11. November 2014, 18:18 Uhr

Soldatenliebe und Speckmäuse: Theaternotizen aus Berlin

In keiner Stadt Deutschlands ist zurzeit das Theaterangebot derart vielfältig und spannend wie in der Hauptstadt. Und das Schönste: Die Häuser sind jeden Abend voll – auch mit vielen jungen Leuten.
11. November 2014, 18:18 Uhr
Still gestanden: Der Soldat Woyzeck (Peter Miklusz, Mitte mit Sonnenblume) sehnt sich eigentlich nach Frieden. (Foto: Lucie Jansch)

Dieser »Woyzeck« fährt einem in die Magengrube. Wer das Pech hat, im Berliner Ensemble in der ersten Reihe zu sitzen, dem spritzt das Blut schon mal auf Hose und Hemd. Wenn Leander Haußmann seine dreißigköpfige Soldatentruppe aufmarschieren lässt, erbebt das alterwürdige Brecht-Theater am Schiffbauerdamm in seinen Grundfesten. Der Regisseur macht klar: Krieg ist brutal, laut, unbarmherzig und ungerecht. Und der Soldat Woyzeck ist eines seiner Opfer. Von den Kameraden ausgegrenzt und schikaniert – sie trichtern ihm Erbsensuppe bis zum Erbrechen ein – kann Woyzeck nicht Schritt halten, läuft immer hinterher. Wie hinter seiner Marie, die gierig ist nach dem Leben, von Krisen nichts wissen will. Sehenden Auges verliert der irritierte Mann die Mutter seines Kindes an den eitlen Tambourmajor (Luca Schaub).

Haußmann findet martialische Bilder, die haften bleiben, den Zuschauer verfolgen. Seine Inszenierung des Büchner-Klassikers verstört und rüttelt auf. Das liegt auch an den beiden wunderbaren jungen Hauptdarstellern Peter Miklusz und Johanna Griebel, die mit jeder Pore ihres Körpers um die Beziehung ringen und doch zum Scheitern verurteilt sind. Am Ende hat der Regisseur Erbarmen mit ihnen und schickt sie ins friedliche Paradies.

Auch »Kasimir und Karoline« kämpfen um ihre Liebe. Diesmal in der Schaubühne am Lehniner Platz. Es ist Premiere, auch für Jan Philipp Gloger, der zum ersten Mal an diesem Haus inszenieren darf, nachdem er bereits 2012 in Bayreuth seine Visitenkarte mit dem »Fliegenden Holländer« abgegeben hat. Gloger, der in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studiert hat, kocht auf Sparflamme, lässt das Volksstück in harter Taktfolge ohne Requisiten vor einer schwarzen Wand ablaufen. Die Regieanweisungen von Ödon von Horváth werden in weißer Schrift eingeblendet: Oktoberfest, Achterbahn, Hippodrom, Wagnerbräu. Der Rest bleibt der Fantasie des Publikums überlassen, das Zeuge wird, wie sich zwei streiten, immer wieder die Versöhnung proben, um sich schließlich mit einem neuen Partner zu trösten.

Das Erstaunliche: Das puristische Spiel hat seinen Reiz, steigen Moritz Gottwald und Jenny König doch tief in ihre Rollen ein. Wie sie sich necken und provozieren, der Eifersucht und den Vorurteilen freien Lauf lassen, mit süßen Speckmäusen den anderen locken, ihn wieder gnädig stimmen wollen, geht ans Herz und hat durchaus auch komische, kindische Momente. Auf den Rausch folgt der Kater: Das macht besonders Jenny König deutlich, deren Karoline am Ende ernüchtert und derangiert am Boden zerstört ist, während sich Kasimir mit dem Merkl Franz seiner Erna (Iris Becher) davonstiehlt.

Tags drauf wieder Schaubühne. Doch diesmal feinstes Ausstattungstheater mit prominenter Besetzung. Nina Hoss gibt sich die Ehre – als schöne, kühle, berechnende Ehefrau, die mit dem Geld ihres Mannes das große Geschäft abwickeln will, um sich endlich in die Unabhängigkeit nach New York absetzen zu können. Doch sie hat die Rechnung ohne ihren sterbenskranken Gatten und die gierigen Brüder gemacht.

Mit Lillian Hellmans »Die kleinen Füchse« gilt es, ein in Vergessenheit geratenes Stück wiederzuentdecken: Spannend wie ein Spielfilm bis zur letzten Minute, denn der Machtkampf um Finanzen und Vorherrschaft nimmt immer neue unerwartete Wendungen. Eine Art Vorläufer von »Dallas« und »Denver«, könnte man meinen, in dem sich die Familienmitglieder hassen und hintergehen, wie es ihnen gerade in den Kram passt.

Thomas Ostermeier ist dieser Dauerbrenner im eleganten Bühnenbild von Jan Pappelbaum gelungen, der seit seiner Premiere am 18. Januar ständig ausverkauft ist. Das mag auch an den Promis liegen – neben Nina Hoss ist Mark Waschke, neuer »Tatort«-Kommissar aus Berlin, als großspuriger Bruder Ben zu erleben. Doch eine spielt die beiden an die Wand: Ursina Lardi zeichnet bemitleidenswert die verzweifelte Birdie, die Haus und Hof an ihren gewalttätigen Mann verloren hat, deshalb nicht nur zur Flasche, sondern auch in die Klaviertasten greift. Eine zutiefst berührende Charakterstudie.

Marion Schwarzmann

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