16. August 2017, 20:12 Uhr

Abgrenzung der Kirchen beenden

Auf Karl Lehmann folgt Peter Kohlgraf: Ende August wird er der neue Mainzer Bischof sein. Im Interview sagt er, was er über Ökumene denkt und was notwendig wäre, um den Mitgliederverlust umzukehren.
16. August 2017, 20:12 Uhr
Peter Kohlgraf tritt am 27. August die Nachfolge von Karl Lehmann als neuer Mainzer Bischof an. »Das Zeitalter der konfessionellen Abgrenzung muss vorbei sein«, sagt er. (Foto: dpa)

Der künftige Mainzer Bischof Peter Kohlgraf sieht zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche weit mehr Gemeinsames als Trennendes. »Das, was wir als Christen glauben, unterscheidet uns im Wesentlichen nicht«, sagt der 50-Jährige im dpa-Interview.

»Wir müssen wirklich gucken, dass wir es schaffen, den Kern des Evangeliums einer zunehmend säkularen Öffentlichkeit als eine frohe Botschaft zu präsentieren.« Mit Blick auf das Jubiläum von 500 Jahren Reformation sagte er: »Das Zeitalter der konfessionellen Abgrenzung muss vorbei sein.« Am 27. August soll Kohlgraf zum Nachfolger des früheren Bischofs Karl Lehmann geweiht werden.

Ihr Vorgänger Karl Lehmann hat große Fußspuren hinterlassen. Worin wird Ihr eigener Weg bestehen, was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger?

Peter Kohlgraf: Jeder Bischof bringt sein eigenes Naturell mit. Es geht nicht darum, jemanden zu kopieren. Kardinal Lehmann kommt aus einer anderen theologischen Tradition. Er ist Dogmatiker, ich bin Pastoraltheologe. Kardinal Lehmann hat das Bistum 33 Jahre als Bischof hervorragend geprägt, auch durch sein theologisches Arbeiten. Er ist im Grunde immer der Professor geblieben. Ich kann mir schon vorstellen, das ein oder andere zu veröffentlichen, aber das Schreiben theologischer Bücher wird in den nächsten Jahren erst mal nicht mein Schwerpunkt sein. Ich möchte in die Fläche des Bistums gehen, dort präsent sein und den Leuten begegnen. Auf Facebook bin ich schon aktiv, aber noch nicht auf Twitter. Zu ganz kurzen Botschaften habe ich noch keinen Zugang gefunden.

Lockt Sie der Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz?

Kohlgraf: Das wäre zu früh und außerdem freue ich mich erst mal, im Bistum Mainz zu arbeiten. Ich glaube, es wäre nicht unbedingt hilfreich für das Bistum, wenn das jetzt so wäre.

Sie haben für die Fortsetzung der Ökumene zwischen katholischen und evangelischen Christen geworben und sich gewünscht, dass das Gespräch über die Inhalte weitergeht. Welche konkreten Erwartungen haben Sie daran?

Kohlgraf: Wir reden viel über Abendmahl und Eucharistiegemeinschaft. Das wird es, glaube ich, flächendeckend nicht in dem Sinne geben, dass die katholische Kirche sagt, alle sind grundsätzlich immer eingeladen. Ganz konkret steht aber die Frage an, wie ist es bei konfessionsverbindenden Paaren, wo evangelische und katholische Paare zusammenleben, wo es wirklich ein existenzielles Thema ist. Wir sprechen von Hauskirche, aber Eucharistie darf man nicht gemeinsam empfangen, ich finde, das ist schon ein schwieriges Signal, auch für Kinder solcher Paare. Im Letzten bleibt es eine geistliche Entscheidung des Einzelnen. Ich werde als Kommunionsspender nie jemanden abweisen dürfen, der da vor mir steht. Ich sehe es jemandem ja auch nicht an. Evangelische Christen sehen ja nicht grundsätzlich evangelisch aus. Ich werde zunächst davon ausgehen müssen, das ist eine bewusste Entscheidung. Wir müssen wirklich gucken, dass wir es schaffen, den Kern des Evangeliums einer zunehmend säkularen Öffentlichkeit als eine frohe Botschaft zu präsentieren. Das, was wir als Christen glauben, unterscheidet uns im Wesentlichen nicht. Die Homo-Ehe ist nicht Kernbereich des Evangeliums.

