15. Juni 2014, 18:38 Uhr

Glanzvoll: »Gefährliche Liebschaften« in Frankfurt

Die Schauspieler im Mittelpunkt: Regisseurin Amélie Niermeyer lässt in ihrer aufwendigen Inszenierung im Schauspielhaus lustvoll die vergnügte Verderbtheit lauern.
15. Juni 2014, 18:38 Uhr
Hat mindestens zwei Eisen im Feuer: Valmont (Manuel Harder) verführt erst Cécile (Lisa Stiegler, r.), dann die keusche Präsidentin de Tourvel (Katharina Bach). (Foto: Hupfeld)

In einem leeren, goldenen Rahmen, der so breit ist wie die große Bühne des Frankfurter Schauspielhauses, dreht und wendet sich die verdorbene französische Adelsgesellschaft. Eitel bespiegelt sie sich auf einem Schachbrettmuster vor glänzenden Paravents. Prachtvoll presst Amélie Niermeyer ihr dekorativ ausgestaltetes Sittengemälde am Vorabend der französischen Revolution in die massige Bilderfassung: Willkommen im Vergnügungspark der Eitelkeiten, im dem sich gelangweilte Blaublütler aus schierem Überdruss am Überfluss mit manipulativen Liebeswetten die Zeit vertreiben. Wie immer das größte Plus dieser bodenständigen Regisseurin: ihr tiefes Verständnis für die Darsteller. In jeder Minute der zweistündigen Rokoko-schau spürt man, dass sie vom Schauspieler aus denkt und inszeniert.

Platte Modernisierungen hat sie nicht nötig. Vielmehr stürzt sie sich mit Lust an Psychologie und Ästhetik in den Briefroman »Liaisons dangereuses« von Choderlos des Laclos, den Christopher Hampton boulevardesk aufpoliert und Alissa und Martin Walser mundgerecht in heutiges Deutsch übertragen haben.

Die hohen Damen flanieren allesamt in erotisch aufgemotzten Volantkleidern unter eleganten Puderperücken Kirsten Dephoffs über die geschickt in ein französisches Boudoir verwandelte Bühne Stéphane Laimés. Inmitten von leuchtenden Kandelabern, Deckenlüstern, verspielten Chaiselongues und goldenen Troddeln schrauben der Vicomte de Valmont und die Marquise de Merteuil ihre Wetteinsätze höher und höher. Wobei die Regel gilt: Wer Gefühle zeigt, verliert. Mit einer glitzernd radikalen Bosheit, die schon Charles Baudelaire zu Lobeshymnen veranlasste, wetten sie, ob er es schafft, die verheiratete Präsidentin de Tourvel zu verführen, während er zeitgleich die fünfzehnjährige Cécile de Volanges entjungfern soll. Aus Rache selbstverständlich, denn die junge Klosterschülerin wird einen alten Liebhaber der Merteuil heiraten, der ihrer einst überdrüssig geworden ist. Der Preis für die von Valmont gewonnene Wette ist eine Liebesnacht mit der Meisterintrigantin selbst.

Gastschauspielerin Sabine Waibel glänzt in der kopfgesteuerten Partie der Marquise und vermag das Porträt der grausamen »Virtuosin der Verstellung« mit einem Schuss Humor glücklich abzurunden. Manuel Harder spielt überzeugend ihre »einzige Niederlage« im Schachspiel der Liebe, den dreisten Vicomte de Valmont, der sich mit raubtierhafter Erotik alles Weibliche zur Brust nimmt, was nicht bei drei auf den eleganten Möbeln hockt.

Schauspielstudio-Mitglied Katharina Bach als großäugige, keusche Präsidentin de Tourvel spielt die hessische Preisträgerin Lisa Stiegler in der Opferrolle Cécil de Volanges glatt an die Wand. Denn Stiegler macht leider das, was sie in letzter Zeit immer tut: Sie schreit und stampft oder schweigt und steht, feinere Nuancen zeigt sie nicht. Anders die junge Bach: An der charismatischen Vielfalt ihrer Ausdrucksmöglichkeiten kann man sich nicht sattsehen. Nico Holonics hat als verklemmter Jungspund Danceny einen starken Auftritt, der nur von Till Weinheimer in der Rolle Madame de Rosemondes als eine Art absolutistischer Reinkarnation von Charleys Tante getoppt wird. Wunderbar amüsant auch die Mitwirkung der Schauspielstudenten von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Wie Niermeyer sie als bewegte Ausstattungsstücke einbringt, wie sie die zehn zu intimen Echos formt und als Stimmungsverstärker aufwertet, zeigt ihren ausgeprägten Sinn für Humor. Selbst im Degentod Valmonts lässt sie vergnügte Verderbtheit lauern. Harder nimmt man ab, dass er seine Liebe zur Präsidentin de Tourvel sterbend nur behauptet, um seiner Kontrahentin Merteuil den finalen Konkurrenzstich zu versetzen.

Zu Recht umbrandet alle Mitwirkenden dieser aufwendigen Produktion lauter Schlussjubel. Bettina Boyens

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