28. September 2017, 21:47 Uhr

Da ist doch was im Busch

28. September 2017, 21:47 Uhr
Rotbraun leuchtende Flügeldecken, weiße Kehle und ein spitzer Schnabel sind Merkmale der Dorngrasmücke. (Foto: Heiko Peters)

Derzeit ist eine der besten Gelegenheiten, einige unserer unauffälligsten Vogelarten aus der Nähe zu sehen: Die Dorngrasmücke. Sie ist ein kleiner, recht langschwänziger Vogel mit auffallend orangebraun leuchtender Oberseite, weißer Kehle und dünnem Schnabel. Beobachtet werden kann die Dorngrasmücke an Gebüschen oder Hecken mit vielen beerentragenden Sträuchern. Oft genügt auch schon ein Holunder mit reichen Beerendolden – und etwas Geduld. Wer dort in einigen Metern Entfernung leicht gedeckt Position bezieht, wird schon bald zahlreiche Kleinvögel ein- und ausfliegen sehen.

In der Feldlandschaft ist derzeit fast sicher die Dorngrasmücke zu beobachten. Fast immer sind auch Amseln an Beerensträuchern zu finden. Finken sind in den Beerenbüschen nur zufällig zu finden. Sie sind auf verschiedenste Sämereien spezialisiert und gehen der Nahrungsuche eher in den umliegenden Feldern nach.

Dramatische Geschichte

An Sträuchern in Gärten beobachtet man hingegen eine nahe Verwandte, die Mönchsgrasmücke. Die Männchen der Mönchsgrasmücke erkennt man an der schwarzen Kappe, die Weibchen und Jungen an einer braunen. Gemeinsam haben alle Grasmücken den dünnen und länglichen Schnabel. Der Schnabelbau lässt darauf schließen, dass diese Vögel meist von Insekten leben. Im Vergleich haben die Samen fressenden Finken zum Beispiel einen dicken, hohen Schnabel, mit dem sie die Samen knacken können.

Für Insektenfresser wie die Grasmücken ist die herbstliche Beerenkost überlebenswichtig. Sie ermöglicht die Anlage einer ausreichenden Fettschicht als Reserve. Damit überstehen viele Arten den mehrere Tausend Kilometer langen Zugweg nach Afrika südlich der Sahara. Wer etwas für Zugvögel tun will, sollte sich daher eine solche Vogeltankstelle in den Garten holen. Geeignet sind neben Schwarzem Holunder vor allem Eberesche, Weißdorn, Schlehe, Roter Hartriegel und Wildrosen. Deren Hagebutten dienen sowohl Insekten- wie auch Körnerfressern als Nahrung.

Im September sind von der Dorngras- mücke die letzten Individuen in Hessen unterwegs, die Mönchsgrasmücke kann man auch noch im Oktober erblicken, denn sie zieht nicht so weit in den Süden. Manche versuchen in den letzten Jahren sogar hier in Mittelhessen zu Überwintern. Die Dorngrasmücke hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Sie zeigt, wie die Bestandsentwicklungen von Vögeln auch globale Zusammenhänge widerspiegeln können. Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts trug die Grasmücke ihren wissenschaftlichen Namen, Sylvia communis, zu Recht: Sie war tatsächlich kommun, also die häufigste Grasmücke in Mittel- und Nordeuropa.

Doch dann, Ende der 1960er Jahre, war die Population von einem Jahr aufs andere fast verschwunden. Die Rückgänge lagen in vielen Gegenden bei mehr als 90 Prozent. Die Ursache für diesen dramatischen Verlust war die seinerzeit einsetzende Dürrephase in der afrikanischen Sahelzone, die bis in die 1980er Jahre anhielt. In der ausgedörrten Landschaft fanden auch die Vögel keine Nahrung mehr und gingen in großer Zahl zugrunde.

Mit dem Wiedererblühen der Sahelzone haben sich nach mehr als 40 Jahren die Bestände der Dorngrasmücke wieder weitgehend erholt und die Art ist wieder ein häufiger Brutvogel in unserer Feldlandschaft – und regelmäßiger Besucher der herbstlichen Vogeltankstellen. Also: Augen auf. Der kleine Vogel mit der rotbraun leuchtenden Flügeldecken spiegelt ein dramatisches Stück Weltgeschichte wider.

Autor: Matthias Korn, Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON)

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