15. Dezember 2017, 18:07 Uhr

Der stumme Frühling

Nächste Woche: Der Marder – Unerwünschter Dauergast Bereits veröffentlicht: Wilde Kreaturen und die Krone der Schöpfung Der Hund – ein zahmer Wolf? Ratten – Nagetier mit Imageproblem
15. Dezember 2017, 18:07 Uhr

1939 schien die Lösung des Insektenproblems in greifbarer Nähe: Der Schweizer Chemiker Paul Hermann Müller entdeckte in jenem Jahr die tödliche Wirkung von DDT auf Kerbtiere. Das Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan entwickelte sich rasch zum Chemieversprechen einer schönen neuen Welt.

Im Laufe der 1940er Jahre trat das kostengünstige Gift als Universalwaffe im Kampf gegen jegliches Ungeziefer seinen weltweiten Siegeszug an. Sprühflugzeuge verteilten es großflächig gegen Maikäferplagen, gegen Forstschädlinge oder gegen Mücken in malariaverseuchten Landstrichen. Mit handlichen Pumpflaschen gingen Hausfrauen gegen Motten und Wanzen im Eigenheim vor: DDT war bald allgegenwärtig.

Doch 1962 fiel ein Schatten auf den Verkaufsschlager der Chemiebranche. In den USA erschien ein Buch mit dem verstörenden Titel »Der stumme Frühling«. Es beschrieb die Vision einer an Insekten armen aber gleichzeitig zugrunde gehenden Welt. Jahrelang hatte die Biologin und Sachautorin Rachel Carson (1907 -1964) Daten und Berichte über die weitreichenden Folgen des Gifteinsatzes zusammengetragen und die ungewollten Nebenwirkungen dokumentiert.

Die Industrie wehrte sich

Die zierliche Wissenschaftlerin griff einen mächtigen Gegner an: Sie stellte die Verheißungen und deren Risikoabschätzung der Agrochemie infrage. Mit dem kurzsichtigen Eingreifen in natürliche Zusammenhänge entstünden unkalkulierbare Gefahren. Denn längst war zu beobachten, dass mit den Insekten auch die für den Menschen so wichtigen Bestäuber, Vögel und Säugetiere dezimiert wurden. Das Insektizid reicherte sich entlang der Nahrungskette in den Tieren an. Entsprechend wurden auch die Menschen selbst allmählich zu DDT-Speichern. Das Insektizid geriet in Verdacht, Krebs zu verursachen. Gleichzeitig entwickelten einzelne Insektengruppen Resistenzen und liefen Gefahr, unkontrollierbar zu werden.

Das Buch wurde zum Bestseller: Carsons Analyse schürte Zweifel an den allzu einfachen Lösungen der chemischen Industrie. Die wehrte sich mit düsteren Prognosen für eine Welt ohne DDT: Ohne das Mittel würden Menschen umgehend millionenfach verhungern und an Krankheiten sterben. Das änderte allerdings nichts an der wachsenden Skepsis der Öffentlichkeit. DDT wurde innerhalb weniger Jahre in den meisten Staaten verboten.

Carsons Erzählung stieß die moderne Umweltbewegung an. Hatte man als Verbraucher und als mündige Bürgerin nicht ein Wort mitzureden, in was für einer Umwelt man leben wollte?

Es geht auch ohne Chemie

In jüngster Zeit ist viel vom Insektensterben und den umstrittenen Einsatz von Glyphosat die Rede. Die Skepsis wächst. Es könnte sich lohnen, das Buch erneut zu lesen: Carson empfahl, die lebendigen Kräfte eher in Bahnen zu lenken, statt sie mit Chemie zu bekämpfen. Im Kern ginge es schließlich um die Lösung des Problems, »wie wir gemeinsam mit den anderen Geschöpfen diese Erde bewohnen können«. Ohne Insekten geht es nicht. Anna-Katharina Wöbse

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