12. September 2013, 07:06 Uhr

Wolfgang Niedecken im Doppelpack: Neue CD, neues Buch

(no) Wolfgang Niedecken aus Köln, der 62-jährige Kopf der Rockgruppe BAP, bleibt produktiv - und das im doppelten Sinn. Neben dem Solo-Album »Zosamme Alt« erscheint mit »Zugabe« auch der zweite Teil seiner Biografie.
12. September 2013, 07:06 Uhr
Selbstauslöser-Schnappschuss: Tina und Wolfgang Niedecken in der zum »Dreamlnad«-Studio umgebauten St. Johns Church in Woodstock/New York. (c) Tina Niedecken

Eigentlich war die Zeit noch gar nicht reif für Wolfgang Niedecken, um nach der 2011 erschienen Biografie »Für ne Moment« ein weiteres Buch vorzulegen. Damals schien alles im Lot für den Rock ’n’ Roller vom Rhein, den Kopf der Kölschrockband BAP: Im März 60. Geburtstag, zudem die über Wochen in den Bestsellerlisten weit oben zu findende literarische Retrospektive, mit BAP die sehr gut aufgestellte CD »Halv su wild«, die »Klassiker«-Tour mit der Band, weiter das BAP-Fest auf der Domplatte zum 35-Jährigen, die Fortsetzung der »Deutschlandlied«- Arbeit mit der WDR-Bigband, nicht minder Kontinuität bei »Rebound«, dem Niedecken-Engagement mit World Vision in Uganda und im Ostkongo.

Doch dann kam der 2. November 2011, an dem sich in diesem Leben sehr viel änderte: Schlaganfall im eigenen Haus! Mit einem tief dunkelblauen Auge davongekommen, weil Ehefrau Tina zufällig zwischen zwei Besorgungsgängen zugegen war, richtig handelte und weil anschließend alle Rädchen idealerweise ineinandergriffen.
Hatte der Sechzigste noch ganz trocken und ein wenig flapsig unter dem Motto »Too old, to die young« gestanden, war nun der Tod ein begründetes Thema. Niedecken war dem Teufel von der sprichwörtlichen Schippe gesprungen und hatte jenen Punkt erreicht, an dem die abschüssige Seite des Lebens ihren Anfang nimmt.

Die Ebene erwies sich als Plateau

Zehn Monate später, im Urlaub an einem Mittelmeerstrand, schrieb er das Titellied für die neue CD. Das erste Wort, nach dem er lange gesucht hatte: »Schließlich«. Das schloss etwas ab, wendete sich Neuem zu. Dieses Neue war der Herbst, war das Altwerden, war der Anschluss an einen zuvor 40 Jahre währenden Sommer: »Ein unangemeldeter Gast, der plötzlich in der Tür stand und sich nicht mehr verscheuchen ließ«, lesen wir in der gemeinsam mit BAP-»Geheimrat« Oliver Kobold verfassten »Zugabe«.

