27. September 2010, 20:20 Uhr

Westend-Synagoge wird 100 Jahre alt

Frankfurt. Sie gehört zu den ganz wenigen jüdischen Gotteshäusern in Deutschland, die selbst Nazi-Terror und Zweiten Weltkrieg überlebt haben: Die Westend-Synagoge, die am heutigen Dienstag 100 Jahre alt wird, hat gleichwohl eine bewegte Geschichte hinter sich.
27. September 2010, 20:20 Uhr
Die alte Pracht im Innern der kuppelförmigen Westend-Synagoge wurde bei der Renovierung von 1988 bis 1994 wieder geschaffen. (Foto: dapd-hes)

Frankfurt. Sie gehört zu den ganz wenigen jüdischen Gotteshäusern in Deutschland, die selbst Nazi-Terror und Zweiten Weltkrieg überlebt haben: Die Westend-Synagoge, die am heutigen Dienstag 100 Jahre alt wird, hat gleichwohl eine bewegte Geschichte hinter sich. »Keine andere Synagoge im Land hat so viele Umbrüche und neue Anfänge durchgemacht«, resümiert der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde der Stadt, Salomon Korn. Tatsächlich dürfte sich wohl kaum eine zweite finden lassen, die allein viermal eingeweiht wurde.

Das erste Mal war nach Fertigstellung des Baus im September 1910, also noch in der Spätzeit des Kaiserreichs. Damals war der neoklassizistische, fast orientalisch anmutende Kuppelbau ein weithin sichtbares Emblem des liberalen Judentums in der Stadt; die orthodoxe Israelitische Austrittsgemeinde hatte erst drei Jahre zuvor ihre eigene Synagoge im Osten der Stadt an der Friedberger Anlage fertiggestellt. Die Westend-Synagoge aber wurde mitten in einem Wohngebiet errichtet. Nach Einschätzung von Korn, der auch Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland ist, dürfte diese Tatsache dem Gotteshaus beim Terror der sogenannten Reichskristallnacht sozusagen das Leben gerettet haben. Hätte der Mob das Gotteshaus wie in anderen Städten angezündet, wäre ein Übergreifen der Flammen auf die dicht angrenzenden Wohnhäuser kaum zu verhindern gewesen, das könnte abschreckend gewirkt haben. Doch hinzu kam noch der deutschlandweit äußerst seltene Fall, dass sich der nichtjüdische Hausmeister der Westend-Synagoge am Abend des 9. November 1938 den marodierenden Banden entgegenstellte. Es kam zwar zu Zerstörungen im Innern des Gotteshauses, doch wie durch ein Wunder erlosch noch nicht einmal das dort brennende Ewige Licht.

Im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt

Die eigentlichen Zerstörungen richteten erst die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg an, bei denen auch das Innere der Synagoge ausbrannte. Doch immerhin blieben die Außenmauern erhalten, sodass schon wenige Wochen nach Kriegsende am Vorabend des jüdischen Neujahrsfests im September 1945 das von amerikanischen Soldaten jüdischen Glaubens notdürftig wieder hergerichtete Gotteshaus wieder eingeweiht werden konnte. Ab 1948 wurde es dann mit finanzieller Beteiligung vom Land Hessen und der Stadt Frankfurt richtig renoviert und 1950 erneut eingeweiht.

Allerdings erstrahlte die Synagoge auch damals noch längst nicht wieder im neuen Glanz. Die eher kärgliche Innenausstattung nach der Renovierung entsprach der damaligen »Transitmentalität« der Juden in Deutschland, wie es Korn ausdrückt. Viele saßen wenige Jahre nach Kriegsende noch auf gepackten Koffern und sahen angesichts der gerade erlebten Gräuel hierzulande noch nicht wieder ihre Heimat. Erst bei der neuerlichen Renovierung 1988 bis 1994, als diese Einstellung in der gefestigten Demokratie der Bundesrepublik überwunden war, wurde auch im Innern der Synagoge wieder an die alte Pracht angeknüpft und kehrte auch wieder Farbe in das Gotteshaus ein.

Für Korn stellt die so wieder mit sinnlichem Dekor versehene Synagoge damit eine Brücke zu der Zeit dar, die die vielen jüdischen Einwanderer aus Osteuropa weder selbst erlebt haben noch überhaupt kennen. Schließlich ist die Jüdische Gemeinde in Frankfurt in den vergangenen Jahren durch den Zustrom von Menschen vor allem aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion von 4500 auf rund 7000 Mitglieder gewachsen. Sie stellen heute einen Großteil derjenigen, die am Sabbat in die Synagoge strömen, um Rabbiner und Kantor zu lauschen und um zu beten.

Zustrom an jüdischen Feiertagen

Gemeindedirektor Stefan Szajak berichtet, dass das Gotteshaus an jüdischen Feiertagen wie gerade erst beim Yom Kippur aus allen Nähten platzt. Bei normalen Gottesdiensten am Freitagabend oder Samstag reiche der Platz in der mehrere Hundert Menschen fassenden Synagoge dagegen aus. Groß gefeiert wird das Jubiläum der Westend-Synagoge aber erst am 24. Oktober. Dann werden wohl auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier und Oberbürgermeisterin Petra Roth den Weg in das jüdische Gotteshaus finden. Doch nicht nur, wenn so hoher Besuch kommt, wird die Synagoge rund um die Uhr von einer Polizeistreife bewacht - hauptsächlich zum Schutz vor Rechtsradikalen und Islamisten.

Deshalb sind auch kleine Mäuerchen und Poller rund um das Gebäude errichtet, schon damit niemand einfach mit dem Auto hereinrasen kann. Doch es gibt Pläne für eine schönere Gestaltung der Örtlichkeiten rund um die Synagoge, ohne die Sicherheit zu vernachlässigen. Und Szajak hegt die Hoffnung, dass die Oberbürgermeisterin beim Festakt mit einer guten Nachricht aufwarten wird: Dass die Finanzierung der Umgestaltung gesichert ist und die Stadt eine Zusage für das Vorhaben geben wird.

Gerhard Kneier, dapd-hes

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