15. Oktober 2018, 21:00 Uhr

Würth-Prozess

Carmen Würth sagt aus

Es war bestimmt kein einfacher Termin für Carmen Würth. Die Mutter von Markus, der im Juni 2015 entführt wurde, war am Montag vor dem Gießener Landgericht als Zeugin geladen. Und traf dort auf Nedzad A., dem vorgeworfen wird, ihren behinderten Sohn mit noch unbekannten Mittätern gekidnappt zu haben.
15. Oktober 2018, 21:00 Uhr
Carmen Würth (l.) mit Anwältin Manuela Lützenkirchen Foto: gäd

Am dritten Prozesstag ging es vor allen Dingen um zeitliche Abläufe. Wann die ersten Anrufe der Entführer eingingen, wie die Geldübergabe ablaufen sollte und unter welchen Umständen das Opfer schließlich unversehrt in einem Wald bei Würzburg gefunden wurde. Der damals 50-jährige Sohn von Milliardär Reinhold Würth wurde auf dem Hofgut Sassen in Schlitz im Vogelsbergkreis entführt. Dort lebte er in einer integrativen Wohngruppe.
Den Vorsitzenden Richter Jost Holtzmann interessierte auch, ob der geistig behinderte Sohn unter bestimmten Umständen mit einem Fremden mitgegangen wäre. Carmen Würth schilderte sachlich und mit fester Stimme, dass ihr Sohn ein aufgeschlossener Mensch sei, der freundlichen Kontakt durchaus erwidere. Kenne er jemanden nicht, bleibe er erst einmal auf Distanz. 31 Jahre habe ihr Sohn in der Wohngemeinschaft Sassen verbracht. Der Tagesablauf mit Arbeit in der Keramikwerkstatt und im Garten sei stets relativ gleich strukturiert gewesen.
 
»Wollen Sie mir das Geld schenken?«
 
Zum Zeitpunkt der Entführung am 17. Juni 2015 war Carmen Würth mit ihrem Mann in Griechenland auf Geschäftsreise. Dort erreichte sie auch der Anruf eines Dr. Hassan, der sich als Arzt ausgab und erklärte, dass ihr Sohn schwer verletzt sei. Mit dieser Geschichte hatte er sich zuvor auch die Handy-Nummer der Mutter erschlichen. Relativ schnell habe er ihr aber gesagt, dass er ihren Sohn entführt habe, sagte Carmen Würth. Er sei sehr krank, erklärte der Anrufer. Und wenn sie nicht die drei Millionen Euro zahlten, würden er und Markus beide sterben.

Geldübergabe scheiterte

»Ich war verwundert über die verhältnismäßig niedrige Lösegeldforderung«, erklärte die Frau des Unternehmers. Sie hätten den Aufenthalt sofort abgebrochen und seien zurückgeflogen. Auf dem Weg in die Nähe von Queck, einem Stadtteil von Schlitz, wo die Übergabe eigentlich hätte stattfinden sollen, habe der Entführer in der Nacht ein weiteres Mal angerufen und gefordert, das Geld auf einem Parkplatz bei Schwäbisch-Hall zu deponieren. Aber die Übergabe fand nicht statt. Wahrscheinlich, weil es schon wieder hell geworden war und die Dunkelheit den Täter nicht mehr geschützt habe, mutmaßt Carmen Würth. Stattdessen meldet sich der Entführer und gibt ihr die Koordinaten vom Aufenthaltsort ihres Sohnes. »Und was ist mit dem Geld?«, habe sie gefragt. »Wollen Sie es mir etwa schenken?«, habe der Anrufer geantwortet. »Ich konnte durch das Telefon spüren, dass er dabei lächelte«, erklärte die 81-Jährige. Am 18. Juni, also einen Tag nach der Entführung, konnte sie ihren Sohn wieder in die Arme schließen.

Markus lebt heute an anderem Ort

Ruhig und friedlich sei der Anrufer gewesen, gesprochen habe er mit einem Akzent. Sie selbst habe die Entführung gut verarbeitet. Ihr Sohn denke sicher noch ab und zu daran. Große Veränderungen an seinem Verhalten habe sie aber nicht feststellen können. Ein Jahr sei Markus nach der Entführung noch in Sassen geblieben, dann habe sie eine andere Einrichtung für ihn gefunden, erklärte Carmen Würth.
Als Zeugen gehört wurden gestern Polizeibeamte, die in Schlitz ermittelten, aber auch Kollegen aus Würzburg, wo Markus Würth gefunden wurde. Der damalige Leiter des Hauses, in dem das spätere Opfer untergebracht war, sagte ebenso zur Persönlichkeit von Markus Würth aus wie ein Pfleger sowie die Haushälterin der Unternehmerfamilie. Ob der damals 50-Jährige bei bestimmten Signalwörtern wie »Mama« oder »nach Hause« mit einem Fremden mitgegangen wäre, eine solche Einschätzung wollte sie nicht abgeben. Die Beschäftigten in der Wohngemeinschaft bestätigten, dass sich Markus Würth in der Routine der festen Tagesabläufe wohlgefühlt habe und alleine niemals das offene Gelände verlassen hätte.
 
Erinnerungslücken

 

Zur Sprache kam auch eine Auseinandersetzung, die das Opfer wenige Wochen vor der Entführung mit einem Zimmergenossen hatte. Markus Würth wurde dabei die Nase gebrochen. Zur Behandlung kam er nach Fulda ins Krankenhaus. Daher schöpfte man auch anfangs keinen Verdacht, als »Dr. Hassan« ein paar Wochen später nach Carmen Würth verlangte. Schwierig gestaltete sich die genaue Rekonstruktion der zeitlichen Abläufe, da sich einige Zeugen schlicht nicht mehr daran erinnern konnten, wann was geschehen war. Richter Holtzmann konfrontierte sie wiederholt mit ihren Aussagen aus dem Jahr 2015, dennoch blieben Unterschiede in den Darstellungen.
Eine Ermittlerin erinnerte sich an die Untersuchungen vor Ort in Schlitz und an die Hilflosigkeit, die zwischenzeitlich herrschte. Ihr Eindruck sei damals gewesen, dass es einen Berührungspunkt zwischen Täter und Opfer gegeben haben müsse. »Er war einfach weg. Man konnte es sich nicht erklären.« Der Prozess wird am 24. Oktober fortgesetzt.

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