19. Juli 2013, 17:38 Uhr

Heile-Welt-Held: Frankfurter Städel reanimiert Hans Thoma

»Der Lieblingsmaler des deutschen Volkes« (1839-1924) passt famos zur aktuell grassierenden Landlust. Museum realisiert Ausstellung komplett aus eigenen Beständen.
19. Juli 2013, 17:38 Uhr
Hans Thoma: Frau mit Kind in der Hängematte, 1876. (Foto: Städel Museum)

Die Zeit ist reif, Hans Thoma aus dem Keller zu holen. Das Frankfurter Städel erhielt unlängst als Dauerleihgabe ein eigentümlich modernes Bildnis von Prinz Friedrich Karl von Hessen in glutroter Joppe vor olivgrünem Hintergrund – ein Hingucker von 1892. Doch nicht von hier aus hievt man den Maler auf den Prüfstand für die Bewertung im 21. Jahrhundert. Die Reanimationsausstellung heißt »Hans Thoma. Lieblingsmaler des deutschen Volkes«. Ein Konversationslexikon erhob den gebürtigen Schwarzwälder, der 1924 mit 85 Jahren stirbt, vor rund 100 Jahren in diesen Rang. Das Städel kennzeichnet die Einschätzung, die einer gewissen Braunfärbung der Betrachtung im Hinblick aufs völkisch Gesunde nicht im Wege steht, als Zitat. Es erlaubt, Thomas Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten im Subtext des Ausstellungstitels anklingen zu lassen.

Frankfurt besitzt neben Karlsruhe mit fast 500 Arbeiten die weltweit größte Sammlung von Thoma-Arbeiten, die großteils im Nachgang einer von der NS-Kulturgemeinde kurz nach der Machtergreifung ermöglichten Schau ans Städel kamen.

Seit 1934 ist das Publikum nun erstmals wieder zur intensiven Begutachtung geladen. Thomas Verbindung zum Städel war früh eng. Henry Thode, Schwiegersohn von Cosima Wagner und Städel-Chef seit 1889, fördert ihn entscheidend, findet gar, er sei seiner Zeit voraus. »Der letzte große urdeutsche Künstler« (Nazi-Sprechweise) sah sich selbst als Wotan, verkehrt in antisemitischen Kreisen, hat Zugang zu deren Gedankengut. Die Archive aber, so Kurator Felix Krämer, enthalten keine Hinweise auf eine entsprechende Gesinnung, »das hat auch uns gewundert«.

Die Neubewertung – als solche wurde die komplett aus eigenem Bestand realisierte Übersichtsschau angekündigt – bestehe im Übrigen alleine schon darin, dass man Thoma hängt. Die Kunstgeschichte nämlich mag nach dem Zweiten Weltkrieg nichts mehr wissen vom einstigen Darling der Deutschen. Er wurde zur Fußnote, abgestempelt als Bauernmaler.

Nunmehr entdecken ihn US-Museen von der Ost- bis zur Westküste. Sogar das texanische Dallas findet offenbar, dass mit Thoma sehr Deutsches ins Haus kommt. Sucht man über ihn etwa die US-typische Verneigung vor Anselm Kiefer mit einem Ahnen abzusichern – erwerben sie Thoma, um angesichts pausbackiger blondschöpfiger Kinder und Mutterkreuz verdächtiger Frauen einmal mehr an dunkle Geschichtskapitel zu rühren?

Im Städel geht man mit Schockfarben ans Werk Die Wände sind orange und lila: der Versuch, ideologisches Gift mit Prilblumenkolorit zu bannen? Dazu wurde Kunstrasen verlegt: als räudiger Naturersatz ein vortreffliches Hans-Thoma-Begleitgrün und passend zum knackigen Spott der Anfänge, erblickte doch die Kritik »Thoma-Salat«. Unterdessen führt das markante Selbstporträt vor Birkenwald in die Schau ein, keinen Zweifel daran lassend, dass sie ein Statement sein will. Der Meister inszeniert sich mit der beringten Hand am Spazierstock à la Markus Lüpertz.

Das Bildnis flankiert eine Wanduhr. Auch als Uhrenschildmaler versuchte Thoma sich, bevor er mit 20 per Stipendium an die Karlsruher Kunstakademie kam. Es dauerte mit der Anerkennung. Frankfurt bedeutet den kommerziellen Durchbruch. Hier wird seine Begabung zum Porträtmaler erkannt, Thoma findet Förderer, ist bald auch als Landschafter gefragt. Nationalen Respekt empfängt er erst ab 1890. Ein Heile-Welt-Held, mit dem man die Augen verschließen kann vor der neuen Zeit: vor Technikgläubigkeit, Mobilität, zunehmender Entfremdung durch Arbeitsteilung und Verstädterung. Thoma setzt auf Idyll und Harmonie mit der Natur. Industrialisierungsskeptiker goutieren, wenn er sich einrichtet mit Hühnern und Hängematte. Famos passt er zur aktuell grassierenden Landlust.

Orientieren konnte er sich an überaus gegensätzlichen Kollegen. Wie sehr er Courbet bewunderte, zeigen Bilder bis hin zum Hochzeitszug von 1869, der als Massenszene an Courbets Begräbnis in Ornans erinnert. Thoma lässt aber nicht bloß das politische-soziale Engagement des Franzosen vermissen. Dann drohen ihn mythologische Abgründe zu verschlingen. Nixen zu Bildpersonal? Da mag er machen, was er will: Katzen kann er, Böcklin nicht. Wie Arnold Böcklin kriegt Thoma Meeresgeschöpfe kaum hin.

Qualitative Irritationen bemäntelt die Schau nicht. Hier die Traumwelt als Kolportage, dort die Ausdeutung der Natur als Folie für ein sinnerfülltes Leben im Gleichklang mit der Schöpfung, christliche Töne inbegriffen. Fraglos transportiert Thoma deutsche Ursehnsüchte. Er sei ein »intergraler wichtiger Bestandteil der Kunstgeschichte um 1900, heißt es im Städel und: »Er ist der richtige Mann für uns.« Aus der historischen Distanz kann man ihn wohlwollend auch so sehen: in der Rolle des 1889 als romantische Rückenfigur Richtung grüne Hügel reitenden Ritters.

Dorothee Baer-Bogenschütz

Die Ausstellung ist zu sehen bis zum 29. September im Städel Museum, Dürerstraße 2 in Frankfurt, geöffnet Dienstag, Freitag bis Sonntag 10–18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10–21 Uhr. Der Katalog kostet 29,80 Euro.



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