Kurz war die Uhr stillgestanden – und als sie wieder getickt habe, sei das Licht ein anderes gewesen. »Die Sonne stand tiefer als zuvor, und bei den ersten Schritten, die ich wagte, ging ich durch Laub. Der Sommer war vorüber.« Und dann einer der Kernsätze des Buches, die bemerkenswerteste aller Metaphern, die bedrückendste Einsicht: »Was ich all die Jahre für eine Ebene gehalten hatte, war in Wahrheit doch ein Plateau gewesen«, eine sich scheinbar endlos lang hinziehende Hochfläche, über die er mühelos und leichten Herzens gezogen sei. Nun war der Rand erreicht, und er habe mit dem Abstieg begonnen, setze einen Fuß vor den anderen, denke dabei über das Vergehen der Zeit nach – »wie zum ersten Mal, wie noch nie«.
Ja, jetzt lese er die Todesanzeigen in der Tagespresse, schaue auf die Geburtsdaten, vergleiche. Immer sei es ihm gesagt worden, nur habe er es nie geglaubt: »Jetzt fand ich es selbst heraus, dass es bergab schneller geht, weil man auf dem Heimweg sein Ziel eben schon kennt.«
Das schnürt einem den Hals zusammen, lässt innehalten, evoziert die Selbstreflexion des Lesenden, bevor er sich wieder der auf gut 350 Seiten durchweg spannenden und meist bewegenden Lektüre zuwendet.
Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert. »Zu alt, um jung zu sterben« beschreibt die Vorgänge im überschwänglich gelebten, am Ende aber fast tödlich ausgehenden Jahr 2011. Unter »Von drinnen nach draußen« blickt der Meister noch einmal weit zurück in die Epoche, in der eine unbedarfte Kölner Mundartkapelle zum Höhenflug ansetzte (der bekanntlich mit neuem Personal bis in die Gegenwart anhält). Das Kapitel »Seid lieb!« gibt den Blick unter anderem frei auf den Niedecken-Stammbaum und auf die Weltsichten. Und »Zusammen alt« legt das »Making of« der aktuelle CD dar, liefert zig Begründungen dafür, warum es ist wie’s ist – weil W. N. halt immer schon ein »Storyteller« war, ein Erzähler vor dem Herrn. Einer der, wie er sagt, Bilder schreibt, Lieder malt und Gedichte singt. Der sein Auskommen verdient als Troubadour. Als Unterhalter, als Zeremonienmeister, als »Gigolo am Fließband seiner Sensibilität«.

Das Buch erzählt vom Leben, von der Liebe, vom Tod. Man könnte unter Hinweis auf die 2004er BAP-Produktion »Sonx« auch sagen, der »Südstadt-Dylan« beschäftige sich wieder einmal ausführlich mit Glaube, Liebe und Hoffnung. Ein echter Rock ’n’ Roller, so lesen wir, der entwirft den Weg erst, wenn er bereits auf der Straße ist, wenn er auf der Suche nach dem Paradies im Hier und Jetzt ist. Der zieht die Erwartungen immer der Sicherheit vor, der opfert seine Neugier nie der Bequemlichkeit. Niedecken ist und bleibt der Kirche und Dogmen gegenüber skeptisch, daran änderte auch der Mann im schwarzen Mantel nichts, als er vor knapp zwei Jahren aus den Kulissen trat. Des Sängers Credo: »Wenn es einen Gott gibt, muss man vor ihm keine Angst haben, denn dann hat er auch nur ein Gebot erlassen, das es zu beachten gilt, das anscheinend aber noch immer viel zu wenige kennen.« Philosoph Immanuel Kant habe es mit seinem kategorischen Imperativ etwas komplizierter, der Schriftsteller John Niven etwas mehr auf den Punkt formuliert: »Seid lieb!« Daran gebe es ja wohl nichts misszuverstehen.

Jetzt kann der Winter kommen

»Zugabe« ist keinesfalls eine plumpe Auflistung von Weltsichten, keine Sammlung austauschbarer Aphorismen. Vielmehr knüpft das Buch an »Für ne Moment« an, ist ein romanhafter Spaziergang durch die Zeit, durch das Leben, in dessen Verlauf man auf viele interessante (und bekannte) Menschen trifft, auf Begebenheiten, von denen man annahm, sie lägen längst unauffindbar im Kämmerlein der Erinnerungen, zerbröselnd, sich wieder in Nichts auflösend.

Und was war mit der Liebe, deren Ausprägungen sich wie ein roter Faden durch »Zugabe« ziehen? Sie hat einen Namen. »Tina und ich hatten uns dem Zufall unserer Begegnung anvertraut und waren belohnt worden. Wir hatten es geschafft, unserer Liebe treu zu bleiben und selbst in Krisenzeiten den Glauben an den anderen nicht zu verlieren.« Jetzt könne der Winter kommen; wenn es denn sein müsse, mit all der Kälte, die jeder an ihm fürchte. Bis dahin aber sei »noch viel Zeit, mit meinem Schutzengel langsam alt zu werden«.
In aller Seelenruhe.

