25. Oktober 2018, 09:00 Uhr

Landtagswahl

Der Herausforderer: Thorsten Schäfer-Gümbel im Porträt

Thorsten Schäfer-Gümbel hat in der hessischen SPD schon so manche Rolle eingenommen. Für die Medien war er der »Notnagel«, der »Trümmermann«, aber auch der »Hoffnungsträger«. Im Moment ist der Gießener vor allem eins: Wahlkämpfer.
25. Oktober 2018, 09:00 Uhr
Will im dritten Anlauf Ministerpräsident in Hessen werden: SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel. (Foto: dpa)

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Thorsten Schäfer-Gümbel packt an: Er trägt einen Holzbalken auf der Schulter, er hilft, einen Kinderwagen in den Bus zu heben. So ist es derzeit allerorten zu sehen. »Zukunft jetzt machen« prangt auf den Wahlplakaten. Bezahlbare Wohnungen, die Anbindung des ländlichen Raums an die Ballungsgebiete, das sind Themen, die dem 49-Jährigen wichtig und im Programm seiner Partei fest verankert sind. Ein drittes Plakat zeigt den hessischen SPD-Spitzenkandidaten inmitten von Schülern, die einen kleinen Roboter steuern. Dazu der Slogan: »Unsere Schulen modernisieren.«

Bildung, darauf legen fast alle Parteien im Wahlkampf den Fokus. Für Schäfer-Gümbel ist es ein Thema, das ihm ganz besonders am Herzen liegt. Und das hat maßgeblich mit dem Lebenslauf des Herausforderers von Regierungschef Volker Bouffier (CDU) zu tun.

In Oberstdorf im Allgäu geboren, der Vater ist Zeitsoldat. Als der Filius fünf ist, zieht die Familie nach Gießen. In die Nordstadt. Ein Stadtteil, »der nicht auf der Sonnenseite des Lebens lag«, wie er selbst sagt. Der Vater fährt Lkw, die Mutter putzt. Auf das Gymnasium darf der Sohn trotz guter Noten erst einmal nicht. Erst als sich ein Lehrer für ihn einsetzt, ist der Weg frei. Als einziges der vier Kinder macht er Abitur, studiert danach Politikwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität in Gießen – mit einem Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Es sind die eigenen Erfahrungen, die Thorsten Schäfer-Gümbel antreiben. Dass in einem Land wie Deutschland Bildungschancen immer noch stark von der sozialen Herkunft abhängen, das macht ihn wütend. Dass es Kinder gibt, für die sich niemand stark macht, und deren Begabungen daher auch nicht gefördert werden.

Nach dem Studium kümmert er sich um »seine« Nordstadt. Als Referent des damaligen Gießener Sozialdezernenten Gerhard Merz baut er dort das Projekt der »sozialen Stadt« mit auf. Er habe etwas zurückgeben wollen, sagt er rückblickend.

 

Thorsten Schäfer-Gümbel nutzt seine Chance

Schon während der Schulzeit tritt er in die SPD ein, engagiert sich bei den Jusos und in der Kommunalpolitik. 2003 der Sprung nach Wiesbaden in den Landtag. Was dann folgt, beschreibt der Gießener – stark untertrieben – als »etwas turbulent«. 2008 will sich die damalige SPD-Chefin Hessens, Andrea Ypsilanti, mithilfe der Linken zur Regierungschefin wählen lassen. Das Problem: Zuvor hatte sie eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen. Schäfer-Gümbel steht in dieser Zeit hinter Ypsilanti, unterstützt seine Parteichefin in der Auseinandersetzung mit parteiinternen Widersachern. Doch es kommt anders, die Geschichte ist bekannt: Vier Abweichler um Parteivize Jürgen Walter stellen sich gegen Ypsilanti, Neuwahlen werden angesetzt, ein Spitzenkandidat muss her.

Böse Zungen behaupten ja, Thorsten Schäfer-Gümbel sei es nur deshalb geworden, weil er der Einzige war, der an diesem Tag ans Telefon gegangen sei. Wie auch immer: Plötzlich steht er im Rampenlicht. Der »Trümmermann« aus der zweiten Reihe, der die Scherben zusammenkehren muss. Es gibt böse Kommentare über den 1,93-Hünen mit dem Doppelnamen und den dicken Brillengläsern. Doch Schäfer-Gümbel ficht das nicht. Er ergreift die Chance, nimmt die Klatsche bei den Neuwahlen im Januar 2009 (23,7 Prozent für die SPD) in Kauf und erarbeitet sich Respekt. Es gelingt ihm, die in der hessischen SPD besonders lebhaften Flügel zu einen. Er wird Partei- und Fraktionschef, vom Notnagel zum Hoffnungsträger.

