05. September 2013, 11:58 Uhr

Erlebnisse der (Ur-)Großeltern erkundet

Gießen (kw). Der »lebensweltliche Bezug« gehört zu den Grundsätzen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Jugendliche sollen »vor der Haustür« forschen, so die ausrichtende Körber-Stiftung. Oder in verwandtschaftlicher Nähe: Viele Teilnehmer erkunden die Vergangenheit ihrer eigenen Familie.
05. September 2013, 11:58 Uhr
Wie in einer norddeutschen Großstadt sahen viele Straßen im chinesischen Tsingtau vor 100 Jahren aus. Manche der Häuser aus Kolonialzeiten stehen noch heute. (Foto: pv)

So entstanden drei Beiträge Gießener Schüler über die Erlebnisse des Urgroßvaters in China, den Weg des Großvaters aus Palästina und den der Großeltern aus der DDR in die Bundesrepublik nach.

Sören Genz – jetzt im Jahrgang 13 am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium – konnte für seine Arbeit »Nachbarschaft in der vergessenen Kolonie: Die deutsch-chinesischen Beziehungen in Tsingtau 1897-1914« auf Tagebücher seines Urgroßvaters Hans Lautenbach zurückgreifen, die 2007 in Auszügen als Buch erschien. Der Kaufmann kam 1913 nach Hankow (heute Wuhan) und verteidigte die Kolonie Tsingtau im Ersten Weltkrieg gegen die Japaner. Vergeblich: Der Kolonialisierungsversuch der Deutschen war beendet.

Wie kamen in den 17 Jahren bis dahin Deutsche und Chinesen miteinander zurecht? Am Anfang gab es viel Misstrauen und auch »unglückliche Aktionen« wie Attentate der Chinesen und Strafexpeditionen der Deutschen, bei denen Menschen getötet wurden. Der Boxeraufstand 1900/01 oder die chinesische Revolution 1911 führten ebenfalls zu Krisen. »Doch ab etwa 1900 arrangierte man sich miteinander«, stellte Sören fest. Immer wieder »schimmerte in den deutschen Aktionen allerdings eine tiefe Verachtung chinesischer Kultur durch, eine äußerst rassistische Weltsicht, die die Europäer berechtigte, ja sogar aufforderte, die Chinesen zu ›zivilisieren».«

Einiges, was die Deutschen nach Tsingtau brachten, wirkte über 1914 hinaus nach. Die Reformen in Bildung, Verwaltung und Wirtschaft waren Vorbild für ganz China. Bis heute stehen inmitten der modernen Innenstadt Qingdao Häuser im wilhelminischen Stil. »Die wohl erfolgreichste Firmenidee war die Germania-Brauerei«, so der Schüler. 1903 gegründet, gehört sie heute unter dem Namen »Tsingtao« zu den größten zehn Bierherstellern weltweit.

»Die politischen Entscheidungen der DDR in den 1950er Jahren und die Auswirkung dieser auf die Bürger und deren alltägliches Zusammenleben« überschrieb Jonas Bäcker seine Arbeit. Er besucht jetzt den Jahrgang 13 der Gesamtschule Gießen-Ost. Seine Großeltern erzählten ihm, warum sie in den Westen Deutschland flüchteten. Als Inhaber eines Fuhrunternehmens hätten sie Repressionen erlebt und immer weniger Perspektiven gesehen. Sie wollten außerdem dem »System der Überwachung und Kontrolle« entgehen, das zunehmen »massiv in die Rechte der Bürger eingriff«, erfuhr Jonas.

Die Kehrseite sei ein »starker Zusammenhalt« im engsten Freundeskreis gewesen, »da man seine Freunde sorgfältiger auswählte und aufpassen musste, mit wem man zu tun hatte«. Ein solches Gemeinschaftsgefühl habe sie in der Bundesrepublik nicht mehr gekannt, sagte seine Großmutter. Dafür genossen beide – trotz anfänglichen Heimwehs – die größere Freiheit in jeder Hinsicht.

Eigene Herkunft begriffen

»Mir hat es was ausgemacht, wenn ich spürte, dass mein Opa im tiefsten Herzen doch nicht hier in Deutschland ›angekommen» ist, dass da immer ein Teil Wehmut und auch Sehnsucht mitschwingt, wenn er an seine alte Heimat denkt«, erklärt Natascha Janho, warum sie sich das Thema »Von Palästina nach Deutschland – Eine Familiengeschichte« ausgesucht hat. Das habe ihr »sehr geholfen, mich und meine Familie zu verstehen und ein Stück eigene Herkunft zu begreifen«, so die jetzige LLG-Achtklässlerin.

Ihr Großvater, geboren 1936 als arabischer Palästinenser und Christ, wuchs in Jerusalem auf. Dort hätten Angehörige verschiedenster Religionen friedlich zusammengelegt, schilderte er der Enkelin: »Man respektierte und verstand sich.« Erst nach dem arabisch-israelischen Bürgerkrieg 1947 bis 1949 habe er sich unerwünscht gewünscht. Nach dem Studium in London ging er zurück nach Ramallah und zog 1961 in der Hoffnung auf bessere Perspektiven nach Deutschland.

Dass er eine Deutsche heiratete, habe seine Integration erleichtert, so Natscha. Doch: »Sein Temperament, der dunkle Teint, der arabische Name und die damit verbundene angebliche Andersartigkeit eckten an.« Vorurteilen wie »alles Terroristen, diese Palästinenser« begegne er bis heute. Noch viel größer seien die Probleme im heutigen Jerusalem, weiß Natascha. Ihr Fazit: Mehr Verständnis und Respekt für andere, egal wo sie herkommen, »könnte jede Menge Streit und Probleme verhindern«.

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