26. September 2013, 15:48 Uhr

Wer würde heute Vertriebene aufnehmen?

Gießen (kw). »Was wäre eigentlich, wenn so etwas heute passieren würde? Wie würden Einheimische hier mit der Situation umgehen, wenn auf einmal andere Menschen in fast jedes Haus zwangseingewiesen würden? Schnell kommt man zur Vermutung, solch eine Maßnahme käme einer mittleren Katastrophe gleich«, glaubt Nicolas Friedl.
26. September 2013, 15:48 Uhr
Ein einzigartiges Fotodokument aus dem Archiv der Gießener Allgemeinen Zeitung: Im Februar 1946 kam der erste Transport mit Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland am Bahnhof an. Dabei entstand diese Collage, die die damalige »Gießener Freie Presse« veröffentlichte.

Gießen (kw). »Was wäre eigentlich, wenn so etwas heute passieren würde? Wie würden Einheimische hier mit der Situation umgehen, wenn auf einmal andere Menschen in fast jedes Haus zwangseingewiesen würden? Schnell kommt man zur Vermutung, solch eine Maßnahme käme einer mittleren Katastrophe gleich«, glaubt Nicolas Friedl.

Mit diesem Gedankenspiel macht der LLG-Schüler deutlich, warum er die Integration der Sudetendeutschen in Hessen nach dem Zweiten Weltkrieg als »überraschend gut« beurteilt. Zwei weitere Schülerarbeiten zu diesem Thema sehen den Prozess kritischer. Einig sind sich alle in der Empörung über die »Benes-Dekrete«.

Vier Schüler des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums haben sich – meist mit Blick auf die eigene Familiengeschichte – mit der Vertreibung und Eingliederung Sudetendeutscher befasst. Neben Nicolas Friedl, der jetzt den Jahrgang 13 besucht, sprachen auch Maximilian Hertl (heute Klasse 11) sowie Johanna Hess und Katharina Reuther (jetzt Jahrgang 12) mit Zeitzeugen und studierten Literatur. »Werft die Deutschen aus ihren Wohnungen und macht den unsrigen Platz! Alle Deutschen müssen verschwinden!« Um das zu erreichen, dürfe man ruhig zu Gewalt greifen: Solche Forderungen stellte Edvard Benes schon im Londoner Exil auf und erreichte nach dem Zweiten Weltkrieg, dass sie auch umgesetzt wurden.

»Grausam« und »rücksichtslos« sei der tschechische Staat gegen die über drei Millionen Deutschen vorgegangen, meinen alle vier Schüler. »Die Deutschen waren 1939 allerdings während der Annektierung und Besetzung der Tschechei nicht anders verfahren«, gibt Nicolas zu bedenken und weist auch darauf hin, dass ihr Land den Krieg verschuldet hatte. Als »unglaublich« oder in Maximilians Worten »die größte Gemeinheit« empfinden es alle, dass einige der sogenannten Dekrete noch heute in Kraft und Teil der Verfassung eines EU-Staats sind.

Wem es gelungen war, in Güterwaggons und mit höchstens 50 Kilogramm Gepäck pro Person in den Westen Deutschlands zu gelangen, der kam den neuen Nachbarn oft näher, als allen lieb war. Sehr viele Hausbesitzer mussten Familien aufnehmen, die Folge waren beengte Wohnverhältnisse. Ob sie sich willkommen fühlten, erlebten die Interviewpartner – allesamt damals noch Kinder – unterschiedlich. Manche Hauswirte waren freundlicher als andere, oft verstand man sich im Lauf der Zeit immer besser. Von der Dorfgemeinschaft insgesamt jedoch fühlten sich alle mehr oder weniger distanziert behandelt.

Viele Vertriebene litten vor allem unter ihrem Statusverlust, stellten Katharina und Johanna fest. Einst angesehen und wohlhabend, galt man jetzt als armer Schlucker in zerschlissener Kleidung und hörte nett gemeinte Angebote wie: »Wir haben Kartoffelsalat übrig. Bevor wir es den Säuen geben, wollen Sie es nicht haben?«

Dass die Neubürger meist katholisch waren und mit anderem Dialekt sprachen, erschwerte die Eingliederung. Dass die dann doch oft schnell gelang, lag unter anderem an der Integrationswirkung von Schule und Vereinen, aber natürlich auch am wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik. Die Vertriebenen bauten sich – oft in eigens gegründeten Gemeinschaften – eigene Häuser, gründeten Unternehmen und ernteten Anerkennung mit ihrem Fleiß und ihrem Streben nach finanzieller Unabhängigkeit.

Für Neid der Einheimischen sorgte der »Lastenausgleich«, den Flüchtlinge und Vertriebene nach 1952 bekamen. Der war wohl unter anderem ein »hübsch verpacktes Wahlgeschenk« der CDU-Regierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer, vermutet Nicolas. Er unterstreicht, dass das Geld – etwa über Hausbau – meist schnell in die heimische Wirtschaft floss.

Längst gehörten die Familien der einst Vertriebenen zur hiesigen Gesellschaft, meinen Maximilian wie auch Nicolas – so sei die Eheschließung über Konfessions- und Herkunftsgrenzen hinweg heute kein Problem mehr. Für Johanna und Katharina ist der Integrationsprozess aber noch nicht abgeschlossen. Die Sudetendeutschen hätten »eine sehr schwere Zeit« erlebt.

Dem hält Nicolas das eingangs erwähnte Szenario entgegen und drückt damit seine Bewunderung für die Menschen aus, die unter ärmlichen Bedingungen Teile ihres Wohnraums, des Hausrats und ihrer Lebensmittel abgaben. Die viel reicheren, aber eben auch egoistischeren Deutschen von heute würden eine derartige Menge Fremder so nicht aufnehmen, meint er. »Je mehr man hat, desto mehr muss man teilen, desto mehr kann man persönlich verlieren.«



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