29. November 2011, 18:13 Uhr

Auch die Kanzlerin interviewt er selbst

Frankfurt. Selbst nach der Rente mit 67 müsste Otto Romberg schon lange nicht mehr arbeiten. Doch der heute 78-Jährige denkt gar nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen und gibt in seiner Wahlheimat Frankfurt weiter unverdrossen die »Tribüne« heraus.
29. November 2011, 18:13 Uhr
Ihm öffnen sich viele Türen: Otto Romberg, Herausgeber der Zeitschrift »Tribüne«, in seinem Arbeitszimmer. (Foto: dapd)

Die »Zeitschrift zum Verständnis des Judentums«, wie sie im Untertitel heißt, erscheint seit genau 50 Jahren und feiert am Donnerstag mit einem Symposium und anschließendem Festakt ihr Jubiläum in der Deutschen Nationalbibliothek.

Und wie seit fünf Jahrzehnten mangelte es Romberg auch für das 200. Heft nicht an höchst prominenten Interviewpartnern: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Innenminister Hans-Peter Friedrich, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, Grünen-Pareichefin Claudia Roth und den IG-Metall-Vorsitzenden Berthold Huber hat er diesmal persönlich aufgesucht, um sie nach Rechtsextremismus, Antisemitismus,
Israel und vielem anderem zu befragen.

Dass ihm solche Themen am Herzen liegen, ist bei der Vita Rombergs nicht verwunderlich. Der in Ungarn geborene Jude und Holocaust-Überlebende wurde in seiner Heimat politisch verfolgt und nach dem Aufstand 1956 sogar zum Tode verurteilt, bevor er nach Österreich fliehen konnte und schließlich nach Deutschland kam. Dort waren es Hakenkreuzschmierereien, die 1961 den Anstoß zur Gründung der »Tribüne« gaben. Nicht gerade Freude macht es Romberg natürlich, dass der Ungeist, der sich darin manifestierte, auch heute noch nicht gebannt ist.

So lautet das Thema des Symposiums zum Jubiläum der Zeitschrift denn auch »Antisemitismus – gestern, heute und morgen«. Und zu welchen Taten Rechtsextremisten noch heute fähig sind, hat schließlich die jüngst aufgedeckte Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« gerade wieder gezeigt. Gegen so etwas auch intellektuell anzugehen, ist ein wesentliches Anliegen der »Tribüne«, die heute von Romberg, seiner ebenfalls aus Ungarn stammenden Frau Elisabeth Reisch und Anja Schrader als einziger weiterer Kraft erstellt wird.

Beitrag des Bundespräsidenten

Die Gewinnung von Autoren für Essays darin und die Interviews mit prominenten Politikern aus Deutschland, Israel und aller Welt aber sind allein Rombergs Sache. Bundespräsident Christian Wulff hat einen Gastbeitrag für das Jubiläumsheft geschrieben. Und in der Vergangenheit waren auch Shimon Peres, Ariel Scharon, Bruno Kreisky, Franz Josef Strauß, Richard von Weizsäcker, Johannes Rau, Willy Brandt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder als Autoren oder Interviewpartner in der Vierteljahreszeitschrift vertreten, deren Auflage zwischen 5 000 und 7 000 schwankt. Romberg öffnen sich viele Türen.

»Ich mache so lange weiter, wie es meine Gesundheit und die Finanzen zulassen«, sagt der im Dezember 79 Jahre alt werdende Herausgeber, der für die Quartalshefte zwei Zimmer seiner Wohnung im Osten zur Redaktion umgerüstet hat. Das Anzeigenaufkommen sinkt wie bei vielen Medien auch in der »Tribüne«: »In den letzten fünf Jahren ist es um 40 Prozent zurückgegangen«, bedauert Romberg. Doch er ist stolz darauf, in den 50 Jahren keinen Cent an Subventionen angenommen zu haben. Zwar gab es immer mal wieder Angebote dafür. Aber auch nur die Erwartung einer positiven Berichterstattung als Gegenleistung ging dem auf Unabhängigkeit bedachten Zeitschriftenmacher gegen den Strich.

Hauptzielgruppe des Hefts sind junge Leute. Romberg hofft, gerade sie mit Aufklärung und Information über das Judentum vor Vorurteilen zu bewahren. So gehen viele Ausgaben der »Tribüne« an Dozenten und Lehrer. Auf sie setzt der Herausgeber der Quartalshefte als Multiplikatoren. Ein Heft wird nach seiner festen Überzeugung jeweils von vielen ihrer Studenten und Schüler gelesen. Und außerdem gäben die Pädagogen ihre Erkenntnisse aus der Lektüre weiter. Eine weitere große Gruppe an Lesern sind aus Deutschland eingewanderte Juden in Israel. Von ihnen bekommt er auch viel Resonanz: ganz altmodisch in frankierten Leserbriefen.

Gerhard Kneier (dapd)

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