09. März 2014, 18:03 Uhr

In Wiesbaden zündet Cavallis Oper »La Calisto« nicht

Am Wiesbadener Staatstheater konnten mit einigen erfrischenden Ideen in Francesco Cavallis Oper »La Calisto« Akzente gesetzt werden. Doch insgesamt wirkte die Inszenierung von Theresa Reibers etwas distanziert und die Funken flogen kaum über die Rampe hinaus.
09. März 2014, 18:03 Uhr
Göttermutter Juno schwebt aus dem Bühnenhimmel: Sharon Kempton. (Foto: Obst)

Der Sternenhimmel als Glühbirnchenwand, ein Stück des güldenen Götterhimmels mit einer Öffnung zum Olymp – das hat etwas von Varieté, doch trostlose Kachelwände und ein paar Industriewaschbecken konterkarieren den Ansatz. Die Drehbühne bietet weiter einen tropischen Hain mit Grafitti-Wand für Verliebte, eine Deponie für PET-Flaschen und ein Kabinett mit Hirschkopf-Trophäe. Juno hat ein »Office« in der Rang-Loge. Die Göttergattin nämlich dokumentiert alles mit Polaroid und Blitz, was ihr vor die Linse kommt (und als Beweismittel für die Untreue ihres Jupiter dienen könnte). Am Wiesbadener Staatstheater war am Samstag Barockoper-Premiere. Götter, Halbgötter und Mischwesen sorgten mit Affären, Tricksereien und Sommernachtstraum-Verwicklungen für fast dreistündige Turbulenzen. Jupiter beendet sie, indem er die von ihm verführte Nymphe Calisto samt Spross als Sternbild unsterblich macht. Francesco Cavalli (1602 – 1676), erfolgreicher Komponist in der Nachfolge Monteverdis, schrieb »La Calisto« um 1650; das Libretto schuf Giovanni Faustini nach Ovids Metamorphosen.

Verbranntes Land, Dürre und Durst sind Folgen des abgestürzten Sonnenwagens von Apoll. Jupiter und Merkur kommen auf die Erde – mit Wasserflaschen im Köfferchen. Die spröde, schöne Nymphe Calisto aus Dianas Gefolge wird mit dem Nass geködert für den verliebten Weltbeweger. In den anschließenden Verwicklungen in Sachen Liebe liegen Komik und Tragik eng beieinander: Eine Gummipuppe dient als Lustobjekt für die heiratswütige Linfea, die mit Tenorlage eine verquere Note einbringt, eine blutige Racheszene, die der arme Endymion erleiden muss, das sind die krasseren Einfälle dazu.

Jupiter erscheint im weißen Nadelstreifen-Anzug, sein Mephisto Merkur ganz in Schwarz. Juno schwebt in einem gewaltigen Lüster aus dem Olymp (Bühnenbild: Ricarda Beilharz). Die Kostüme von Michael Sieberock-Serafimowitsch sind eine Mixtur aus Internatsschule, stylischer Moderne und Fantastik mit schottischen Anklängen. Die Choreografie besorgte Wiebke Dröge; auf die Ballette hätte man allerdings verzichten können, um den Spannungsbogen zu komprimieren.

Affektgehalt, poetische Momente, stimmungsvolle Duette, Lamenti und Arien prägen die Musik; auf halsbrecherische Koloraturen wurde in Wiesbaden weitgehend verzichtet. Das Orchester des Staatstheaters folgte, halb hochgefahren, aufmerksam den Gesten von Sébastien Rouland. Er hat zusammen mit Yvon Repérant eine Bearbeitung vorgenommen, die auch mal freien Dissonanzen Raum lässt, wenn sich die pubertierenden Nymphen in flippig moderne Teens verwandeln. Flöte, Barockgitarre, Orgel, Cembalo und Cello geben spezifische Farben und schöne Soli in der von edlem Gleichmaß geprägten Realisierung, der es ab und an ein wenig an Pfeffer mangelte. Gelungen die Sängerbesetzung mit dem vollklingenden Herrscherbass von Thomas de Vries als Jupiter, dem gut ansprechenden Bariton von Brett Carter (Merkur); Sopranistin Emma Pearson brillierte als Calisto wie gewohnt mit Gesang und Spiel. Sharon Kempton vervollständigte mit einer passend grellen Juno die Elite der Götter, und Merit Ostermann als Diana und Double Jupiters überzeugte mit flexiblem Mezzosopran. Erik Biegel litt als komische Linfea. Die Countertenöre: Matthew Shaw lieh dem verliebten Endymion expressive Farben, Nicola Amodio gab den Pan. Die Welt der Satyrn und Furien ergänzten Hye-Soo Sonn und die quirlige Sarah Jones.

Das Große Haus des Staatstheaters bietet nicht das Ambiente für Extravaganzen und engen Dialog mit dem Publikum, wie sie etwa in der Calisto-Produktion Basel/Frankfurt im Dezember 2011 im Bockenheimer Depot zu erleben war. In Wiesbaden konnten einige erfrischende Ideen Akzente setzen, doch insgesamt wirkte die Inszenierung etwas distanziert und die Funken flogen kaum über die Rampe hinaus. An Regisseurin Theresa Reibers individueller Personenführung ist nichts zu kritteln, möglicherweise hätte ein wenig mehr Aktion im vorderen Bühnenbereich stärkere Präsenz bewirken können. Nach fast drei Stunden Dramma per musica honorierte herzlicher Beifall für Regieteam und Mitwirkende die Leistungen gebührend.

Olga Lappo-Danilewski

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