29. März 2012, 19:38 Uhr

»Es ist im Grunde ein Buch über meine Familie«

Frankfurt. Zum dritten Mal lädt der Verein »Frankfurt liest ein Buch« zu seinem gleichnamigen Literaturprojekt ein. Vom 16. bis 29. April geht es zwei Wochen lang um ein Buch, dessen Protagonisten sich vor Frankfurter Kulisse bewegen.
29. März 2012, 19:38 Uhr
Silvia Tennenbaum freut sich auf Frankfurt. (Foto: pia)

2010 stand Valentin Sengers Roman »Kaiserhofstraße 12« im Zentrum, im vergangenen Jahr fiel die Wahl auf Wilhelm Genazinos »Abschaffel«-Trilogie. Dieses Mal dürfen sich Literaturfreunde auf Silvia Tennenbaums Roman »Straßen von gestern« freuen. Darin schildert die 84 Jahre alte Autorin über vier Generationen hinweg das Schicksal der Wertheims, einer Frankfurter Bürgersfamilie jüdischen Glaubens.

Die Macher des Literatur-Events, allen voran der Verleger Klaus Schöffling, rechnen wieder mit großer Resonanz, schließlich fanden im vergangenen Jahr 11 000 Literaturfreunde in 54 Veranstaltungen. Dieses Mal dürfte die Zahl noch steigen, gibt es doch über 70 Veranstaltungen, verteilt über die ganze Stadt. Zum Auftakt lockt am 16. April eine von zahlreichen Prominenten der Frankfurter Kulturszene bestrittene Lesung in die Deutsche Nationalbibliothek. Städeldirektor Max Hollein ist dabei, Opern-Intendant Bernd Loebe und die in Frankfurt lebende Autorin Alissa Walser. Zur Abschluss-veranstaltung am 29. April im Haus am Dom wird es eine Begegnung zwischen Silvia Tennenbaum und der Schauspielerin Corinna Harfouch geben. Stadtführungen entdecken Orte und Plätze, die im Roman wie im wahren Leben der Autorin eine wichtige Rolle spielen. Zu mehreren Gesprächen wird Tennenbaum persönlich anwesend sein. Angereist aus East Hampton auf Long Island.

In »Straßen von gestern« beschreibt Tennenbaum den Alltag einer jüdischen Familie, der Familie Wertheim, im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. An jenem Ort in Frankfurt, an dem im Roman 1903 Lene Wertheim als jüngster Spross der Familie zur Welt kommt, ragen heute die Doppeltürme der Deutschen Bank in die Höhe. Das Leben im feinen Westend ist eines mit festen Regeln, Grundsätzen und Überzeugungen. Eduard Wertheim ist Bankier, sammelt Kunst und macht sich einen Namen als Mäzen. Seine Ansichten sind mitunter recht unorthodox. Das Weihnachtsfest etwa gerät regelmäßig zum großen Familienfest, was bei der streng religiösen jüdischen Verwandtschaft auf Befremdung stößt. Jacob, der intellektuelle Eigenbrötler und Feingeist, führt eine Buchhandlung am Römer. Einigen Familienmitgliedern gelingt es rechtzeitig, den Nazis zu entkommen, wie Lene, die 1938 in Paris ein Ausreisevisum für die USA erhält.

Auch Silvia Tennenbaum konnte sich retten. Sie war acht, als sie mit ihrer Mutter, dem Stiefvater und ihrem Halbbruder zunächst nach Basel ging, zwei Jahre später dann in die USA emigrierte. Sie studierte Kunstgeschichte, wurde Kunstkritikerin, heiratete einen Rabbiner und ließ sich 30 Jahre später von diesem scheiden. 1978 erschien mit »Rachel, the Rabbi’s Wife« ihr erster Roman. Drei Jahre später »Yesterdays Streets«. »Die Straßen von gestern« ist wie ihr Romanerstling stark biografisch gefärbt. »Es ist im Grund ein Buch über meine Familie, ein Schlüsselroman«, sagt sie. Silvia Tennenbaum lebte mit ihrer Familie im Trutz. In der Oper erlebte sie »Peterchens Mondfahrt«, das ihr Stiefvater Hans Wilhelm Steinberg, Generalmusikdirektor am Hause, dirigierte.

Tennenbaum steht mit »Frankfurt liest ein Buch« eine aufregende Zeit bevor. Erst vor kurzem hielt sie das Programm in den Händen. »Mir wurde fast schwindelig«, sagt sie mit leichtem amerikanischem Akzent: »Noch nie bin ich so gefeiert worden«. Wenn sie an das Frankfurt ihrer Kindheit denkt, sieht Tennenbaum es in Farbe. Den Opernplatz etwa, damals noch Treffpunkt aller Straßenbahnen. »Jede Linie hatte ihre Farbe. Die ›5» war gelb, die ›4» grün, Linie 2 war rot.« Farben gehören zum Leben der Autorin, die noch immer »die meisten Freunde in Frankfurt hat«. Vermutlich hat sie auch deshalb ihre kobaltblaue breite Haarsträhne im silberweißen Pagenkopf, seit Jahren ihr Erkennungszeichen, für ihre Lesereise auffrischen lassen. Annette Wollenhaupt, pia

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