02. April 2020, 21:52 Uhr

»Das größte Antidepressivum im Land«

02. April 2020, 21:52 Uhr
Das Frankfurter Volksfest »Dippemess« fällt in diesem Jahr aus. FOTO: DPA

- Der Festplatz am Frankfurter Ratsweg steht leer - keine funkelnden Fahrgeschäfte, keine johlenden Menschenmassen und kein Bratwurstgeruch, der durch die Luft zieht. Eigentlich sollte hier gestern die Jubiläumsausgabe der 675. Dippemess beginnen. Mehr als eine Million Besucher wurden erwartet. Doch angesichts der Corona-Krise musste die dreiwöchige Veranstaltung abgesagt werden, so wie zahlreiche weitere Volksfeste in Hessen.

»Das war wirklich schmerzhaft«, sagt Veranstalter Kurt Stroscher von der Frankfurter Tourismus und Congress GmbH. »Gerade in diese Jubiläums-Dippemess haben wir besonders viel Arbeit und Engagement reingesteckt.« Aber die 675. Ausgabe sei ja glücklicherweise nicht verloren, sondern nur verschoben. Das Problem sei die dramatische Lage der Branche.

Insgesamt gebe es bei den Schaustellern zwar eine große Einsicht für die getroffenen Maßnahmen. »Gleichwohl haben sie größte Bedenken bis zu existenziellen Ängsten.« Auch psychisch könne es schwierig sein. »Viele kennen das gar nicht - rumzusitzen«, sagt Stroscher. Schausteller zu sein, bedeute ein Leben mit viel Sozialkontakten und einem lebendigen Umfeld.

»Die Stimmung ist natürlich vollkommen gedrückt. Wir waren ja mit bei den Ersten, die es erwischt hat«, sagt Roger Simak vom Landesverband der Schausteller in Hessen. Schließlich seien zunächst vor allem die Volksfeste betroffen gewesen, als Veranstaltungen mit über 1000 Personen abgesagt worden sind.

Anruf bei Christine Beutler-Lotz in Alzey. Auch für sie fällt der Saisonstart quasi aus. Die 60-Jährige ist seit Jahrzehnten als Schaustellerseelsorgerin im Einsatz. Bis zu 50 Kirmesplätze in Hessen und Rheinland-Pfalz fährt sie normalerweise pro Jahr an, geht von Stand zu Stand, von Karussell zu Karussell. Zurzeit ist sie über das Telefon und per WhatsApp mit »ihrer Gemeinde« in Kontakt.

»Dieser Stillstand geht vielen an die Substanz«, sagt sie. »Schausteller sind es gewohnt, in Freiheit zu leben.« Auf engem Raum zu wohnen, sei nicht das Problem, das würden sie kennen. Was fehle, sei das Unterwegssein an der frischen Luft und das Reisen von Ort zu Ort. Hinzukommen finanzielle Sorgen. »Die Lage ist sehr prekär«, zumal die meisten ihr letztes Geld auf den Weihnachtsmärkten im Dezember verdient hätten. Im Winter seien viele Investitionen getätigt oder Fahrgeschäfte gewartet worden. Nun fehlten die nötigen Einkünfte.

»Erste Einkäufe für die Buden wurden gemacht. Jetzt sitzen sie auf ihren Teddys, aber die kann man nicht essen.« Die Pfarrerin sagt aber auch: »Die Schausteller lassen sich nicht unterkriegen.« Und Beutler-Lotz kennt sich aus in dem Gewerbe. Sie wuchs selbst auf Rummelplätzen auf. Ihre Eltern hatten eine Losbude.

»Dass die neue Saison jetzt nicht kommt, trifft uns hart«, erklärt auch Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes (DSB) und Präsident der Europäischen Schausteller-Union. Bundesweit gibt es nach DSB-Angaben mehr als 5000 Schaustellerunternehmen, die über 12 300 Geschäfte betreiben, vom Zuckerwatte-stand bis zur Achterbahn. Damit sind sie den Angaben zufolge auf etwa 9750 Volksfesten und 3000 Weihnachtsmärkten unterwegs. Allein auf den Volksfestplätzen werden demnach normalerweise etwa 4,75 Milliarden Euro im Jahr umgesetzt.

Die Bedeutung der Branche sei gerade in Zeiten wie diesen nicht zu unterschätzen, meint DSB-Präsident Ritter. »Wir sind auch systemrelevant. Wir sind das größte Antidepressivum im Land«, sagt der 66-Jährige. »Wir müssen den Leuten nach der Krise wieder Lebensfreude anbieten und dafür sorgen, dass die Kinder wieder lachen können.«

Sowohl Ritter als auch Beutler-Lotz betonen die zupackende Art der Schausteller - auch oder gerade in der schwierigen Zeit. »Sie wollen tatkräftig helfen und das Negative mit Positivem füllen«, sagt die Seelsorgerin. »Wir Schausteller sind ja nicht zum Rumsitzen geboren«, meint Ritter. dpa

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