06. September 2017, 22:06 Uhr

Die Angst ist zurück

Frankfurt gehört wieder zu den wichtigsten jüdischen Zentren in Deutschland. Doch viele geben sich nicht als Juden zu erkennen, weil sie Angst vor Anfeindungen haben. Ein besonderes Dilemma erleben neu zugewanderte Israelis.
06. September 2017, 22:06 Uhr
Die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Deutschland steigt wieder. Synagogen und jüdische Vereine versuchen Aufklärungsarbeit zu leisten. (Foto: dpa)

Vor der Synagoge sind Betonbarrikaden errichtet. Und an der Seite des Jugendstilbaus mit seiner gewaltigen Kuppel wacht die Polizei in einem Häuschen. »Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man hier reinkommt«, sagt drinnen im prachtvollen Gebetsraum Avichai Apel. Der 42-Jährige ist orthodoxer Rabbiner in der über 100 Jahre alten Westend-Synagoge. Als einzige in Frankfurt hat sie die Zerstörungen des Nationalsozialismus überdauert.

Heute ist die Synagoge wieder das religiöse Zentrum der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, die seit dem Ende des Kriegs wieder auf 7000 Mitglieder angewachsen ist. Neben der kleinen Gruppe der Holocaust-Überlebenden haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor allem Juden aus Osteuropa für neuen Zulauf gesorgt. Die dritte Gruppe sind vor allem jüngere Zuwanderer aus Israel, von denen immer mehr Deutschland für sich entdecken.

Frankfurt, das in seiner fast tausendjährigen jüdischen Geschichte berühmte Familien wie die Rothschilds hervorgebracht hat, gehört heute wieder zu den vier größten deutschen Gemeinden. Man versteht sich als Einheitsgemeinde – trotz so mancher religiöser Zwiste sind orthodoxe wie liberale Strömungen in der Synagoge vereint.

»Wir haben ein aktives soziales Leben«, berichtet Apel. Es gibt Krippen und Kindergärten, ein jüdisches Mittelstufengymnasium und Altenzentren. Die Gemeinde hat dank der Hilfe von Stadt und Land genügend Geld zur Verfügung. Frankfurt hat auch jahrzehntelang etwa mit Ignatz Bubis oder Salomon Korn die einflussreichsten Repräsentanten jüdischen Lebens im Nachkriegs-Deutschland gestellt.

»Wir leben wie auf einer Insel hier«, sagt Apel. Eine florierende Gemeinde also – wäre da nicht das anscheinend ewige Problem des Antisemitismus. Er wächst wieder, wie Apel sagt. Auch die Frankfurter Juden tun sich schwer, sich in der Öffentlichkeit etwa durch ihre Kopfbedeckung Kippa offen zu ihrer Religion zu bekennen. »99,5 Prozent« der Gemeinschaft verzichte darauf, sagt Apel. Er selbst hat aber als Rabbiner im öffentlichen Leben – anders als zuvor in Dortmund – keine negativen Erfahrungen gemacht.

Verschiedene Konzepte

Anders in den Schulen: »Das Schimpfwort ›Jude‹ ist derzeit neben ›Schwuler‹ das meistgebrauchte auf den Schulhöfen«, sagt die Frankfurter Kulturwissenschaftlerin Julia Bernstein. Lehrer stünden diesen Beschimpfungen, die Jugendliche oft unwissend und provokativ benutzten, meist hilflos und schweigend gegenüber. Gefordert sei aber – ohne Moralisieren – eine offene Diskussion, fordert die Professorin.