»Zugabe. Die Geschichte einer Rückkehr«, Wolfgang Niedecken mit Oliver Kobold, Verlag Hoffmann und Campe, geb. Ausgabe, 368 Seiten, ISBN 978-3455503029, Euro 22,99

 

Neues Album wie der Soundtrack
zum Buch - und wie ein Hochamt für Tina

Bei den ersten Akkorden meint man, hier werde der Dylan-Gassenhauer »Forever Young« angestimmt. Doch das erweist sich als Trugschluss: Der Titel des Liedes zählt zwar ebenfalls vier Silben, ist aber am anderen Ende des gedanklichen Horizonts angesiedelt: »Zosamme alt« addiert die glücklichsten Momente einer fortwährenden Liebe und mündet in den unbedingten Wunsch, mit ihr noch eine lange Zeit zu haben.
Mit dem am morgigen Freitag in die Plattenläden kommenden Album »Zosamme alt« – das man getrost Soundtrack zum heute erscheinenden Buch »Zugabe« nennen darf – hat sich BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken einen Wunsch erfüllt.
Die Songs auf dem Solo-Album erzählen eine wunderbare Liebesgeschichte: Sie alle sind Tina gewidmet, der Mutter seiner Töchter Isis und Jojo. Und sie sind, abgesehen von zweien, allesamt bekannt aus dem BAP-Repertoire, mit viel Herz aneinandergereiht wie ein Fortsetzungsroman. Allerdings kannte man die Lieder so noch nicht – nicht so reduziert und behutsam arrangiert. Ganz entspannter Folk ist das, mal mit einem Spritzer Bluegrass, mal nach New Orleans klingend, mal mit Country gewürzt.

Aufgenommen wurde »Zosamme alt« dank des Zutuns von Niedecken-Wegbegleiter Julian Dawson im »Dreamland«-Studio Woodstock/New York, das in der früheren St. Johns Church aus 1896 eingerichtet ist. Und im »Electric Lady«-Studio in Greenwich Village.
Unterstützung erfuhr Niedecken von Grammy-Gewinner Stewart Lerman, Bob-Dylan-Bandmitglied Larry Campbell und Multiinstrumentalist Steuart Smith, der unter anderem im Dienst der Eagles stand. Larry spielte Gitarre sowie »die gefährlicheren Instrumente« wie Geige, Mandoline, Pedal Steel und keltische Cittern. Smith bediente E-Piano und Bass.
Zudem unter den Akteuren waren der New Yorker Jazz-Saxophonist Steve Elson, der mit seinem Overdub »Lena« veredelte, und der Posaunist Jim Fryer. Dessen Beitrag zu »Ich wünsch mir, du wöhrs he« weckt Erinnerungen an die Jahre, in der BAP-Konzerte mit der Ry-Cooder-Nummer »Face to Face that I shall meet him« begannen. Marokko trifft auf New Orleans.
Prominentester Mitmusiker indes war John Sebastian, der schon für die Doors sowie Crosby, Stills, Nash & Young Mundharmonika gespielt hatte, Sänger und Autor der Lovin’ Spoonful war (»Summer in the City«). Er lieferte sich mit Julian Dawson ein Harp-Duell – und er mogelte ganz am Ende einen Dylan-Gedächtnisjauchzer aufs Band.

»Zosamme alt« von Wolfgang Niedecken erscheint bei Vertigo/Universal und ist erhältlich als CD für 15,99, als CD Special Edition für 19,99 (Doppel-CD mit Bonustracks, vier Lieder und einem Ausschnitt einer Lesung), als Vinyl-Schallplatte für 26,99 Euro und als Download.

 

 

No. Schmidt



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