31. Mai 2017, 09:00 Uhr

Bestatter

Ausbildung mit dem Tod

Sie sind fast täglich mit dem Tod konfrontiert. Bestatter ist kein Job wie jeder andere. Seit 2003 ist er ein Ausbildungsberuf. Die Nachfrage hält sich allerdings sehr in Grenzen.
31. Mai 2017, 09:00 Uhr
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Von Rüdiger Geis
Einen würdigen Abschied geben: Bestattungsfachkräfte sind nicht nur mit der Organisation der Beisetzung befasst, sondern auch in der Begleitung der trauernden Angehörigen, die oft mit der Bürokratie eines Todesfalles überfordert sind. (Foto: dpa/rüg)

In diesem Job darf man keine Berührungsängste haben. Was viele Menschen schon überfordert – eine Leiche in Realität zu sehen – ist für den Bestatter erst der Anfang seiner Aufgabe. Er kann dem Tod nicht einfach aus dem Weg gehen, sondern muss den Verstorbenen anfassen, abtransportieren, waschen, schminken, für seinen »letzten Gang« einkleiden und in den von den Angehörigen ausgesuchten Sarg betten. Da muss man psychisch schon gefestigt sein.

Marcel Heller (24) aus Wöllstadt hat sich für diesen Beruf entschieden und von 2011 bis 2014 eine dreijährige Ausbildung absolviert. Als Jugendlicher hatte er eigentlich vorgehabt, Archäologie zu studieren. Ihn interessierte die Vergänglichkeit besonders auch des menschlichen Körpers. Da lag es nahe, mal bei einem Bestatter ein Praktikum zu absolvieren, denn Bestatter nehmen im Zweifelsfall auch Exhumierungen vor. Der damals 14-Jährige war von der Arbeit so beeindruckt, dass er auch in den Schulferien in dem Betrieb mitarbeitete. Schließlich stand für ihn fest: »Das ist das, was ich machen will.« Die Entscheidung für die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft war gefallen.

Praktikum ist wichtig

Damit ist Heller fast so etwas wie ein Exot. Denn gerade mal fünf Auszubildende gibt es aktuell in Hessen, deutschlandweit sind es seit 2003 nicht viel mehr als 150 gewesen, berichtet Willi P. Heuse, Beisitzer im hessischen Bestatterverband und für den Bereich Ausbildung zuständig. Fast täglich mit dem Tod umgehen – davor schrecken die meisten Menschen zurück. Tatsächlich ist es eine Gratwanderung, um sich in diesem Beruf »zu Hause« zu fühlen: in emotionalen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und trotzdem Mitgefühl zu zeigen. »Ich kann ja nicht bei jedem Verstorbenen mit den Angehörigen mitweinen«, sagt Hellers Ausbilder und Arbeitgeber Thorsten Winter (49), der seit 22 Jahren ein Bestattungsunternehmen in Karben betreibt.

Daher ist es wichtig, dass man vor der Ausbildung ein ein- bis zweiwöchiges Praktikum absolviert. »Da sieht man dann, ob jemand mit Verstorbenen umgehen kann. Das zeigt sich sehr schnell«, weiß Heuse, der in Frankfurt eine Bestattungsfirma betreibt. Mindestvoraussetzung ist der Hauptschulabschluss. Der Bewerber muss mindestens 16 Jahre als sein »besser jedoch 18 und mit Führerschein«, sagt Heuse. Die Anforderungen sind hoch. Früher waren es in der Regel die örtlichen Tischler, die bei einem Todesfall die Särge individuell anfertigten und für den Transport der Leiche zum Begräbnis sorgten. Mit der zunehmenden industriellen Herstellung von Särgen entwickelte sich der eigenständige Beruf des »fachgeprüften Bestatters«, der sein Handwerk durch Seminare erlernte bis hin zum heutigen Bestatter mit Meisterprüfung. Für die Selbstständigkeit ist dieser Titel nicht zwingend, für einen Ausbildungsbetrieb aber schon.

Berührungsängste gegenüber Toten

Die Aufgaben sind gegenüber dem klassischen Sargtischler auch bedeutend umfangreicher geworden. Bestatter müssen in der Lage sein, eine komplette Beerdigung zu organisieren. Dazu gehört die Bürokratie mit Behördengängen: Genehmigungen, Abstammungsurkunden und Abmeldungen.

Doch auch die Angehörigen müssen fachlich begleitet werden: »Das fängt beim Kündigen eines Handy-Vertrags an, geht über die Abmeldung von Versicherungsverträgen bis hin zu Zimmerräumungen zum Beispiel in einem Seniorenheim«, berichtet Winter. Bei der Begleitung der Angehörigen sind Kenntnisse in Trauerpsychologie erforderlich. Das Abschiednehmen am offenen Sarg ist für viele nicht einfach.

Auch bei der Abstimmung mit Floristen und Gärtnereien bezüglich der Dekoration oder der Platzierung von Traueranzeigen ist der Bestatter gefordert. Welche religiösen Riten und Empfindlichkeiten oder bestimmte Bräuche sind zu beachten? Welche Musik ist bei der Trauerfeier erwünscht? Welcher Pfarrer soll die Trauerrede halten?

Dennoch: Die Berührungsängste gegenüber Toten sind natürlich die größte Hürde, die es zu Beginn der Ausbildung zu überwinden gilt. Das ging auch Marcel Heller so, als er zu seiner ersten Leiche gerufen wurde. Allerdings habe es sich um eine Überführung aus einem Krankenhaus gehandelt. Eine ältere Dame, die dort verstorben war: »Das war nicht so problematisch.«

Sein Chef hatte da ganz andere Erfahrungen gemacht. Der gelernte Spengler erlebte als Feuerwehrmann bei einem Doppelsuizid auf der Bahnstrecke bei Okarben seinen ersten Leicheneinsatz. Ein älteres Ehepaar, das nicht ins Altersheim wollte, hatte sich vor den Zug geworfen.

Mehr Berufung als Beruf

Da muss man schon gute Nerven haben, um die schrecklichen Bilder zu verdauen und nicht auch privat an sich heranzulassen. Manche Berufskollegen schaffen das nur mit Alkohol. »Wir haben jeden Tag mit dem Tod zu tun. Aber man muss auch mal lachen können«, meint Winter, der in seiner Freizeit einen Ausgleich als Vorsitzender des Schützenvereins findet.

Heller engagiert sich als Karnevalist. Für den 24-Jährigen ist der Beruf des Bestatters eher Berufung. Kein Job, den man mal einfach so ergreift. »Man muss es wirklich machen wollen«, sagt er. Für die Menschen da zu sein, Angehörigen beim Abschied von einem geliebten Familienmitglied zu helfen und dem Verstorbenen eine würdige Bestattung zu geben. »Und da kommt auch manches Dankeschön zurück.«

In Winters Betrieb geht die Ausbildung jedenfalls in die nächste Runde: Am 1. August steigt sein Sohn Philipp ein.



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