09. März 2018, 21:00 Uhr

Voll verplant

Darum laufen Großprojekte oft aus dem Ruder

Der Airport Kassel-Calden oder das Hessische Landesmuseum in Darmstadt: Großprojekte, die Millionen verschlingen. Dabei war doch alles günstiger geplant. Ein heimischer Experte weiß, warum.
09. März 2018, 21:00 Uhr
Die Geschichte einer Kostenexplosion: Seit Beginn der Planungen ist der Preis für den Flughafen Kassel in Calden fast kontinuierlich gestiegen. Letztendlich lagen die Kosten bei 271 Millionen Euro. Ursprünglich war man von 151 Millionen ausgegangen. (Foto: dpa)

Voll verplant

Der Flughafen Berlin-Brandenburg und die Elbphilharmonie sind nur die Spitze: Auch in Hessen explodieren Kosten und rücken Fertigstellungen in weite Ferne. In unserer Serie nennen wir Beispiele.

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Dirk Metzger ist Architekt aus voller Überzeugung und seit zwölf Jahren an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen. Der Diplom-Ingenieur ist Fachmann für Baumanagement und Projektsteuerung. Er kennt die Fallstricke, die schon auftreten, bevor die erste Mauer hochgezogen werden kann, aus eigener Erfahrung. Deshalb ist für ihn gerade bei Großprojekten wie dem Berliner Flughafen, der Hamburger Elbphilharmonie oder dem Airport Kassel-Calden eines ganz elementar: eine gute Planung.

Herr Professor Metzger, welche Großprojekte, bei denen die Kosten völlig explodiert sind, fallen Ihnen spontan ein?

Prof. Dirk Metzger. (Foto: gäd)

Prof. Dirk Metzger: Na ja, das sind die üblichen Verdächtigen. »Stuttgart 21«, die Elbphilharmonie oder natürlich der Hauptstadtflughafen in Berlin. Ich muss genau betrachten, was ich möchte und was möglich ist. Dann kann ich Probleme schon frühzeitig beseitigen.

Eine gute Vorbereitung ist also der Schlüssel?

Metzger: Sehen Sie, wir bauen an der THM im Moment Projekte mit einem Volumen von rund 50 Millionen Euro. Da muss man im Vorfeld wichtige Fragen beantworten. Welche Flächen benötige ich? Welche Bedürfnisse hat der Nutzer? Aus dieser Bedarfsplanung können die Maßstäbe für die weitere Planung entworfen werden. Die Planungsphase wird nicht selten unterschätzt. Treten Probleme auf, muss man entscheiden, ob man umdisponiert, oder Geld nachschießt.

Die Planungsphase wird nicht selten unterschätzt. Treten Probleme auf, muss man entscheiden, ob man umdisponiert, oder Geld nachschießt.

Prof. Dirk Metzger

Welche Fallstricke gibt es in dieser Planungsphase?

Metzger: Man muss sehr präzise sein, Probleme erkennen und lösen. Dazu gibt es Risikobewertungen. Im Moment boomt zum Beispiel die Baubranche. Das bedeutet, dass Bauen derzeit deutlich teurer ist. Das muss man berücksichtigen. Bauen ist sehr komplex. Gestaltung, Sicherheit, Komfort – zwischen diesen Faktoren muss abgewogen werden.

An solchen Projekten sind viele Menschen beteiligt. Verderben viele Köche den Brei?

Metzger: Ja und Nein. Die Verantwortlichkeiten verschieben sich. Heutzutage liegen die Projekte oft in der Hand von Projektsteuerern, die große Teile der Bauherrenfunktion übernehmen. Früher war der Architekt stets Herr des Geschehens und Vertrauensperson des Bauherrn. Seine Position ist deutlich geschwächt worden. Und das ist schlecht. Der Architekt ist der Einzige, der das Gebäude als Ganzes kennt. Er muss den Hut aufhaben.

Solche Großprojekte müssen ja auch politisch legitimiert werden. Werden in den Parlamenten mitunter die Kosten erst einmal niedriger angesetzt, nur um es »durchzubekommen«?

Metzger: Das kann schon sein. Nehmen Sie »Stuttgart 21«. Da ist die Politik nicht vollständig aus der Deckung gekommen. Ich glaube nicht, dass die Probleme im Vorfeld nicht absehbar waren. Geht dann etwas schief, wird sich oft auf die Architekten eingeschossen. Und das ist nicht richtig.

Gibt es einen Punkt, an dem man das Projekt noch »begraben« kann?

Metzger: Ja, und zwar in der Planungsphase. Noch bevor der Bauantrag gestellt wurde. Wenn erst einmal die Maschinen rollen, dann muss man es auch durchziehen. Vielleicht abgespeckter, aber eine Bauruine möchte niemand hinterlassen. Das die Qualität darunter leidet steht außer Frage.

Man muss für das Projekt werben. Es muss eine Akzeptanz in der Öffentlichkeit hergestellt werden.

Prof. Dirk Metzger

Müssen solche Bauvorhaben der Öffentlichkeit transparenter gemacht werden?

Metzger: Ja, das wäre bei allen Vorhaben wünschenswert. Man muss für das Projekt werben. Es muss eine Akzeptanz in der Öffentlichkeit hergestellt werden. Wir müssen für Baukultur werben, für Qualität, für die Wahrnehmung, dass Gebäude im öffentlichen Raum wichtig sind. Nehmen Sie die Elbphilharmonie. Viele Hamburger sind unendlich stolz darauf. Da fragt keiner mehr nach den Kosten. Auf der anderen Seite müssen sich die Verantwortlichen darüber im Klaren sein, dass solche Vorhaben eine große Verantwortung mit sich bringen. Da geht um Qualität und nicht selten auch um städtebauliche Reparaturen, die etwas Schönes entstehen lassen.

Welche Rolle spielen Schönheit oder Ästhetik bei solchen Projekten?

Metzger: Gut oder nicht gut ist keine Geschmacksfrage. Der Maßstab ist die Qualität des Entwurfs. Die Arbeit wird anhand von fest stehenden Kriterien bewertet. Ein Kriterium ist sicher auch, welchen Zweck ein Gebäude erfüllen muss. Aber da muss man differenzieren. Wir sprechen ja nicht nur über Bürokomplexe. Das Stadthaus in Frankfurt zum Beispiel bereichert den öffentlichen Raum immens. Ein Gebäude ist immer erst dann gut, wenn es wie geplant eins zu eins steht.

Info

Unsere neue Serie: Voll verplant

Der Hauptstadtflughafen in Berlin und die Elbphilharmonie in Hamburg sind nur die Spitze des Eisbergs: Sowohl bei der Bauzeit als auch bei den Kosten lagen die Planer voll daneben. Immer wieder machen öffentliche Bauvorhaben negative Schlagzeilen, weil die Kosten explodieren und die Fertigstellung in weite Ferne rückt. Auch in Hessen. Wir nennen im Rahmen unserer Serie »Voll verplant« Beispiele. os geht's am 17. März mit der Stadthalle Marburg.

 

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