27. April 2019, 17:00 Uhr

Milchbauern

Die Preisangst im Nacken

Entscheidende Wochen für die Milchbauern: Molkereien und Lebensmittelhandel setzen den Milchpreis für die kommenden sechs Monate fest. Zuletzt sind die Betriebe damit nicht gut gefahren.
27. April 2019, 17:00 Uhr
Viele Landwirte blicken aufgrund der niedrigen Milchpreise sorgenvoll in die Zukunft. Oftmals kann der Hof nicht länger so weitergeführt werden, wie es in der Vergangenheit der Fall war. (Foto: dpa)

Der Arbeitstag von Milchbauer Matthias Löw hat satte 15 Stunden. In der Zeit füttert und melkt er auf dem Hof in Bad Camberg die Kühe, reinigt den Stall, bestellt die Äcker. Nebenbei muss manches repariert werden. Kaputtgehen darf nichts – denn Geld ist knapp.

»Wenn der Vater und die Mutter nicht so mitkämpfen würden, dann wäre das alles undenkbar«, sagt der 42-Jährige. Von den Strapazen und Sorgen der Landwirte kriegen die Konsumenten wenig mit.

69 Cent zahlen Verbraucher bei Aldi und Co. für einen Liter Vollmilch der untersten Preiskategorie. Anfang 2018 waren es noch 78 Cent. Eingerechnet sind darin bereits Mehrwertsteuer, Lagerung, Handelsspannen sowie Produktions- und Verpackungskosten.

Investitionen müssen warten

Was Verbraucher freut, sorgt bei den Erzeugern für Unmut. »Ende des Jahrtausends hat die Milch noch Geld gekostet«, erinnert sich Franz Theo Löw (68). Damals schien es sinnvoll, in den Ausbau des Familienbetriebs zu investieren. Doch der Milchpreis hielt nicht das Niveau der 90er Jahre, die Kalkulationen wurden hinfällig.

Zugleich altert die Melkanlage. »Wir würden gerne noch investieren. Das wird aber immer weiter nach hinten geschoben und es wird sich nur auf das Nötigste beschränkt«, erklärt der Junior. »Mit dem Milchpreis aktuell bei 32 Cent, da wird es wieder sehr, sehr eng.«

Preise gelten für halbes Jahr

Der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) fordert seit Jahren einen Erzeugerpreis von 40 Cent pro Liter. Zweimal im Jahr, im April und im Oktober, werden die Preise vom Handel mit den etwa 80 deutschen Molkereien neu verhandelt. Die Preise gelten dann für ein halbes Jahr.

»Die Landwirte haben überhaupt keinen Einfluss auf die Preise. Nur indirekt, wenn sie zu viel produzieren«, kritisiert Matthias Löw.

Günter Berz-List, Chef der Schwälbchen Molkerei, die die Rohmilch der Löw’schen Kühe weiterverarbeitet, sieht das anders: »Zwei Drittel der deutschen Milchmenge wird von den Genossenschaftsmolkereien erfasst. Und die Eigentümer dieser sind die Landwirte selbst. Die Landwirte haben es also selbst in der Hand«, sagt Berz-List.

Landwirte im Dilemma

Die Milchmenge zu steuern – das versuchten die Europäer mit der »Milchquote«, die bis 2015 galt. Jedem Mitgliedsstaat und in der Folge praktisch auch jedem Milchbauern wurden feste Quoten zugewiesen. »Wir wären froh gewesen, wenn wir die Milchquote behalten hätten«, sagt Matthias Löw.

Landwirte stecken heute im Dilemma: Ist der Milchpreis niedrig, füttern und melken sie mehr, um durch Menge den niedrigen Preis zu kompensieren. Aber das heizt den Preiskampf eher noch an.

Ein Ausweg könnte nach Einschätzung von Milchviehhaltern eine nicht-staatliche Quote sein. Der Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbands (MIV), Eckhard Heuser, ist skeptisch: »Was in 30 Jahren nicht funktioniert hat, wird auch morgen in bäuerlicher Hand nicht funktionieren.«

Preisabsprachen verboten

Könnten Molkereien in den Verhandlungen nicht gemeinschaftlich mehr Geld durchsetzen? »Die Preisabsprache ist verboten«, sagt Heuser.

Die Privatmolkerei Schwälbchen ist hauptsächlich regional tätig. »Die Landwirte fahren mit uns eigentlich ganz gut«, sagt Schwälbchen-Chef Berz-List. Fünf oder zehn Cent mehr als Konkurrenten auszuzahlen, sei aber unmöglich.

Hoffen, dass es irgendwann besser wird – mehr bleibt jungen Bauern oft nicht. »Man will den Betrieb, der durch Generationen entstanden ist und aufgebaut worden ist, nicht einfach so gegen die Wand fahren«, sagt Matthias Löw.

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