18. November 2013, 19:48 Uhr

»Wille zur Wahrheit«: Schauspiel Frankfurt betritt Neuland

Die eigene Seele seziert: Oliver Reese bringt in der Mainmetropole Thomas Bernhards Autobiografie auf die Bühne.
18. November 2013, 19:48 Uhr
Der dreifache Thomas Bernhard (v. l.): Bettina Hoppe, Josefin Platt und Viktor Tremmel. (Foto: Hupfeld)

Er hat so urkomisch existenzielle Stücke wie »Der Theatermacher« und »Der Weltverbesserer« geschrieben, die von so großartigen Mimen wie Traugott Buhre oder Bernhard Minetti unauslöschlich verkörpert wurden. Seine Helden tyrannisieren ihre Mitmenschen bis zum Äußersten; man weiß nie, ob man über deren Tiraden, die ungefragt und unentwegt aus ihnen heraussprudeln, lachen oder weinen soll. Thomas Bernhard (1931-1989), der vielen als Nestbeschmutzer gilt, verbindet eine Hassliebe mit seiner österreichischen Heimat, dem »Todesboden«, wie er ihn nennt: »Meine Heimatstadt ist in Wirklichkeit eine Todeskrankheit.«

Interessanterweise sind genau hier in Salzburg am Landestheater fünf seiner Stücke uraufgeführt worden. Und hier in Salzburg setzt ebenfalls das Werk ein, das Oliver Reese nun unter dem Titel »Wille zur Wahrheit« im Schauspielhaus Frankfurt zum ersten Mal auf die Bühne bringt. Der Regisseur hat eine eigene Fassung der Autobiografie Bernhards erstellt, die ursprünglich in fünf Bänden erschienen ist und in denen der brillante Dramatiker seine eigene Kindheit und das Heranwachsen bis zum 20. Lebensjahr beleuchtet, erforscht und bis zur Selbstaufgabe durchdringt. Einer klinischen Studie gleich, für die Hansjörg Hartung einen meterhohen Raum weiß gekachelt hat, in dem es nur eine Luke in den Keller gibt und einen schmalen Ritz, durch den man sich nach draußen zwängen kann.

Ins Internat nach Salzburg in die Schrannengasse wird der 13-Jährige vom Land zwangsverschickt, der sich nun eingeklemmt und zermürbt fühlt zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus. Er findet sich in einem »schmutzigen, stinkigen Schlafsaal« wieder, das Internat empfindet er als »Kerker mit zunehmender Aussichtslosigkeit« und beim Geigeüben in der Schuhkammer steigen unweigerlich Selbstmordgedanken in ihm auf. Mit 15 wagt er den Ausbruch und tritt eine Lehrstelle in einem Lebensmittelgeschäft an, in der »entgegengesetzten Richtung«, die für ihn endlich Selbstbestimmung bedeutet – selbstbewusst nimmt er sogar Gesangsstunden. Bis ihn eines Tages eine verschleppte Erkältung, die zur Rippenfellentzündung mutiert, derart außer Gefecht setzt, dass er mit 18 im Sterbezimmer eines Krankenhauses daniederliegt und damit die lange Leidensgeschichte des zeitlebens Lungenkranken beginnt.

Fünf Kapitel, fünf Darsteller – ein ästhetischer Hochgenuss der kultivierten Sprechkunst. Fünf Monologe, die ineinandergreifen, die in ihrer Überlappung lediglich mal ein pantomimisches Spiel oder das Anreichen der wenigen Requisiten erlauben. Jeder für sich ein Einzelkämpfer – und doch ergibt das Ganze ein tief erschütterndes Bild von Bernhard, von dem das konzentriert lauschende und am Ende begeistert Bravo rufende Premierenpublikum am Sonntag erfuhr, warum er so wurde, wie er war.

Die wunderbare Bettina Hoppe liefert den Einstieg als Internatszögling, dem das fröhliche Pfeifen in der Zuchtanstalt schnell vergeht und dem der Bombenangriff auf Salzburg am 17. Oktober 1944 nur deshalb erfreut im Gedächtnis bleibt, weil seiner verhassten Geige der Hals abgerissen wird. Hoppe, ganz Jüngling im Anzug, übergibt den Stab an Viktor Tremmel, der in kurzen Hosen mehr den Typ Lausbub verkörpert und seine neu gewonnenen kleinen Freiheiten im Vorstadtgeschäft auskostet.

Josefin Platt betritt die Zelle als trauriger Harlekin, der im Spital mit der Todesbotschaft winkt, sich aber dann langsam die Maske vom Gesicht wischt, um wieder ins Leben zurückzukehren. Vincent Glander übernimmt den Part des um Genesung ringenden Bernhard in der Lungenheilstätte Grafenhof, der Mitpatienten, Ärzte und Krankenschwestern seziert wie in der Pathologie – ein messerscharfer Beobachter eben.

Den glücklichsten Moment des Kindes darf Peter Schröder mit anrührender Ausgelassenheit vermitteln, als dieser im Alter von acht Jahren ganz überraschend das Fahrradfahren lernt und mutig beschließt, zu seiner Tante Fanny ins 34 Kilometer entfernte Salzburg zum Schnitzelessen zu radeln. Natürlich endet auch dieser Ausflug in einer Katastrophe, bei der ihm – wie üblich – der Großvater die Stange hält, die völlig überforderte Mutter ihn aber windelweich prügelt.

Reese betritt mit »Wille zur Wahrheit« Neuland. Ihm ist ein bereichernder Abend abseits der üblichen Theaternormen gelungen. Höchste Zeit, die Stücke von Bernhard wieder neu zu erkunden. Marion Schwarzmann

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