05. August 2019, 20:32 Uhr

»Der Natur über die Schulter schauen«

05. August 2019, 20:32 Uhr

Wetzlar/Kassel (rüg/eb). Mancher fühlt sich derzeit an das Waldsterben Anfang der 1980er Jahre erinnert - angesichts brauner, abgestorbener und vom Borkenkäfer zerfressener Fichten. Doch diesmal ist es die Trockenheit, die dem Wald zusetzt. Hessen Forst will dem ab Herbst mit einem massiven Aufforstungsprogramm begegnen. Der Naturschutzbund (NABU) sagt, das sei nicht ausreichend und fordert die Einrichtung sogenannter Klimaschutzwälder, unter anderem im Krofdorfer Forst (Kreis Gießen) und im Oberwald (Vogelsberg).

»Um zu erfahren, welche Wälder künftig Trockenheit und Hitze am besten standhalten können, müssen wir der Natur über die Schulter schauen«, erklärt NABU-Waldexperte Mark Harthun. In den Klimaschutzwäldern solle die Natur den Vorrang erhalten und zeigen, welche Baumarten für die Zukunft am besten geeignet seien.

»Dem Staatswald kommt hier eine große Verantwortung zu. Es kann nun nicht darum gehen, vorschnell und mit viel Steuergeldern gewagte Aufforstungsexperimente zu starten«, erläutert Harthun. Es komme vielmehr darauf an, die bestehenden heimischen Laubwälder nachhaltig zu stabilisieren und flächendeckend die Naturverjüngung zu fördern. Die insgesamt 10 000 Hektar umfassenden Klimaschutzwälder könnten zeigen, wie das am besten geht.

»Vorsorge ist wichtiger als die Therapie durch Aufforstungen, und sehr viel billiger«, so der NABU. Dafür müsse das Land auf jährlich rund fünf Millionen Euro Einnahmen durch Holzeinschläge verzichten. Hingegen sollen die Aufforstungspläne des Landesbetriebs Hessen Forst allein im Staatswald 80 Millionen Euro kosten.

In den vom NABU Hessen vorgeschlagenen Klimaschutzwäldern spielt die Forschung eine wichtige Rolle. »Um herauszufinden, welche heimischen Baumarten sich am besten an längere Trockenperioden und Hitze anpassen können, muss natürlich genau beobachtet werden, was in den Klimaschutzwäldern mit ihrer natürlichen Dynamik passiert«, erklärt Harthun. Die dort gewonnenen Erkenntnisse gäben dann wertvolle Hinweise darauf, wie Wälder im Klimawandel künftig nachhaltig bewirtschaftet werden können.

Die vorgeschlagenen Klimaschutzwälder sind über ganz Hessen verteilt. Sie sollten jeweils mindestens 1000 Hektar umfassen, um dynamische Abläufe wie Sturmwürfe oder starke Insektenvermehrung zu verkraften, ohne dass wichtige Tier- oder Pflanzenarten verschwinden. »Nur bei dieser Größe gibt es zu jeder Zeit alle nötigen Lebensraumstrukturen in ausreichender Zahl, um allen Arten in ausreichend großen Beständen in genetischer Vielfalt ein dauerhaftes Überleben zu garantieren«, erklärt Harthun.

Auch die Effekte der Klimaerwärmung auf die Naturverjüngung ließen sich nur auf größerer Fläche wirksam untersuchen. Die vorgeschlagenen Klimaschutzwälder erstreckten sich meist über mehrere Höhenstufen, sodass Arten auch in die Höhe wandern und somit Trockenheit und Hitze ausweichen könnten.

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