15. September 2013, 18:38 Uhr

Hebbels »Nibelungen«-Trilogie am Schauspiel Frankfurt

Jorinde Dröse eröffnet mit Hebbels »Nibelungen«-Trilogie die Saison die Frankfurter Schauspielsaison. Der exzessiv inszenierte Showdown läuft Gefahr, die großen Schauspielerleistungen des Abends an die Wand zu drücken.
15. September 2013, 18:38 Uhr
Rache um jeden Preis: Kriemhild (Verena Bukal) hat Hagens Untergang (Nico Holonics) längst beschlossen. (Foto: Birgit Hupfeld)

Zu Anfang bringen sich vier junge Männer mit schicken Businessdress und erstarrtem Gewinnerlächeln chorisch in solidarischen Gemeinschaftsrausch: »Wir sind stark, wir sind mutig, wir sind Männer«. Nibelungentreue nennt man das seit Hebbels Stück, eiserner Männerbund bis zum bitteren Ende, über Lug, Trug und feigen Meuchelmord hinaus. Jorinde Dröses Burgunder leben heute, arbeiten in Hochhaustürmen, sind überall auf der Welt zu Hause und haben ihre dunklen Geschäfte stets fest im Griff. Bis auf das urige Mordsweib Brunhild, ein Kind des Göttervaters Wotan, die sich nur dem Stärksten unterwerfen will.

In gut drei Stunden versucht Regisseurin Jorinde Dröse einen blutigen Bogen der Gewalt zu schlagen von der kalten Unterwerfung durch Siegfried im skandinavischen Mittelalterepos, über Hebbels – nach Heiner Müller – »deutschestem aller deutschen Stoffe« bis zum Konkurrenzdenken der Mächtigen im Hier und Jetzt. Auf der leer gefegten Bühne Susanne Schuboths, die keine Farben außer schwarz und grau kennt, gibt es drei Konstanten: Mord, Unterwerfung und Rache. Vier drehbare Einzelwände, auf denen düstere Videoinstallationen flackern, spiegeln das Verhalten der vier wendigen Burgunderfür-sten: Sascha Nathan schlängelt sich als weicher und verantwortungsloser König Gunther durchs blutige Geschehen, Andreas Uhse ist Volker, der garantiert stets die Seite der Macht wählt, während ein überragender
Nico Holonics aus seinem Hagen Tronje das Windigste und Kriecherischste herausholt, das dieser Figur eigen ist. Einzig der Jüngste, Königsbruder Giselher, glaubhaft naiv mit Christian Erdt besetzt, ist noch so unverdorben, dass er das Herz am rechten Fleck spürt. Doch trotz aller Skrupel handelt auch er im entscheidenden Moment nibelungentreu und deckt Hagen, den Mörder Siegfrieds.

Im Vergleich zum smarten Macherquartett erscheint der rothaarige Wuschelkopf Siegfried alias Lukas Rüppel, beeindruckender Neuzugang vom Stuttgarter Theater, mit seinen Turnschuhen, der karierten Hose und dem graublauen Schlabberpulli wie ein zur Opferung bereites Unschuldslamm. Fremdkörper in der kalten Moderne ist auch Brunhild, mit archaischer Wucht verkörpert von Constanze Becker. Wie eine »World of Warcraft«-Kämpferin, runengeschmückt im Gesicht, in knappem Mini und Schaftstiefeln ganz das geforderte »Eisenweib«, unterliegt sie bald der starken Männerphalanx. Der Kontrast zur fröhlich in rüschiges Unschuldsweiß gewandeten Kriemhild (Kostüme: Susanne Schuboth) könnte nicht größer sein. Verena Bukal überzeugt mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit. Ob sie anfangs
naiv schwärmend ihren Helden Siegfried für sich gewinnen will, auftrumpfend die großmäulige Brunhild in Schranken weist, über dem toten Geliebten vernichtet zusammenbricht oder am Ende zur eisigen Rachepriesterin an der eigenen Verwandtschaft mutiert: Ihr steht ein denkwürdiger Facettenreichtum an Stimmvolumen, Mimik und Gestik zur Verfügung, mit der sie die Gefühlswelt der großen Gegenspielerin Hagens auszuleuchten vermag.

So faszinierend heutig und befreit von mythologischem Ballast der erste Teil des Abends funktioniert, so langatmig gleitet der zweite Teil Jorinde Dröse mit Kriemhilds Rache aus den dramaturgischen Händen.

Das große Morden verlegt sie in einen versenkbaren Kessel auf der sonst freien Riesenbühne und lässt den geilen Todesrausch der Nibelungen bis zur Penetranz auswalzen. Immer wieder grinsen Gunther, Hagen, Giselher und Volker, großflächig von Stefan Bischoff in den Bühnenhintergrund projiziert, wie besoffen von ihrem eigenen Tod, ins kalte Objektiv. Geschichtlich mag man das rechtfertigen mit dem Hinweis auf die Schlacht um Stalingrad, die Göring mit dem dampfenden Untergang des Burgundergeschlechts verglich oder gar auf Hitlers Politik der verbrannten Erde: Fest steht, der exzessiv inszenierte Showdown läuft Gefahr, die großen Schauspielerleistungen des Abends an die Wand zu drücken. Schade. Bettina Boyens

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