19. November 2010, 20:48 Uhr

Brot, Wein und Wirtschaftsethik

Frankfurt. Gleich zu Beginn will Elisa Klapheck ein bisschen provozieren. Die Diskussion soll schließlich in Gang kommen, gerne auch kontrovers werden. »Ich finde Neid auch eine gute Eigenschaft«, sagt sie und schaut herausfordernd um sich.
19. November 2010, 20:48 Uhr
Rabbinerin Elisa Klapheck wirft einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie ist mit einer Kippa und einem Tallit (Gebetsmantel) bekleidet. (Foto: lhe)

Frankfurt. Gleich zu Beginn will Elisa Klapheck ein bisschen provozieren. Die Diskussion soll schließlich in Gang kommen, gerne auch kontrovers werden. »Ich finde Neid auch eine gute Eigenschaft«, sagt sie und schaut herausfordernd um sich. »Er piekst mich mit der Frage: Was habe ich falsch gemacht, dass ich etwas nicht erreicht habe?«

Die Frankfurter Rabbinerin sitzt mitten in einem Gemeinderaum der Westendsynagoge. Die Brille hat sich die 47-Jährige in die grauen Locken gesteckt, ihre silberne Halskette hebt sich vom schwarzen Shirt und der schwarzen Hose ab. Sie ist eine von nur vier Rabbinerinnen, die es in den über 100 jüdischen Gemeinden in Deutschland gibt.

Sie schaut sich um. An den Tischen um sie herum sitzen knapp 20 Juden des »Egalitären Minjan«, der liberalen Gruppe in der Frankfurter Gemeinde. Anders als im traditionellen Gottesdienst beten Männer und Frauen hier gemeinsam. Danach lernen sie Talmud - neben der Hebräischen Bibel das zweite wichtige Werk der heiligen Schriften für das Judentum - und diskutieren über aktuelle Themen. Auch in anderen Städten gibt es solche Gruppen, aber die Frankfurter ist besonders groß und aktiv.

Viele Mitglieder sehen das auch als das Verdienst von Klapheck, die seit eineinhalb Jahren Rabbinerin der Gemeinde ist. Sie setzt auf eine »Erneuerung der religiösen Inhalte«. Sie will kein Rabbiner der alten Schule sein, sie will herunterkommen vom Podest in der Synagoge und Teil der Gemeinschaft sein. Ihr Anspruch ist es, mehr über gesellschaftliche Themen von heute zu sprechen - aber immer im Zusammenhang mit der jüdischen Tradition. »Wir dürfen uns nicht auf alte Anschauungen versteinern«, sagt sie. »Die klassischen Gottesdienste sprechen nur einen ganz kleinen Teil der Menschen an.«

Dieser Samstag steht unter dem Titel »Juden und Geld«. Den Schiur - den Vortrag oder Unterricht - hat sie mit zwei wirtschaftlich versierten Mitgliedern der Gruppe als Teil einer Serie initiiert. Sie haben den Titel bewusst gewählt, um ein wenig mit den Klischee-Vorstellungen der Menschen zu spielen. Dieses Mal geht es um Neid, Moral und Ethik in der Finanzwelt. Und darum, wie der Talmud damit umgeht. Sie selbst wird nicht vortragen, sondern nur zuhören und mitdiskutieren. Der Experte ist heute der jüdische Bankberater Joachim Goldstein. Nach dem Gottesdienst gibt es ein gemeinsames Essen mit Brot, israelischem Rotwein, Obst und Kuchen. Goldstein spricht über den »bösen Trieb« im Menschen und zeigt, dass der Talmud den nicht verteufelt. Hier sei der Neid keine Todsünde, sondern eher Antrieb, ohne den die Menschen nicht weiterkämen, erklärt er. Ohnehin sei es illusorisch, die Gier beim Menschen abstellen zu wollen. Aber Regeln für den Umgang mit ihr brauche es - genauso, wie sie in der Finanzwelt vor der Krise gefehlt hätten. Fast zwei Stunden lang diskutieren sie in der Synagoge: Programmentwickler, Künstler, angehende Lehrerinnen und ein Globalisierungskritiker von Attac, der betont, dass er nicht an den Messias glaubt.

Als Elisa Klapheck zu Beginn der 80er Jahre in Hamburg angefangen hat, mit Freundinnen in der Hebräischen Bibel zu lesen, da war sie auch nicht religiös - eher neugierig. Sie hatte einen langen Weg hinter sich, als sie 2004 in den USA zur Rabbinerin ordiniert wurde. Heute spricht sie von Gott und klassischen religiösen Themen meist in Verbindung mit Gesellschaft, Identität und Veränderung. »Eine Religion ist nur dann gut, wenn sie sich mit einer positiven Entwicklung auf Neuerungen einstellen kann«, sagt sie.

Daran will sie weiter arbeiten, genauso wie am Dialog zwischen Judentum und nichtjüdischer Gesellschaft. Sie hat noch viel vor. Und sie macht nicht den Eindruck, dass sie den Neid noch als zusätzlichen Antrieb braucht.

Max-Morten Borgmann, dpa

Schlagworte in diesem Artikel

  • Association pour la taxation des transactions pour l'aide aux citoyens
  • Bibel
  • Brot
  • Finanzwelt
  • Judentum
  • Talmud
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos