10. Februar 2014, 17:53 Uhr

Neonazi-Albtraum: Frankfurt zeigt »Der weiße Wolf«

In ganz Deutschland arbeiten sich Theaterbühnen derzeit am Nationalsozialistischen Untergrund ab. Das Schauspiel der Mainmetropole präsentiert Lothar Kittsteins Innenansicht des NSU-Trios.
10. Februar 2014, 17:53 Uhr
Bizarres Wälzen im emotionalen NSU-Sumpf: Sascha Nathan (links), Ines Schiller und Torben Kessler geben alles. (Foto: Birgit Hupfeld)

Am Ende streift er tatsächlich über die Bühne der Kammerspiele im Schauspiel Frankfurt, der weiße Wolf. Zumindest sieht der Hund mit dem hellen Fell aus wie einer. Wie er da an den blutenden, herumliegenden Menschen schnüffelt, den herabgestürzten Querbalken beäugt, als könne er sich daran erleichtern und schließlich winselnd von der Bühne schleicht. In diesem unschuldigen, wahrhaftigen Schlussmoment wird klar, was dieser Uraufführung 90 Minuten lang gefehlt hat. Trotz geschliffenem, geschichtsschwangerem Text, drastischer Sprache, einem hochkarätigen Schauspieltrio und der einfallsreichen Regie fragt man sich, was das Ganze eigentlich zu tun hat mit dem NSU-Terror in Deutschland? Seltsam verkopft, seltsam hektisch, seltsam entfernt von uns spielt sich das Geschehen ab auf der leeren schwarzen Bühne mit dem riesigen herabhängenden Balken.

Der Bonner Autor Lothar Kittstein hat kein Interesse an einer dokumentarischen Aufarbeitung des NSU-Terrors. Was ihn umtreibt ist die rein hypothetische Frage, was geschehen wäre, hätte man das Mord-Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nicht erwischt. Kittstein zeigt, wie sich die Frau (sie heißt hier Janine) irgendwo auf dem Land mit einem ihrer beiden Männer (in diesem Fall mit Gräck) verkriecht. Er jobbt als Türsteher in der Disco »Der weiße Wolf« und kann dabei bestens seine zwanghafte deutschnationale Ader ausleben, denn »Kanaken« müssen draußen bleiben: »Abends zähme ich die, und ich sortiere die. Ich mache lauter gut trainierte Hunde draus. (…) Ordnung ist das.«

Sie hält die Bude sauber, stellt Bier auf den Tisch, ist schwanger und vor allem stolz auf ihren strammen Kerl: »Bist nicht wie die Feiglinge da draußen. Du bist ’n Mann. Oder? Mein Mann. Ohne Angst!« Nach idyllischem Land sieht die Bühne von Nele Balkhausen allerdings nicht aus, vielmehr nach beklemmender Todeszone.

Janine trägt ein barbiehaftes Unschuldskleidchen zu schwarzen Springerstiefeln, Gräck bürgerliches Sakko und Hemd. Ihr Spießerglück wird durch die Ankunft von Tosch gestört, dem einstigen Mordkumpel. Dem klebt ein weibisch geschnittener, schwarz gelackter Mantel am Leib und ein kaltes Breivik-Grinsen im Gesicht. Er wundert sich, was für ängstliche »Pisser« die beiden geworden sind und will mit ihnen wieder die alte Spur aufnehmen, über Land fahren, »lebende Ziele« ausspähen und abknallen.

Genüsslich lässt Kittstein jetzt alle psychischen Abgründe des gruseligen Trio Infernale durchspielen. Tosch knutscht mit Gräck, Janine schläft mit beiden, Tosch vergewaltigt Janine. Die dunklen Träume nehmen überhand, immer drängender zitiert die Frau Rückerts Barbarossa-Lied vom steinernen Kaiser, der »einst wiederkommen wird zu seiner Zeit«, eine historische Anspielung auf den Wunsch nach dem Wiedererstarken des alten, deutschen Großreiches vor Napoleon.

Changierend zwischen Albtraum und Hoffnung fantasiert Janine vom weißen Wolf als Symbol des fernen, wilden Ostens, in dem der aufrechte Deutsche noch grandiose Abenteuer erleben kann. Jetzt taucht die Ins-zenierung Christoph Mehlers in ein geisterhaft surreales Licht. Schließlich steht Janine im unpersönlichen Beate-Zschäpe-Gerichtslook mit dunklen Haaren vor den beiden Blutenden und entlarvt die wilde Bühnenfiktion als ihren persönlichen Albtraum.

Die Schauspieler haben es mit diesem mal realistischen, mal poetischen, mal fäkalsatten Text nicht leicht. Ines Schiller (Janine), Sascha Nathan (Gräck) und Torben Kessler (Tosch) geben alles, schreien sich die Seele aus dem Leib, fallen übereinander her, überschreiten sämtliche Grenzen. Dabei reden sie wie am Fließband, gönnen sich und den Zuschauern keine Pause.

Aber wofür? Ist die reißerische Lust am Zurschaustellen der Menage à trois wirklich das, was uns an dem Fall interessiert? Wie wäre es, Täter und Opfer fiktiv gegenüberzustellen? Was ist mit der kläglichen Rolle des Verfassungsschutzes? Was ist mit den zehn Menschen, die gestorben sind? Wer schreibt ein Theaterstück über sie? Bettina Boyens

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