2013 tritt er zum zweiten Mal als Spitzenkandidat an, eigentlich ist es aber sein erster »richtiger« Wahlkampf. Die SPD legt unter seiner Führung zwar kräftig zu (30,7 Prozent), doch im Koalitionspoker bleibt ihm am Ende nur noch die Rolle des Zuschauers. Die SPD – so lautet später der Vorwurf einiger Beobachter – zögert, kann sich nicht so recht mit der Rolle des Juniorpartners in einer CDU-geführten Regierung anfreunden. Volker Bouffier, wie Schäfer-Gümbel aus Gießen, möchte nicht auf die Sozialdemokraten warten und koaliert mit den Grünen. Dem Herausforderer bleibt eine weitere Legislaturperiode auf der harten Oppositionsbank. Nun also der dritte Anlauf.

Wenn er über seine Kindheit und seine Jugend spricht, über die einfachen Verhältnisse, aus denen er stammt, über die Verantwortung, die er übernehmen musste, als der Vater schwer erkrankt – dann verbindet er das Persönliche mit dem Politischen. Dann spricht er über Bildungsgerechtigkeit oder bezahlbaren Wohnraum.

Er ist eine Art Gegenentwurf zum Amtsinhaber, dem jovialen Landesvater Bouffier, der das Talent besitzt, auf Menschen zuzugehen. Schäfer-Gümbel musste das lernen. Eine gewisse Distanz zum Gegenüber wahrt er – gewollt oder nicht. Manchmal wirkt er ungeduldig. Wenn ihn etwas ärgert, dann sieht, hört und spürt das der Gegenüber auch.

 

Bundespolitisches Schwergewicht

Schäfer-Gümbels Stärke sind klare Analysen und Konzepte. Damit hat er sich nicht nur im Wiesbadener Landtag einen Namen gemacht. Auch bundespolitisch hat seine Stimme Gewicht. Seit 2013 ist er Bundesvize und in der SPD-Führung unter anderem für Steuern, Finanzen und Wirtschaftspolitik zuständig. Auf Rückenwind aus Berlin hofft der Wahlkämpfer allerdings vergeblich. Andrea Nahles und Co. haben im Moment genug mit sich selbst zu tun.

Unterstützung bekommt er sicher von der Familie. Seine Frau Annette Gümbel lernt er während des Studiums kennen und lieben. Für sie trat er von der katholischen zur evangelischen Kirche über. Das Paar hat drei Kinder und lebt in Birklar. Beim ersten Kind nimmt der Vater noch Erziehungsurlaub, später war das nicht mehr möglich. Als Schäfer-Gümbel seine Auszeit bei einer Parteitagsrede 2011 erwähnt, sorgt ein Weggefährte für Lacher im Plenum. »Auf meine Kosten«, ruft Gerhard Merz scherzhaft. Damals war er Schäfer-Gümbels Chef. Nun könnte sich der Kreis schließen, denn Merz ist Mitglied im Schattenkabinett des Spitzenkandidaten, vorgesehen als Minister für Soziales, Arbeit und Gesundheit.

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Im Moment sind verschiedene Konstellationen denkbar. Chef von Rot-Rot-Grün? Oder doch Juniorpartner in einer großen Koalition mit der CDU? Oder kommt gar Grün-Rot-Rot? An solchen Farbenspielen beteiligt sich TSG nicht. Nur eins ist klar: Das Blau der AfD wird auf gar keinen Fall dabei sein.

In einem Interview wird der Bayern-Fan einmal gefragt, was er an Trainer Pep Guardiola so schätze. Die Antwort: Dass das Mannschaftsspiel stets im Mittelpunkt stehe. Nach dem 28. Oktober wird sich entscheiden, wo die Reise für den Kapitän und sein Team hingeht: Auf den Chefsessel (Champions League), als Juniorpartner in die Regierung (Europa League) oder doch wieder nur auf die harte Ersatzbank in der Landesliga...

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