14. August 2017, 19:39 Uhr

Blutsauger in Hessen auf dem Vormarsch?

Für viele sind sie die Plagegeister des Sommers: Mücken. Jedoch jucken ihre Stiche nicht nur, sie können auch krank machen – etwa wenn eingewanderte Blutsauger die Erreger von Tropenkrank- heiten in sich tragen. Welche Exoten sich mittlerweile in Hessen vermehren, untersucht Prof. Dr. Sven Klimpel von der Universität Frankfurt.
14. August 2017, 19:39 Uhr
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Von Eva Diehl

Sie sind nur wenige Millimeter groß, und kaum jemand würde normalerweise von ihrem Anblick Notiz nehmen. Dennoch hat der Fund einer Mücke im Sommer 2014 in der Gießener Wieseckaue für Aufsehen gesorgt. »Wir haben nun erstmals eine Sandmückenart innerhalb Hessens entdeckt«, verkündete damals Prof. Sven Klimpel vom Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F), der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung und der Goethe-Universität Frankfurt. Die winzigen Sandmücken wurden bis dato eher im südlichen Europa beobachtet – noch nie war die Art so weit im Norden gefunden worden. Das interessiert aber nicht nur Biologen, denn die nahe Wohnhäusern gefundenen Blutsauger stehen im Verdacht, mit einem Stich Krankheiten wie die Leishmaniose zu übertragen. Die fragliche Mücke ist nicht der einzige Exot, der in Hessen mittlerweile auftritt. Klimpel und seine Kollegen haben die Mücken in Hessen und bundesweit im Blick. Wir haben nachgefragt.

Exoten in Hessen: Neben dem Fund der Sandmücke in Gießen trifft man mittlerweile eine andere, potenziell gefährliche Art regelmäßig in Hessen, wie Mückenforscher Klimpel weiß: »Ein neues ›Mitglied‹ in der hessischen Stechmücken-Fauna lässt sich mit Sicherheit benennen: die asiatische Buschmücke Aedes japonicus .« Diese Art sei ein potenzieller Überträger für Erreger wie das West-Nil-, Chikungunya- oder auch Dengue-Virus. Die aus Japan und Korea stammenden Buschmücken seien 2008 erstmals in Deutschland im Grenzgebiet zur Schweiz entdeckt worden und in den darauffolgenden Jahren immer häufiger in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen – und nun auch regelmäßig in Sachsen, Thüringen, Rheinland-Pfalz und Hessen.

Einwanderer aus Nachbarländern: Die als deutlich gefährlicher eingestufte asiatische Tigermücke (Bild) hat Hessen indes nicht erreicht – aber benachbarte Bundesländer. »Die asiatische Tigermücke Aedes albopictus ist mittlerweile in der Lage, stabile Populationen in Deutschland zu bilden und sich weiter auszubreiten«, sagte der Forscher. In Baden-Württemberg ist die ursprünglich in Japan und China beheimatete Art bereits verbreitet. »Sie zählt zu den 100 am stärksten invasiven Arten weltweit«, warnt Klimpel. Die Art sei dafür bekannt, eine Vielzahl verschiedener Erreger zu übertragen, darunter Dengue- und Zika-Virus sowie den Hundeherzwurm. »Allerdings sind Infektionen mit diesen Krankheitserregern momentan in Deutschland noch relativ unwahrscheinlich.« Europaweit leben dem Forscher zufolge etwa 45 Prozent der Bevölkerung in Gebieten, in denen invasive Stechmücken vorkommen.

