14. Februar 2017, 09:00 Uhr

Beschneidung

Aufgeschnitten, amputiert, zugenäht

200 Millionen Frauen und Mädchen leben weltweit damit, an der intimsten Stelle ihres Körpers verstümmelt worden zu sein. Ein Mittelhesse kämpft seit 20 Jahren gegen die blutige Tradition.
14. Februar 2017, 09:00 Uhr
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Von Eva Diehl
Die afrikanischen Mitarbeiter des Vereins klären in Dörfern mit Bildtafeln über Beschneidung auf. Nicht immer sind die Informationen erwünscht. Eine der Kolleginnen sowie zwei weitere Frauen sind im Lauf der Aufklärung unter bisher ungeklärten Umständen verstorben – Hönle geht von Mord aus. (Foto: (I)NTACT)

Detmar Hönle ist 80 Jahre alt und Lehrer im Ruhestand. In dieser Zeit nach dem Beruf ist der Mann aus Lich jedoch alles andere als untätig. Er engagiert sich als zweiter Vorsitzender der Internationalen Aktion gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen e.V., kurz (I)NTACT. Mit dem in Saarbrücken ansässigen Verein sammelt er Spenden, prüft Finanzberichte und diskutiert mit Politikern und Projektmitarbeitern – per E-Mail oder vor Ort. Gerade kommt der Mittelhesse von einer Afrikareise zurück. »Wir haben sowohl Benin als auch Togo von der Tradition der Beschneidung befreit, und zwar flächendeckend«, sagt er nicht ohne Stolz. Wie das gelungen ist, was den Kampf gegen die Beschneidung so schwierig macht und was ihn antreibt, berichtet er im Interview.

Wo waren Sie kürzlich in Afrika und was haben Sie dort getan und erlebt?

Detmar Hönle: Ich war in Benin und Togo. Wir haben im letzten Jahr ein Büro in der Hauptstadt von Benin, Cotonou, eröffnet – das habe ich mir angeschaut. Dort sind drei Beniner, die (I)NTACT in Afrika vertreten. Mein Job als Weißer ist nicht, in die Dörfer zu gehen und zu sagen: »Hört mit dem Quatsch auf!« Ich gehe nach Afrika und treffe unsere Projektmitarbeiter und Partner, etwa NGOs, die dort für uns arbeiten. Ein oder zwei Mal im Jahr fahre ich dort hin. Als Vertreter eines Geldgebers treffe ich auch politisch Verantwortliche. In beiden Ländern gibt es Gesetze gegen die Beschneidung, aber die Ausstattung mit Menschen, die die Gesetze auch umsetzen, ist nicht so gut wie hier. In Benin war ich beim Landrat und dem Präfekten, weil es dort Rückfälle gab. Weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft sind eingeschritten, obwohl wir eine Dokumentation vorgelegt und Klage eingereicht haben.

Sind Sie bei Reisen schon in gefährliche Situationen geraten?

Hönle: Ich selbst bin nie in wirklich schwierige Situationen geraten. Auch deshalb, weil ich immer mit Afrikanern zusammen reise. Außerdem bringe ich Geld und Arbeit und habe keine finanziellen Interessen oder möchte dort Gewinn machen.

In welchen Ländern ist die Beschneidung noch besonders verbreitet?

Hönle: Es gab in Afrika 28 Länder mit dieser Tradition, jetzt gibt es nur noch 26. Das sind fast alle westafrikanischen Länder vom Senegal bis nach Somalia, Kenia, Tansania. In Südafrika, Namibia und Angola hat es hingegen nie Beschneidungen gegeben. Es ist eine neuere Feststellung, dass es auch in Asien so viele betroffene Frauen gibt, vor allem in Indonesien. Wir wissen aber aus Afrika, dass die Tradition absolut nichts mit dem Islam zu tun hat. Sie ist viel älter und schon im alten Ägypten belegt. Man nimmt an, dass sie mit Völkern das Niltal hochgewandert ist.

Warum wird die Beschneidung überhaupt vorgenommen?

Hönle: Seit Jahrhunderten wird den Frauen und auch den Männern erzählt, dass es gut für die Gesundheit der Frauen ist. In Benin beim Stamm der Waaba kam es deshalb vor einigen Jahren zum Beispiel zu einem Rückfall. Drei Frauen hatten Probleme mit Anämie und Bandwürmern. Sie sind zu einem Heiler gegangen, weil es keine Krankenstation gab. Er wusste nicht weiter und hat den Frauen empfohlen, sich beschneiden zu lassen. Weil sie in Benin keine Beschneiderin mehr fanden, haben sich daraufhin zwei der Frauen selber beschnitten. Um so etwas zu vermeiden, haben wir ihnen nun eine kleine Krankenstation sowie eine Entbindungsstation für 18 000 Euro gebaut. Neben der Ansicht, dass man im Allgemeinen krank wird, wenn man nicht beschnitten ist, glauben die Menschen auch, dass die Geburten leichter sind sowie die Frauen fruchtbarer und treuer. Bei jeder dieser Begründungen ist jedoch das Gegenteil der Fall: Die Geburten sind wesentlich schwerer.

Weshalb wehren sich Eltern, Frauen und Mädchen nicht dagegen?

