16. Februar 2014, 19:38 Uhr

Frankfurt: Die Angst geht um im Hause Biedermann

Multimediale Inszenierung: Robert Schuster bietet in seiner Interpretation des Stücks von Max Frisch im Schauspielhaus viel fürs Auge.
16. Februar 2014, 19:38 Uhr
Gemeinsames Abendmahl (v. l.): Babette (Heidi Ecks), Eisenring (Till Weinheimer), Biedermann (Peter Schröder) und Schmitz (Martin Rentzsch). (Foto: Hupfeld)

»Nicht einmal eine Zigarre kann man sich anzünden, ohne an Brandstiftung zu denken«, empört sich Herr Biedermann und fordert, dass man endlich durchgreifen müsse, aufräumen mit diesen Brandstiftern. Dabei holt er sich diese zündelnden Burschen selbst ins Haus, verbrüdert sich gar mit ihnen, »weil man ja von seinen Mitmenschen nicht immer gleich das Schlimmste denken soll«.

Für Robert Schuster ist Gottlieb Biedermann nur einer von vielen, die unfähig sind, eine Katastrophe abzuwenden, die sogar noch zu ihren Handlangern werden. Gleich zu Beginn seiner multimedialen Inszenierung am Schauspiel Frankfurt macht er auf einer Videowand mit zahlreichen Nachrichtenbildern deutlich, wie viele Brandherde es auf der Welt gibt, an welchen Ecken und Enden die Menschheit sich selbst vor dem Unheil nicht schützen kann.

Diese weiße Wand von Jens Kilian erweist sich in der kompakten zweistündigen Aufführung von Max Frischs »Biedermann und die Brandstifter« als Hingucker. Sie dient nicht nur als Projektionsfläche für flimmernde Fernsehbilder und später am Ende dann für ein optisch sehr gelungenes Feuer; sie erweist sich auch als Trutzburg, bei der man ganz nach Bedarf die Tore hochziehen kann, um lästige Gäste notgedrungen hineinzulassen. Wie den Ringer Schmitz, den Martin Rentzsch mit rotzfrechem Selbstbewusstsein ausstattet, denn dieser Obdachlose nistet sich geschickt im Hause Biedermann ein, stopft sich mit allerlei Speisen und Wein voll, holt dreist noch seinen Kumpel Eisenring – von Till Weinheimer herrlich arrogant gezeichnet – mit in die warme Stube.

Die Angst geht um im Hause Biedermann – und Peter Schröder treibt es die Schweißperlen auf die Stirn. Schröder ist das personifizierte Inbild eines sprücheklopfenden unangenehmen Kleinbürgers, der es dank der Erfindung eines profanen Haarwassers zu Wohlstand gebracht hat und seine Angestellten schikaniert. Selbst Heidi Ecks als seine folgsame Ehefrau Babette weiß nicht, ob ihr Gottlieb immer Recht hat. Bei diesen kurzen Szenen einer Ehe blitzt sie durch die Schauspielkunst, die sich gekonnt ins Absurde steigert und ihren Höhepunkt im letzten gemeinsamen Abendmahl des Paares mit ihren obskuren Gästen findet.

Ansonsten droht Schusters Inszenierung, sich in zu viele – auch optische – Details zu verlieren. Er bietet dem Publikum zusätzlichen Gesang mit der Sopranistin Esther Dierkes, die die Vertonung eines Nelly-Sachs-Gedichts stimmkräftig intoniert. Das Dienstmädchen Anna tritt im Tutu auf, und Wiebke Mollenhauer wagt kess den ein oder anderen Ballettsprung. Der bei Frisch vorgesehene Chor der Feuerwehrmänner wird hier auf zwei Personen reduziert, wobei Matthias Breitenbach eine Art Moderatorenrolle einnimmt und auch den Flügel bearbeitet, währen Daniel Rothaug als Nummern-Boy in allerlei fantasievollen Kostümierungen illustrierend durchs Geschehen läuft.

All das und noch viel mehr lässt zwar keinen Funken Langeweile aufkommen, führt jedoch gelegentlich zur Verwirrung, bei dem der Zuschauer sich selbst wie in einem Ratespiel die Puzzleteile zu einem Ganzen zusammensetzen muss.

Marion Schwarzmann

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