollten angesprochen werden, meint der Psychologe.

Homosexualität, Dreiecksbeziehungen, seelische Störungen oder Ängste, Rassenvorurteile, spirituelle Krisen oder Armut zu verheimlichen, hält Bradshaw ebenfalls für schädlich. Ob man solche Dinge in einer Familie zur Sprache bringen sollte, sei jedoch eine individuelle Entscheidung. Je nach persönlichem Zustand, sozialem, gesellschaftlichem, ethnischem und religiösen Umfeld, sind solche Geheimnisse auch Teil der Privatsphäre und nicht für alle Ohren der Familie geeignet.

Info

Kuckuckskinder

Uneheliche Kinder und sogenannte Kuckuckskinder gab es in allen Zeiten. Dank der Genforschung reicht für den Nachweis der Vaterschaft schon ein Haar oder ein gebrauchter Schnuller. Um Missbrauch zu verhindern, hat das Bundesverfassungsgericht heimlichen Vaterschaftstests einen Riegel vorgeschoben. Seither gibt es zwei Möglichkeiten, gerichtlich die Verhältnisse zu klären:
- Vaterschaftsklage: Ein Mann, der Zweifel hat, ob sein Kind wirklich von ihm stammt, kann die Vaterschaft anfechten. Dieser Weg steht auch Mutter und Kind offen, genauso einem außenstehenden Mann, der sich für den wahren Vater hält. Für den DNA-Test muss aber ein begründeter Verdacht vorliegen. Das Testergebnis hat rechtliche Folgen und wirkt sich auf Sorgerecht oder Unterhaltsansprüche aus.
- Abstammungsklärung: In bestimmten Fällen ist es möglich, die Abstammung ohne rechtliche Konsequenzen prüfen zu lassen. Einen Anspruch darauf haben nur das Kind, seine Mutter und der Mann, der rechtlich als Vater gilt. Sie können auch zum Gentest gezwungen werden. Besteht keine Verwandtschaft, kann die Vaterschaft angefochten werden; das muss aber nicht passieren.

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