Wie erleben Sie das Reformationsjubiläum?

Kohlgraf: Ich werde mir anschauen, was es für attraktive Angebote gibt. Es ist ja letztlich auch eine Suche nach einer zeitgemäßen evangelischen Identität. Was ich wahrnehme ist, dass auch sehr um Fragen gerungen wird wie: Was feiern wir eigentlich? Kann man Reformation feiern? Kann man Luther einfach so feiern mit all den Facetten, die zu seiner Person gehören? Luther war ja auch ein Kind seiner Zeit. Er ist eine schillernde Gestalt. Und Reformation ist ja für uns Katholiken nicht ein Grund zum Jubeln. Wobei ich den Eindruck habe, dass dies auch bei evangelischen Christen viel differenzierter gesehen wird. Und trotzdem gehört sie zu unserer Geschichte als Kirche, als Kirchen. Das Zeitalter der konfessionellen Abgrenzung muss vorbei sein.

Was sagen Sie engagierten Frauen in der Kirche, die mehr Verantwortung übernehmen wollen und sich für die Priesterweihe von Frauen einsetzen?

Kohlgraf: Was die Frauenordination zum Priester angeht, hat sich Papst Franziskus abschließend geäußert. Er hat entschieden. Ich kann so manche Enttäuschung aufseiten mancher Frauen sehen. In dieser Frage wird sich aber in absehbarer Zeit nichts ändern. Eine Reform der Kirche würde ich erst mal auf einem anderen Feld suchen. Was das Diakonat der Frau angeht, hat der Papst eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Ich bin mir nicht sicher, ob da wirklich noch neue Optionen auf dem Tisch sind.

In vielen Bistümern sind Reformprozesse zur Pfarreistruktur eingeleitet. Werden Sie dies auch angehen?

Kohlgraf: Wir werden im September anfangen, uns im Diözesanpastoralrat damit zu beschäftigen, welche Baustellen es gibt und mit welchen Themen wir beginnen wollen. Die ersten wichtigen Fragen sind für mich nicht die Strukturfragen. Wenn Menschen anfangen, ihr Christsein auch wirklich überzeugend zu leben, werden wir auch vor Ort die richtigen Strukturen finden, die den Menschen helfen. Ich wünsche mir, dass es eine einheitliche Vision von Seelsorge im Bistum gibt, eine Art Leitbild. Aber die regionale Umsetzung wird in ländlichen Regionen anders aussehen müssen als in Mainz oder Rüsselsheim. Dafür ist unser Bistum auch zu bunt und die Regionen sind zu vielfältig. Ein Hauptteil der Arbeit in der ersten Zeit wird darin bestehen, Leuten Lust zu machen, auch mal Dinge auszuprobieren.

Die großen christlichen Kirchen verlieren weiter Mitglieder, auch wenn der Schwund zurückgegangen ist. Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe dafür, wie kann die katholische Kirche den Trend umkehren?

Kohlgraf: Ich glaube schon, dass es gut ist für die Kirche, ein waches Ohr für die Themen der Zeit zu haben, um sie ins Gespräch zu bringen mit den Themen des Evangeliums. Jesus verändert sich nicht, die Wahrheit des Evangeliums verändert sich nicht, aber mein Zugang ist heute ein anderer, als wenn ich im Mittelalter gelebt hätte. Deswegen nutzt es gar nichts, wenn wir nur Sätze des 19. Jahrhunderts wiederholen. Ich muss heute gucken, wie ich das übersetze, dass Menschen merken, es hat etwas mit ihrem Leben zu tun. Dafür muss ich auch gut hinhören. Ich habe neun Jahre Schulunterricht gegeben in Gymnasium und Berufskolleg. Die Begegnung mit jungen Menschen kratzt auch an den eigenen Glaubenssicherheiten.

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