Die Gründe für den wieder offen aufgeflammten Antisemitismus scheinen vielfältig: Rabbiner Apel spricht von einem globalen Problem, da Israel derzeit weltweit isoliert dastehe. Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank – die junge Frankfurter Jüdin hat ihr weltberühmtes Tagebuch einst im Amsterdamer Hinterhausversteck geschrieben – sieht im Gaza-Krieg im Sommer 2014 eine entscheidende Zäsur. Der Pädagoge widerspricht auch der weitverbreiteten Ansicht, dass antisemitische Vorfälle vor allem auf das Konto von Muslimen gingen. Dennoch ist aus Sicht der jüdischen Gemeinde gerade für die überwiegend muslimischen Flüchtlinge, die in den vergangenen zwei Jahren ins Land gekommen sind, Aufklärung notwendig. Die in Frankfurt ansässige Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland – der Caritas und Diakonie vergleichbar – hat eigens dafür einige arabische Israelis nach Deutschland zur Arbeit mit Flüchtlingen geholt.

Angesichts des wachsenden Antisemitismus suchen viele Juden in der gegenwärtigen Situation vor allem für ihre Kinder wieder einen Schutzraum. So soll die jüdische Schule jetzt auch eine gymnasiale Oberstufe erhalten. Dabei kann beim Umgang mit Vorurteilen und Ängsten eine Offensivstrategie durchaus funktionieren, wie das Beispiel von Makkabi Frankfurt eindrucksvoll beweist.

Der Turn- und Sportverein sucht seit fünf Jahren offensiv nach nicht jüdischen Mitgliedern. Von 1300 sind inzwischen 60 Prozent Nichtjuden. Jüngst hat der Verein sogar Schwimmunterricht für muslimische Frauen organisiert, wie Präsident Alon Meyer sagt.

Makkabi Frankfurt ist inzwischen zum Erfolgsmodell für Sportvereine jüdischen Ursprungs in ganz Deutschland geworden. Bei Fußballspielen, bei denen es zu »Problemen« kommen könnte, versucht Makkabi auf die gegnerischen Mannschaften schon im Vorfeld zuzugehen. Beschimpfungen und körperliche Gewalt sind inzwischen seltener geworden. »Wenn wir vor fünf bis sechs Jahren zehn Vorfälle im Monat hatten, dann haben wir jetzt zwei bis drei«, sagt Meyer.

Der in Frankfurt aufgewachsene junge Immobilienkaufmann freut sich über diese Fortschritte. Er sieht wie fast alle in der jüdischen Gemeinde das Grundsatzproblem darin, dass die Juden in Deutschland von vielen in Gesamthaftung für das Handeln Israels genommen werden. Ein Dilemma, das vor allem auch aus Israel eingewanderte Juden schmerzlich erfahren. Nicht wenige davon haben das Land verlassen, weil sie dort einen nicht jüdischen Partner nicht heiraten können. Oder weil sie mit der Politik unzufrieden sind – doch in Deutschland geraten sie dann wieder zwischen die Fronten und müssen Israel verteidigen. Ein Teufelskreis, sagt die Sozialwissenschaftlerin Dani Kranz aus Wuppertal, die über die neuen Zuwanderer geforscht hat.

Von diesen Widersprüchen berichtet auch Mordechai Barak. Seine Familie hat deutsche Wurzeln, seit neun Jahren wohnt er in Frankfurt. Barak betreibt inzwischen in Bornheim eine eigene Bäckerei und ein Café mit »jüdischem Touch«. Rund 20 000 Israelis leben derzeit in Deutschland, die meisten in Berlin. In Frankfurt sind es 1200.

Dazu gehört auch die israelische Journalistin Adi Hagin, die in der Finanzmetropole ihre große Liebe gefunden hat. Seit dreieinhalb Jahren lebt sie nun hier mit ihrem deutschen Mann und zwei Kindern. »Ich fühle mich einem arabischen Israeli oft näher als anderen Juden«, sagt die Friedensaktivistin, für die ihre kulturellen Bindungen zu Israel und ihrer dortigen Familie aber sehr wichtig sind. Zur jüdischen Gemeinde in Frankfurt hat die überzeugte Atheistin die Beziehungen gekappt.

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