03. September 2019, 21:32 Uhr

Der unerfüllte Traum

03. September 2019, 21:32 Uhr
Schäfer-Gümbel

Es ist ein bewegender Moment, als Thorsten Schäfer-Gümbel zum letzten Mal ans Rednerpult im Landtag schreitet. Nicht nur für ihn selbst. Auch für seine Fraktion, die ihm viel zu verdanken hat. Zwar hat es der Licher in drei Anläufen nicht geschafft, seine Partei im einstigen Stammland der Sozialdemokratie wieder in die Regierung zu führen. Was auch für ihn persönlich eine bittere Enttäuschung war. »Mein großer Traum, Ministerpräsident dieses Landes zu werden, ist nicht in Erfüllung gegangen«, resümierte er gestern. Doch Schäfer-Gümbels Verdienst ist es, dass die hessische SPD heute - trotz stürmischer Zeiten - wieder als geeinte Partei dasteht. Nach dem Desaster um die gescheiterte Regierungsübernahme von Andrea Ypsilanti, die über drei Abweichler aus den eigenen Reihen stürzte ist, gelang es Thorsten Schäfer-Gümbel in mühsamer Kleinarbeit, die verfeindeten Flügel der hessischen SPD zusammenzuführen. So ist es heute keine große Überraschung mehr, dass die Wunschnachfolgerin des eher linksorientierten SPD-Fraktionschefs, die bisherige Generalsekretärin Nancy Faeser, dem rechten Flügel der Partei zugeordnet wird.

Schäfer-Gümbel hat den hessischen Sozialdemokraten zudem auf bundespolitischer Bühne großes Gewicht verliehen. Zunächst als stellvertretender Bundesvorsitzender und jetzt als kommissarischer Parteichef im Trio mit Malu Dreyer und Manuela Schwesig, hat er in der Partei ein hohes Ansehen erworben. Seine ausgeprägte Sachkenntnis, sein strategisches Denken und seine Fähigkeit zum Ausgleich divergierender Interessen haben ihm den Weg für seine Karriere im Bund wie auch in Hessen geebnet.

Im Weg stand ihm jedoch stets sein etwas spröder Umgang mit den Medien. Während Schäfer-Gümbel im kleinen Kreis durchaus humorvoll ist, einfühlsam mit Menschen umgeht und eine gewinnende Art an den Tag legt, wandelt sich sein Gesicht, sobald eine Kamera auf ihn gerichtet ist. Plötzlich spricht dann ein sehr ernster, fast verbissener und trocken-rationaler Mensch, dem es auch nach zehn Jahren Übung im Umgang mit den Medien noch schwerfällt, jenseits seiner inhaltlichen Kompetenz auch locker und sympathisch zu erscheinen. Fähigkeiten, die aber wichtig sind für den ganz großen politischen Erfolg. So bleibt seine Bilanz hinter den eigenen Erwartungen zurück. Dennoch resümierte Schäfer-Gümbel gestern: »Ich gehe im Guten, mit Wehmut, aber ohne Bitterkeit.« Besonders stolz ist der 49-Jährige auf die Kooperation seiner SPD mit der schwarz-grünen Landesregierung während der Flüchtlingskrise.

Mit Ausnahme der AfD erhielt Schäfer-Gümbel lang anhaltenden Applaus von allen Fraktionen. Und im Anschluss an seine Rede nahm Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) gar neben ihm auf der SPD-Abgeordnetenbank Platz, um ihn zu verabschieden und seine Leistungen zu würdigen. »Thorsten Schäfer-Gümbel hat seine Haltung immer authentisch vertreten und war ein leidenschaftlicher Volksvertreter«, sagte er.

Auch die Grünen, einstmals Wunschkoalitionspartner der SPD, der aber einem Bündnis mit der CDU den Vorzug gab, fanden Worte der Anerkennung für Schäfer-Gümbel. Herzlicher wurden FDP und Linkspartei. »Die Zusammenarbeit war geprägt von gegenseitigem Vertrauen und Sympathie«, stellte FDP-Fraktionschef René Rock fest. Und Janine Wissler (Linke) sagte zum Abschied, sie schätze Schäfer-Gümbel »menschlich sehr«. Christiane Warnecke

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