20. Januar 2014, 21:58 Uhr

»Kinder der Sonne« schleppen sich in Frankfurt so dahin

Stützen der Gesellschaft: Schauspiel bringt Maxim Gorkis Stück auf die Bühne des Großen Hauses.
20. Januar 2014, 21:58 Uhr
Wagin (Isaak Dentler, l.) muss zusehen, wie Jelena (Stephanie Eidt) sich wieder ihrem Mann Pawel Protassow (Thomas Huber) zuwendet. (Foto: Hupfeld)

Das Schauspiel Frankfurt hat Pech. Musste es die für Freitag geplante Premiere von »Bakchen« wegen Erkrankung des Regisseurs gleich ganz stornieren, übernahm Intendant Oliver Reese die Endproben für »Kinder der Sonne« von der ebenfalls erkrankten Regisseurin Andrea Moses, um die Premiere am Samstag nicht auch noch absagen zu müssen. Wie viel nun von Reese in die Inszenierung des Gorki-Stücks eingeflossen ist, ist schwer zu sagen. Allerdings war er so höflich, sich beim wohlwollenden Schlussapplaus nicht mit zu verbeugen.

Man merkt Andrea Moses ihre Erfahrungen als Opernregisseurin an, legt sie doch fast durchgängig unter ihre Inszenierung tragende Musik (Sven Kaiser), die sie wie im Film mal lauter, mal dezent leise einsetzt. Dennoch schleppt sich das Ganze irgendwie dahin. Wie die Akteure auf der Bühne, die alle im ersten Akt versammelt auf ihren Auftritt warten, sich beobachtend an die Säulen von Olaf Altmann lehnen und gelegentlich verhuscht die Position wechseln, wartet auch der Zuschauer auf Entscheidendes. Doch Bewegung kommt erst nach der Pause ins Geschehen, als der notdürftig zusammengehaltene Mikrokosmos der Familie Protassow endgültig von den revolutionären Ereignissen außerhalb ihrer schützenden vier Wände überrollt wird.

Davor versucht es die Regie mit Humor, um das Publikum bei Laune zu halten. Drei Akte lang gibt Thomas Huber hier den zerstreuten Professor, dem seine Experimente viel wichtiger sind als die Liebe seiner Frau. Bis er sich endlich den leicht ergrauten Bart abnimmt, um derart verjüngt und erfrischt in seiner festgefahrenen Beziehung neu durchzustarten – ziemlich rasch aber alle guten Vorsätze wieder vergisst, da die Realität ihn brutal einholt. Gelingt Huber diese Gratwanderung noch glaubhaft, überdreht Oliver Kraushaar als Tierarzt Tschepurnoj derart, dass seine Figur zur lächerlichen Charge verkommt. Von seiner ernsthaften Zuneigung zur nervenkranken Lisa – von Verena Bukal mit starker Eindringlichkeit gezeichnet – ist wenig zu spüren.

Isaak Dentler hingegen, der zwischen aufbrausender Verzweiflung und genauem Skizzieren der Gefühle schwankt, nimmt man als Maler Wagin seine Liebe zu Protassows Ehefrau Jelena ab. Stephanie Eidt, ganz kühle Schönheit, legt sich in diesem Part nicht fest. Immerhin lässt sie einen intensiven Kuss Wagins zu, doch ob sie ihren Mann Pawel wirklich liebt – wer weiß?

Der Reigen der Unglücklichen wird ergänzt durch Claude de Demos reiche Witwe Melanija, die sich an den ahnungslosen Protassow hängt und schließlich bitter erkennen muss, dass sie mit Geld keine Liebe, keine Aufmerksamkeit kaufen kann. Starke Auftritte liefern Viktor Tremmel als brutaler Schlosser Jegor, der seine Frau bis zur Besinnungslosigkeit schlägt, und Josefin Platt, die als dahinschlurfendes Hausmütterchen um keinen klugen Spruch verlegen ist.

Olaf Altmann hat die gesamte Bühne mit dunklen und hellen Säulen übersät, die man auch als Wald deuten könnte. Aber diese Säulen sind instabil, schwanken, wenn man sich an sie lehnt, und am Ende hat diese Stützen der Gesellschaft die Hinterbühne gänzlich verschluckt. Auf der großen weiten Leere gibt es für die Menschen keinen Halt mehr. Ihre Existenz ist zerstört.

Marion Schwarzmann

Die nächsten Vorstellungen im Schauspiel Frankfurt gibt es am 26. Januar sowie am 5. und 7. Februar.

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