28. März 2017, 18:32 Uhr

Eintracht-Legende

Der Charly, das Gehirn und die Unwissenden

Als Spieler der Frankfurter Eintracht war Karl-Heinz »Charly« Körbel eine Legende. Nun soll sein Hirn als Modell ins Senckenberg-Museum. Doch was hat das mit dem Untergang des Abendlandes zu tun?
28. März 2017, 18:32 Uhr
War meist schneller an der Kugel als der Gegner: Karl-Heinz (Charly) Körbel im Kopfballduell mit dem Nürnberger Thomas Brunner (l.). (Foto: dpa)

Eine Kernspintomografie ist für einen Fußballer nie etwas Schönes, auch nicht nach der aktiven Karriere. Mehr als 25 Jahre nach dem Ende seiner Spielerkarriere hat sich Karl-Heinz »Charly« Körbel am Dienstag in den Bad Sodener Kliniken in die »Röhre« gelegt. Doch es ging nicht um einen Knorpelschaden oder Kreuzbandriss. Gescannt wurde das Gehirn der Eintracht-Legende. Es dient nun als Vorlage für eine acht mal sechs mal sechs Meter große Gehirnattrappe, die von 2020 an im Senckenberg-Naturmuseum ausgestellt werden soll.

Das Riesengehirn wird sich nicht im Hinterraum aufhalten, wie Körbel, der als »Vorstopper« in 602 Spielen für die Eintracht auflief und damit Rekord-Bundesligaspieler ist. In einem 300 Quadratmeter großen Raum wird es »in der Mitte als Raumkörper« stehen, kündigte Martin Cepek von der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung am Dienstag an. Exponatebauer haben das dreidimensionale Modell als Metallrahmenbau mit einer Holz- und Kunststoffkonstruktion geplant. Die Besucher werden sich im Inneren des hohlen Gehirns aufhalten.


Einstein nur auf Platz zwei

Um die Funktionsweise des Gehirns zu erklären, sind im begehbaren Hirn 3-D-Holografien geplant und an die »Großhirnrinde« projizierte Sequenzen. Dies sei eine Veränderung gegenüber existierenden Modellen, »wo man durch ein paar Gehirnstränge laufen kann«, erklärte der Neurowissenschaftler Michael Madeja. Er hat das Gehirn für die Hertie-Stiftung konzipiert.

»Ich denke, mein Gehirn wird eine runde Sache«, versicherte Körbel. Und er freue sich schon darauf, in ein paar Jahren durch sein eigenes Gehirn zu laufen und es seiner Mutter zu zeigen.

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So soll es mal aussehen: Ex-Fußballprofi Karl-Heinz Körbel zeigt das Modell des begehbaren...

Doch es war anfangs gar nicht so sicher, dass Körbels Gehirn die Vorlage für das Museumsstück liefern würde. Im vergangenen Juni hatte es eine Abstimmung gegeben. Neben Körbel standen Albert Einstein, die berühmte Affenforscherin Jane Goodall und ein unbekannter Senckenberg-Fan zur Wahl.

Lange Zeit habe Albert Einstein in Führung gelegen, sagte Cepek. »Dann stellte die Eintracht die Sache auf ihre Homepage. Ab da ging es für Charly Körbel durch die Decke.« Er gewann die Abstimmung souverän mit 56 Prozent.


Nachdenklich in die Röhre

»Charly« Körbel fühlte sich natürlich sehr geehrt. Es sei ihm aber auch ein bisschen mulmig bei der Sache gewesen. »Was passiert, wenn man mich scannt, und ich habe einen Tumor?«

Obwohl Experten keine Verbindung zwischen dem Kopfballspiel und Gehirnverletzungen sehen, seien Körbel die zahlreichen Kopfbälle als Abwehrspieler in den Sinn gekommen, und ein besonders harter Gegenspieler zum Ende seiner Karriere: »Es gab da einen Spezialisten, den Ulf Kirsten. Der hat die Ellenbogen raus beim Kopfballspiel, obwohl er nicht so groß war.«

Aus diesem Grund hat sich die Eintracht-Legende schon im vergangenen Jahr zu Voruntersuchungen entschieden. Dass die Mediziner nichts Negatives feststellten, habe ihn beruhigt. Ein bisschen nachdenklich war er dann trotzdem, als es »in die Röhre« ging. Ein Radiologie-Assist fixierte Körbels Kopf in dem Magnetresonanztomographen – jenen Kopf, der mit einem Kopfballtor 1989 im Bundesliga-Abstiegskampf den Direktabstieg der Eintracht verhinderte.

Info

Für die jungen Leser: Sportredakteur Ronny Herteux erklärt "Charly" Körbel

Gestern in der Redaktion. Morgenkonferenz. Der Blattmacher referiert: »Und dann haben wir da noch die Geschichte über Charly Körbel. Sein Gehirn wird gescannt. Die Aufnahme dient als Grundlage für ein riesengroßes begehbares Ausstellungsstück für das Senckenbergmuseum.« Der Redakteur schaut in die Runde, blickt in die fragenden Gesichter der jungen Redaktionskollegen. »Der große Charly Körbel ... Ihr wisst schon ...?« Nein, sie wissen nicht. So schnell verblasst also der Ruhm.
Für alle (jungen) Menschen, die es auch nicht wissen, echauffiert sich Altredakteur Ronny Herteux: »Wie bitte? Ihr kennt Karl-Heinz Körbel nicht? Das glaub ich nicht! Charly, wie er überall genannt wird, ist der Inbegriff für Vereinstreue. Der einstige Fußball-Profi spielte sage und schreibe 19 Jahre lang von 1972 bis 1991 ausschließlich für Eintracht Frankfurt, ist mit 602 Einsätzen noch immer Bundesliga-Rekordspieler. Heute leitet der 62-Jährige eine Fußballschule und genießt unter den Eintracht-Anhängern genauso Kult- und Legendenstatus wie Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbeins. Was? Ihr kennt auch Grabowski und Hölzenbein nicht? Das ist dann wirklich der Untergang des Abendlandes ...« (bb)

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