22. September 2017, 21:30 Uhr

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22. September 2017, 21:30 Uhr
Dietrich Faber

Heute Nacht träumte ich von sachgrundlos befristeten Musterfeststellungsklagen und suchte dabei subsidiären Schutz in einer prekären Beschäftigung, indem ich die Mietrpreisbremse zog und mein Breitband ausbaute. Ich wachte schweißgebadet auf, fühlte mich asymmetrisch demobilisiert, und da wurde mir klar, dass es mehr als höchste Zeit ist, dass morgen endlich gewählt wird.

Denn auch ich gebe zu, ich bin ein bisschen müde vom Wahlkampf, ohne selbst wahlgekämpft zu haben. Ich freue mich, morgen endlich meinen bezahlbaren Wohnraum, in dem ich gut und gerne lebe, zu verlassen, an der gebührenfreien Kita vorbei bis zur Grundschule ohne Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung zu schreiten, um dort dann schließlich, nachdem ich meinen Familiennachzug organisierte, zusammen mit Frau und Sohn mein Kreuzchen zu machen. Natürlich gehen wir zu Fuß dorthin, unseren Skandal-Diesel lassen wir in der von der Umweltprämie finanzierten Garage stehen.

Ja, es wird wirklich Zeit, dass gewählt wird. Irgendwann einmal ist alles gesagt. Ich mag diese ganz besondere Wahlsonntags-atmosphäre, die dann in der Luft liegt. Plötzlich kehrt nach all der trubeligen Wahlkampfzeit so etwas wie Ruhe ein. Und es hat etwas Verbindendes, wenn alle Deutschen ab 18 Jahre in all ihrer Unterschiedlichkeit ihre Entscheidung treffen dürfen und jede Stimme gleich viel zählt. Die Ursuppe unserer Demokratie.

Finale!

Auch freue ich mich auf den zeitlosen muffigen Retro-Style meines Wahllokals. Pappwände, Pappkartons und Schulbänke. Das gibt mir in unserer rastlosen, hypermodernen digitalen Welt Frieden und Ruhe. Bei jeder Wahl beeindruckt es mich immer wieder aufs Neue, dass sich im ganzen Land für die Durchführung regelmäßig genügend Wahlhelfer und Wahlhelferinnen finden lassen, die in seelenruhiger Routine das Prozedere im Griff haben. Auch wenn morgen Abend AfD-Sympathisanten verschwörungstheoretisch den großen Wahlbetrug wittern und als Wahlbeobachter den Auszählern ihren missmutigen Atem in den Nacken blasen, wird diese das nicht aus der Ruhe bringen.

Abends dann fiebere ich dem Countdown zur ersten Prognose entgegen, werde danach wie immer hektisch auf der Suche nach neuen Hochrechnungen hin- und herzappen und den Einzug der Spitzenkandidaten in die jeweiligen Parteizentralen verfolgen. Bis in den späten Abend werde ich alles gucken. Und wenn zum vierten Mal zu den Wahlpartys geschaltet wird, bei der die Sieger jubeln und die Verlierer frustriert sind, dann döse ich ein, träume davon, dass in der Elefantenrunde endlich mal ein echter Elefant sitzt und bedanke mich schnarchend bei meinen Wähler……äh…bei meinen Leserinnen und Lesern für ihr Vertrauen und das Lesen dieser Kolumne!



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