17. Februar 2011, 21:46 Uhr

Eltern fühlen sich oft überfordert

Frankfurt. Gerhard und Angelika Scherf haben ihren Mietvertrag gekündigt und sind in eine Wohnung der Stadt mit drei Kinderzimmern gezogen.
17. Februar 2011, 21:46 Uhr
Angelika Scherf und ihr Mann Gerhard in einem Spielzimmer des Jugend- und Sozialamtes. Beide sind seit vielen Jahren sogenannte »Bereitschaftseltern« und nehmen Kinder bis zur weiteren Klärung ihres Schicksals kurzfristig bei sich auf. (Foto: lhe)

Frankfurt. Gerhard und Angelika Scherf haben ihren Mietvertrag gekündigt und sind in eine Wohnung der Stadt mit drei Kinderzimmern gezogen. Der 62-jährige Rentner und seine 59-jährige Frau nehmen darin künftig bis zu fünf Pflegekinder auf, die mit ihnen eine Woche bis etwa eineinhalb Jahre lang als Familie zusammen leben - solange, bis entschieden ist, ob sie zu ihren Eltern zurück können oder in einer anderen Pflegefamilie untergebracht werden. »In dem »Haus mit Aussicht« bieten wir richtige Ersatzfamilien«, erläuterte Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld am Donnerstag das nach ihren Angaben in Deutschland einmalige Projekt.

Alkohol, Gewalt, Verwahrlosung

Alkohol, Gewalt, Verwahrlosung und massive Überforderung: Immer mehr Babys, Kinder und Jugendliche werden zu ihrem eigenen Schutz aus ihrer Familie geholt und vom Jugendamt in Obhut genommen. Die Zahl steigt bundesweit seit Jahren ständig, wie Birkenfeld sagt. Allein in Frankfurt wurden im vergangenen Jahr 515-mal Kinder und Jugendliche in Obhut genommen, das waren 147 Fälle mehr als 2009. Die Gründe für den starken Anstieg müssten noch analysiert werden, ein 16-Jähriger etwa habe sich selbst mehrfach in Obhut nehmen lassen. Um gerade den Kleinsten schnell ein geborgenes Umfeld bieten zu können, hat die Stadt das »Haus mit Aussicht« eingerichtet. Geeignete Pflegefamilien dafür zu finden, ist aber schwer, eine von drei vorgesehenen fehlt noch. Wie viel Geld es gibt, will die Dezernentin nicht sagen, um das als Motivation auszuschließen.

»Wir haben schon immer mit fremden Kindern zusammengelebt«, erzählt Angelika Scherf, die drei eigene Kinder groß gezogen hat und sich Jahrzehnte lang als Tagesmutter um Kleinkinder kümmerte. Mehr als 20 Jungen und Mädchen haben die Scherfs zudem in den vergangenen neun Jahren in ihrer alten Wohnung bereits in Bereitschaftspflege betreut. »Wir sind schon mit neun Kindern in den Urlaub gefahren, an die Ostsee«, sagt Gerhard Scherf. Er ist vom Sinn der Aufgabe, »Kindern eine große Hilfe zu sein, wieder den Weg ins Leben zu finden« voll und ganz überzeugt.

Für Christian Birk, seine Frau und ihre acht und 13 Jahre alten Kinder ist die Aufgabe dagegen neu. Der Sozialarbeiter und die Fachhochschul-Dozentin haben sich auch deshalb für eine Wohnung im »Haus mit Aussicht« entschieden, weil das Projekt von einem kompetenten Team begleitet wird, wie Birk sagt.

Dazu gehört ein Team von Netzwerkern, das die Kurzzeitpflegeeltern unterstützt, wenn sie mit einem Kind bei dessen leiblichen Eltern oder beim Arzt sind oder einfach mal ins Kino wollen. Helfen sollen die Kräfte auch, wenn sich das Füttern eines Schreibabys hinzieht, oder ein besonders aktives Pflegekind eine längere Radtour braucht.

Die Scherfs sind in all den Jahren nur bei einem Pflegekind an ihre Grenzen gestoßen: Einem besonders intelligenten, aber auch sehr aggressiven Sechsjährigen, der Gewalt und Alkoholexzesse von zu Hause kannte. »Ich hab immer gedacht, irgendwann fällt er dich an«, erzählt Angelika Scherf. Nach sechs Monaten gab das Paar auf, der Junge wurde in einer Spezialeinrichtung untergebracht, »nicht ohne vorher sein Zimmer bei uns zu demolieren«. Inzwischen sei er 14 Jahre alt und es gehe ihm »ganz gut«.

Ira Schaible, dpa



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