24. Juni 2018, 21:00 Uhr

Rheingau Musik-Festival

Dieser Klang macht süchtig

Das HR-Sinfonieorchester spielt in einer eigenen Liga. Das beweist das Ensemble erneut zum Auftakt des Rheingau Musik-Festivals. Auch wenn der Chefdirigent erkrankt ist und ein Altmeister in die Bresche springt.
24. Juni 2018, 21:00 Uhr
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Von Manfred Merz
Vorn spielt die Musik: Das Eröffnungskonzert des Rheingau Musik-Festivals in der Basilika von Kloster Eberbach dirigiert Eliahu Inbal mit sicherer Hand. (Foto: Ansgar Klostermann)

Dieser traumhaft reine und ausgewogene Klang macht süchtig. Sobald das HR-Sinfonieorchester in großer Besetzung aufspielt, ist Hörgenuss garantiert. Auch wenn die Werkauswahl zur Eröffnung des Rheingau Musik-Festivals in der Basilika von Kloster Eberbach etwas beliebig erschien mit Puccinis »Messa di Gloria« und der Programmsinfonie »Harold en Italie« für Orchester und Solobratsche von Hector Berlioz.

Dessen allseits beliebte und etwas überstrapazierte »Symphonie fantastique« bildete bereits im Vorjahr den Auftakt des Festivals. Offenbar hat sich Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada ein wenig in die Werke des französischen Romantikers verliebt.

 

Vierzehn ersten Geigen stehen nur fünf Bässe gegenüber

 

Doch der junge Maestro aus Kolumbien stand am Samstag nicht am Pult. Krankheitsbedingt sagte er das Konzert kurzfristig ab. Das galt auch für den einen und anderen Orchestermusiker, die nach einer China-Reise passen mussten. Den vierzehn ersten Geigen standen diesmal nur fünf Bässe und nicht wie gewohnt mindestens sechs tiefe Streicher gegenüber.

Für Orozco-Estrada sprang der ehemalige langjährige Chefdirigent und heutige Ehrendirigent des Orchesters, Eliahu Inbal, in die Bresche. Als Berlioz-Spezialist freute sich der 82-Jährige auf den Franzosen Antoine Tamestit an der Viola, seinen alten Wirkungskreis und auf den Puccini. Sowohl »Harold en Italie« als auch die »Messa di Gloria« spielte Inbal in den 1980er Jahren mit den HR-Sinfonikern auf CD ein. Das ursprünglich vorgesehene Programm blieb also unverändert.

 

Stradivari aus dem Jahr 1672

 

Berlioz beschrieb die einzelnen Sätze genau, zum Auftakt notierte er: »Harold in den Bergen. Szenen der Melancholie, des Glücks und der Freude.« Inbal führte den Klangapparat mit taktgenauen Gesten und der Geduld des gereiften Dirigenten. Tamestit zeigte an der Bratsche großes Können, bewies in den fein herausgearbeiteten Läufen Nachdruck und meisterte selbst die heikelsten Wendungen. Das ausdrucksstarke und gleichsam etwas schwermütig wirkende Klangbild seiner Stradivari aus dem Jahr 1672 sucht seinesgleichen.

In der Puccini-Messe nach der Pause schimmert der ganze Stolz des späteren Opernkomponisten durch. Das wurde schon zu Beginn deutlich, als der bestens aufgelegte MDR-Rundfunkchor zu einem unter die Haut gehenden »Kyrie eleison« ansetzte. Als Solisten standen Massimo Giordano (Tenor) und Shenyang (Bassbariton) auf der Bühne, die beide dem Stück in vergleichsweise kurzen Passagen ihren Stempel aufdrückten. Das Orchester musizierte einmal mehr in einer eigenen Liga. Langer, herzlicher Applaus vom ausverkauften Haus.



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