Krank durch heimische Arten: Nicht nur die Stiche eingeschleppter Arten können krank machen. »Auch verschiedene heimische Stechmückenarten sind durchaus dazu befähigt, verschiedene Pathogene zu übertragen«, erklärt Klimpel. Wie auch für die Exoten gilt: »Voraussetzung hierfür ist ein ›Pool‹ an Erkrankten, von denen die Stechmücken die Erreger aufnehmen können, um sie dann zu übertragen.« Wenn etwa eine große Zahl an Patienten in Deutschland ein Virus trägt, könnten auch heimische Arten den Erreger durch einen Stich von Patient zu Patient übertragen. Der Mückenforscher gibt jedoch Entwarnung: »Das ist zum jetzigen Zeitpunkt in Deutschland nicht gegeben.«

Mückenarten in Hessen: »Unseren Beobachtungen nach, ist in Hessen aber nach wie vor die Gemeine Stechmücke Culex pipiens am häufigsten vertreten«, erklärt Klimpel. Die drei bis sieben Millimeter großen Tiere sind weltweit verbreitet und gehören auch in Europa zu den häufigsten Stechmücken. Weltweit gibt es 3500 Arten. »Deutschlandweit gibt es mittlerweile mindestens 51 Stechmückenarten. bundeslandspezifische Aufstellungen gibt es derzeit noch nicht«, sagt der Frankfurter Forscher. Er sowie zahlreiche weitere Institutionen sammeln seit 2015 Daten über Mücken in ganz Deutschland – gefördert vom Bund. »Nach Abschluss dieses Monitorings, voraussichtlich Ende 2018, sollten Artenlisten für die Bundesländer vorliegen«, sagt Klimpel.

Mückensommer in Deutschland? Heiße Tage verbunden mit starken Niederschlägen – wirkt sich das auch direkt auf die Mückenpopulation aus? Darauf hat der Frankfurter Professor eine klare Antwort: »Ja – denn der Entwicklungszyklus der Stechmücken ist ans wässrige Milieu (stehende Gewässer) gebunden.« Ei, Larve und Puppe der Blutsauger entwickeln sich an Wasseroberflächen. »Derzeit herrschen in Deutschland ideale Bedingungen für Eiablage und Entwicklung von Mückenlarven und -puppen. Bei den warmfeuchten klimatischen Bedingungen sind Stechmücken sehr aktiv und produzieren besonders schnell Eier«, weiß der Forscher. Die gemeine Stechmücke könne etwa 150 Eier auf einmal ablegen. Bei Temperaturen zwischen 20 und 30 Grad Celsius entwickeln sie sich binnen weniger Tage.

Hessische Hotspots: Mücken entwickeln sich dort, wo es feucht ist. Einige Gebiete in unserem Bundesland begünstigen die Entwicklung von Mücken ganz besonders. »Das Hessische Ried gilt als ein ›Hotspot‹ für Mücken in Hessen«, erklärt Klimpel. »Allerdings kann es natürlich lokal ebenfalls zu einem vermehrten Auftreten kommen, wenn die Bedingungen gegeben sind.« Gemeint sind damit dauerhaft Wasser sowie warme Temperaturen. Das kann auch kleinräumig sein, etwa an stehenden Gewässern, Regentonnen oder Pfützen. »Daher ist das verstärkte Auftreten von Stechmücken an bestimmte lokale klimatische Voraussetzungen gekoppelt und nicht flächendeckend.«

Bekämpfung: Erst vor knapp zwei Wochen wurden in den Nidderauen mit einem Hubschrauber Bakterien versprüht, um eine Mückenplage zu verhindern. Das Bakterium Bacillus thuringiensis israelensis produziert ein Gift, das die Insekten schädigt. Auch in anderen Bundesländern werden die Blutsauger großräumig bekämpft. In Heidelberg etwa werden regelmäßig unfruchtbar gezüchtete Mückenmännchen freigelassen, um die Vermehrung der eingewanderten Tigermücken einzudämmen. Bei den Mücken stechen nämlich nur die Weibchen; die Männchen ernähren sich meist von Nektar und Pflanzensäften. »Vergleichbare Maßnahmen gibt es unseres Wissens nach in Hessen derzeit nicht, zumindest nicht mit Stechmücken«, sagt Klimpel. Aktuelle scheint der Einsatz der meist gentechnisch veränderten Tiere nicht nötig, Klimpel: »Sinnvoll erscheint diese Methode dann, wenn sich eine (invasive) Art in einem Gebiet zu etablieren droht.«



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