19. September 2013, 15:38 Uhr

Kennenlernen brachte Vorurteile ins Wanken

Gießen (kw). »Kriegsgefangene müssen so behandelt werden, dass ihre volle Leistungsfähigkeit der Industrie und Ernährungswirtschaft zugute kommt«, mahnte ein Merkblatt der Reichsführung von 1943 Familien und Betriebe. Die Ausländer sollten »ausreichend ernährt« und nicht eigenmächtig bestraft werden.
19. September 2013, 15:38 Uhr
Viele Kriegsgefangene lebten in Baracken – etwa im Lager Ziegenhain, hier ein Bild von 1942 vom Hauptwachturm aus. (Foto: Gedenkstätte und Museum Trutzhain)

Doch wer sie so gut wie Deutsche behandle oder ihnen zu nah komme, »wird zum Verräter an der Volksgemeinschaft«. Für freundschaftliche oder gar intime Beziehungen gab es harte Strafen. Arbeitskräfte aus Osteuropa lebten außerdem meist unter elenden Bedingungen, erfuhren drei Schülerinnen bei ihren Recherchen für den Geschichtswettbewerb.

Katharina Ulreich und Marie Kühne stellten ihrer Arbeit das Zitat voran: »Sie haben mit ihrem Verhalten die Ehre des Deutschen Volkes beschmutzt…«. Die beiden heutigen Elftklässlerinnen des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums studierten Akten zu Beziehungen zwischen Deutschen aus Gießen und Umgebung und Kriegsgefangenen aus Frankreich im Zweiten Weltkrieg. Ebenfalls Franzosen stehen im Mittelpunkt des Beitrags von Alisa Rein, die über das Stammlager (Stalag) IX A in Ziegenhain (daraus entstand das Dorf Trutzhain, das heute zu Schwalmstadt gehört) in den 1940er Jahren schrieb. Sie hat in diesem Jahr ihr Abitur am LLG abgelegt.

Alle drei Forscherinnen betonen, dass Kriegsgefangene aus westlichen Ländern ganz anderes behandelt wurden als diejenigen aus Russland oder die Zwangsarbeiter, die aus besetzten Gebieten in Osteuropa einfach nach Deutschland verschleppt wurden. Sie galten in der Rasseideologie der Nationalsozialisten als »Untermenschen«, häufig litten sie Hunger und wurden misshandelt. Im Lager Ziegenhain erstreckte sich die Trennung beider Gruppen bis in den Tod. Viele Osteuropäer wurden in Massengräbern verscharrt, für Kriegsgefangene aus dem Westen gab es Bestattungen auf einem normalen Friedhof. Der Genfer Konvention habe der Umgang mit Westeuropäern allerdings in der Regel ebenfalls nicht entsprochen, betonen Marie und Katharina.

Bei Freundschaft drohte Haft

Eigentlich sollten sich Deutsche von den Arbeitskräften möglichst fernhalten. Alle waren aufgerufen, »Volksgenossen« zu bespitzeln und anzuzeigen, wenn sie sich doch mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern anfreundeten. Doch viele waren auf Bauernhöfen oder in Handwerksbetrieben eingesetzt, also in Familien. Dabei kamen sich beide Seiten unweigerlich näher, so die Elftklässlerinnen. Dabei gerieten die Vorurteile gegen »Feinde« oder »Minderwertige« mitunter ins Wanken. Manche Deutschen halfen den Ausländern heimlich, nicht immer uneigennützig: Ein Gießener Bäcker verkaufte belgischen Arbeitern beispielsweise zu überteuerten Preisen verbotenerweise Brot ohne Lebensmittelmarken.

Den Mädchen und Frauen, die mit Ausländern Beziehungen hatten, drohten Gefängnisstrafen oder das Konzentrationslager. Acht Monate Haft lautete das Urteil für ein Hausmädchen aus einer Kreisgemeinde, das sich wegen Tripper in der Gießener Hautklinik behandeln ließ und angab, ein französischer Kriegsgefangener habe sie mit der Geschlechtskrankheit angesteckt. Welche Strafe er erhielt, erfuhren die Schülerinnen nicht. Zwei Wehrmachts-Nachrichtenhelferinnen der Gießener Verdun-Kaserne wurden von einer Kollegin wegen ihrer Treffen mit französischen Kriegsgefangenen denunziert. Manche Deutsche hätten die Ausländer ignoriert oder gehasst, andere hätten sie als Mitmenschen gesehen, so das Fazit der Schülerinnen.

Alisa Rein befasste sich mit den Schilderungen dreier Franzosen, die einige Jahre im Lager Ziegenhain lebten. Auch sie machten unterschiedliche Erfahrungen – sowohl mit den Bewachern und Familien als auch mit den Kriegsgefangenen aus anderen Ländern. Einer berichtete, wie er und seine Landsleute den Osteuropäern heimlich Essen oder Zigaretten zukommen ließen; ein anderer empfand wenig Mitgefühl mit Russen, selbst wenn er sah, wie sie geschlagen wurden.

In einigen Familien erhielten die Kriegsgefangenen zum Essen nicht einmal einen eigenen Teller, in anderen wurden sie zur Weihnachtsfeier eingeladen und beschenkt in der Hoffnung, dass es dem eigenen Sohn an der Ostfront genauso ergehe. Ein Franzose berichtete, wie ihn ein Wachmann ohne Anlass heftig trat. Er hatte den Eindruck, unter den Lager-Mitarbeitern seien »die Ältesten oder auch, vor allem nach 1943, die Verletzten, die aus Russland zurückkehrten, die Besten und ›Anständigsten»« gewesen.

Dass es in Trutzhain seit 1983 ein Museum und eine Gedenkstätte gibt, sei auch der Hilfe etlicher Franzosen zu verdanken, hat Alisa erfahren. Im Kreis Gießen gab es in den letzten Jahrzehnten ebenfalls zahlreiche Begegnungen mit ehemaligen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus Ost und West.

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