Hönle: Die Aufrechterhaltung der Tradition beruht auch auf gesellschaftlichem Zwang. Es ist überlebenswichtig, dass Väter ihre Töchter verheiraten. Eine unbeschnittene Frau kann in Regionen, in denen die Tradition noch üblich ist, keinen Mann finden. Auch wenn der Vater dagegen ist – er kann eine Großfamilie aus zwei oder drei Frauen und sieben bis acht Töchter nicht ernähren.

Wie viele Mädchen überleben die Beschneidung nicht? Und ist den Beteiligten diese Gefahr bewusst?

Hönle: Es sind geschätzt fünf Prozent. Man weiß es nicht genau. Die Gefahr ist ihnen nicht bewusst. Auch Beschneiderinnen sind in der Regel selbst beschnitten – für sie ist das ganz normal. Sie wissen nicht, dass es schädlich ist, und deshalb muss man auch die Beschneiderinnen aufklären.

Wie kämpfen Sie gegen die Beschneidung?

Hönle: Dass wir in vielen Länder erfolgreich sind, liegt zum einen daran, dass wir kontrollieren, ob das Geld in die richtigen Kanäle fließt. Zum anderen haben wir eine wirksame Strategie entwickelt: Die Aufklärung darf sich nicht allein auf die Opfer beziehen, also die Familien, sondern sie muss vor allem auch die Täter einbeziehen. Das sind die Beschneiderinnen und die Hüter der Tradition. Hüter der Tradition sind meist Männer, die nach afrikanischem Verständnis die Fähigkeit haben, mit den Geistern zu reden und sowohl heilen als auch Strafen verhängen können, berichtet Hönle. Diese Strafen seien schwere Krankheiten oder sogar der Tod. »Davor haben die Menschen Angst«, sagt Hönle. Weil die Hüter der Tradition in dieser Frage die Autoritäten sind, hören die Leute auf auch auf sie, wenn sie die Beschneidung nicht mehr empfehlen. Wir machen Akteuren der Beschneidung durch Aufklärung zu Akteuren im Kampf gegen die Beschneidung. Wir haben uns mit Herzblut engagiert und wir haben Erfolg, weil wir die afrikanischen Verhältnisse berücksichtigen.

Warum engagieren Sie als Mittelhesse sich so stark in Afrika?

Hönle: Ich habe hier einen Beniner kennengelernt, der an der Uni Gießen promovierte und mich eingeladen hat. In Benin habe ich eine junge Deutsche getroffen, die gerade (I)NTACT gegründet hatte. Das war 1996. Ich war Französischlehrer, und die junge Frau wollte mich dabei haben. Ich habe erst gesagt: »Martina, das ist eine Frauensache und nichts für mich.« Da hat sie mir in die Augen geschaut und gesagt: »Wir Frauen setzen uns auch ein, wenn es um das Menschenrecht von Männern geht. Das verlangen wir auch von Euch.« Von da an habe ich die Verhandlungen in Benin geführt und später auch in Togo.

Was treibt Sie an?

Hönle: Ich habe Einblicke gewonnen in völlig andere gesellschaftliche Verhältnisse mit spirituell-animistischen Hintergrund. Ich hatte mit den afrikanischen Kollegen Erfolge, die über meine Erfolge als Lehrer hinausgingen. Seitdem die Tradition in Benin und Togo überwunden ist, wurden schätzungsweise 50 000 bis 100 000 Mädchen nicht mehr verstümmelt. Ich bin nicht mehr der Jüngste und wenn ich einmal sagen muss: »Das war’s«, bin ich damit sehr zufrieden.

Wo konnten Sie die Menschen davon überzeugen, die Beschneidung aufzugeben?

Hönle: Wir haben Benin und Togo in acht Jahren flächendeckend von der Beschneidung befreit. Die aktuelle Rate von Beschneidungen bei Null bis 14-Jährigen liegt in diesen Ländern nur noch bei 0,2 beziehungsweise 0,3 Prozent. Nur in Grenzgebieten gibt es vereinzelte Rückfälle. Burkina Faso haben wir zu einem Drittel davon befreit. In Ghana sind wir seit drei Jahren tätig und hoffen, im Laufe des Jahres 2018 die Beschneidung überwunden zu haben. In Teilen des Senegals sind wir seit zehn Jahren tätig und haben eine große Region befreit. In Gambia fangen wir gerade an.

Gibt es auch hier Fällen?

Hönle: In Deutschland gibt es eine Dunkelziffer an Beschneidungsfällen, die nicht erhellt werden kann, weil es die ärztliche Schweigepflicht gibt. Es gibt kein Gesetz, das die Ärzte verpflichtet, die Behörden darauf hinzuweisen, dass eine Verstümmelung stattgefunden hat. Wir setzen uns zusammen mit anderen Organisationen für ein solches Gesetz ein. Das betrifft in Deutschland vor allem Frauen aus Somalia und Eritrea – in diesen Ländern sind die extremen pharaonischen Beschneidungen üblich. Nach neusten Erkenntnissen leben in Deutschland 43 000 beschnittene Frauen. Es gibt Hinweise darauf, dass in manchen Städten Ärzte heimlich Beschneidungen durchführen.

Das große Problem ist auch, dass Frauen in den Schulferien mit ihren Töchtern in die Heimat fahren und sie dort beschneiden lassen. Diese Gefahr besteht auch in Hessen. Viele kommen jetzt erst her, und ihre Familien sind noch nicht hier. Aber die Gefahr besteht – und zwar sehr aktuell.



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