04. Juni 2013, 15:44 Uhr

Freddie Mercury: Die Ikone lebt weiter

Ein neuer Bildband über Freddie Mercury zeigt den »Great Pretender« in seiner ganzen Pracht.
04. Juni 2013, 15:44 Uhr

Wenn Sie wieder einmal nachdenklich werden wollen, lesen Sie »Freddie Mercury – The Great Pretender«. Über einen irrlichternden, sensiblen, hedonistischen Star. Über ein Leben in Glamour, Glanz und Gloria. Über einen Showman, Entertainer, Vokalartisten, der viel mehr war als nur der Frontman von Queen. Mercurys Musik ist der Triumph des Genies über den dröhnenden Befreiungspunk der 70er und das scheppernde Rockgerümpel der 80er.

Das intensive Leben des Chamäleons endet abrupt und viel zu früh 1991. Es ist eine Farce, ein Klischee: Der homosexuelle Mercury stirbt an Aids. Der Tribut an all die sexuellen Extreme. Der Meister wurde 44 Jahre alt. Und ist heute Legende. Übergroß. Unerreicht. Ein Monument.

I see a little silhouetto of a man
Scaramouche, Scaramouche
will you do the fandango
Thunderbolt and lightning
Very very frightening me
Gallileo, Gallileo,
Gallileo, Gallileo,
Gallileo Figaro – magnifico…

Jeder kennt diese Zeilen aus »Bohemian Rhapsody«. Auch nach fast 40 Jahren hat dieser Opernrocksong, der neun Wochen die britischen Charts anführte und mit seiner Überlänge von 5,52 Minuten jeden Hitgedanken sprengte, nichts an Magie verloren. Er ist der Einstieg in Mercurys unglaubliche Welt des edlen Pomp. In die Welt eines exaltierten Rockstars, der fern der Bühne schüchtern war und nicht gern Interviews gab.
»Freddie Mercury – The Great Pretender« ist ein Bilderbuch für Fans. Nach dem Vorwort von Rhys Thomas werden Sie weinen, wenn Sie Freddie schon immer mochten. Und Sie werden wenigstens eine Träne zerdrücken, wenn sie bislang dachten, Mercury sei nur eine dieser exaltierten Marionetten ihrer Zeit gewesen, deren Musik Sie ohnehin nicht leiden mochten, weil sie so theatralisch und oberflächlich erscheint. Nach dem Vorwort werden Sie erkennen, wie falsch Sie damit lagen all die Jahre.

She keeps Moet et Chandon
In her pretty cabinet
»Let them eat cake«, she says
Just like Marie Antoinette

Mercurys Stimme kann schon 1974 bei »Killer Queen« fast alles: Tenor, Alt, Sopran, Lyrik, Ballade, Hardrock. Von Album zu Album steigert sich seine Ausdruckskraft, sein Können, seine Empathie. »A night at the opera« (1975) ist reines Adrenalin, »A day at the races« (1976) großes Kino. In einem Gewerbe, in dem es mancher Band nicht gelingt, den dritten Akkord auf dem Griffbrett der Gitarre zu finden, sind Queen Anachronisten und Wegbereiter gleichermaßen.
Niemand im Rockgeschäft hat so kontinuierlich und erfolgreich an seinem Kapital, seiner Stimme, gefeilt wie Mercury. Er ist schon früh auf dem Weg in den Olymp des Rock. Unaufhaltsam, extrovertiert, selbstgefällig. Nur manchmal, auf dem Gipfel des Erfolgs, erinnert er sich an seine Wurzeln zurück.

I’m a simple man
With a simple name
From this soil my people came
In this soil remain

Songs wie »White man« haben noch heute eine Faszination, die ihresgleichen sucht. Der Junge, der auf den Namen Farrokh Bulsara hörte und aus Sansibar stammte, erzählt lange Zeit niemandem von seiner Herkunft. Er legt sich den Künstlernamen Freddie Mercury zu, um gleichsam aufzusteigen in die Mythologie der Musik. Merkur ist der sonnennächste Planet und bezeichnet das chemische Element Quecksilber – ein quecksilbriger Trabant im grellen Licht der Scheinwerfer ist Mercury stets.
Immer wahrt er nicht nur den schönen Schein, er ist selbst der schöne Schein. Der Entertainer erwächst zur Ikone, wie es Autor Sean O’Hagan und die farbenprächtigen Fotos des Bildbandes belegen. In den 70ern trägt Mercury auf der Bühne Ballettanzüge, zeigt die behaarte Brust. In den 80ern tänzelt er in Lack und Leder durch die Arenen dieser Welt. Er glitzert in allen Facetten. Plötzlich trägt er die Haare kurz und einen albernen Schnauzer, der seine hervorstehenden Schneidezähne verdecken soll. Er schämt sich wegen seiner Zähne, aber er lässt sie nie korrigieren, weil er fürchtet, sein Stimmklang könne sich verändern.
Seinem phänomenalen Gesang kann bis heute niemand das Wasser reichen, wie die Tribut-Konzerte mit eitlen Epigonen aller Couleur am Mikrofon zeigen. In den späten 80ern intoniert Mercury so sensibel und gleichsam impulsiv wie nie zuvor. Er schraubt sein Timbre im Laufe seiner Karriere in Höhen, die niemand außer ihm erklimmen kann. Er bringt die Koloraturen ins Rockgeschäft – nicht nur wegen seiner Zusammenarbeit mit Operndiva Montserrat Caballé. Mercury selbst erwächst zur Diva. Zur ironischen, allzeit bereiten Diva.

Oh yes I’m the great pretender
Pretending I’m doing well
My need is such
I pretend too much
I’m lonely
But no one can tell

Mercury ist der »Great Pretender« – der große Heuchler. Er gibt ihn sein Künstlerleben lang par excellence. Als einer, der die Extreme sucht. Seine Eskapaden und Partys zwischen New York und München sind in aller Munde. Er dreht lange am Rad. Zu lange.

I’m knitting with only one needle
Unraveling fast it’s true
I’m driving only three wheels
these days
But my dear, how about you?

»I’m slightly mad« vom kongenialen Album »Innuendo« (1991) läutet den Abschied des Entertainers ein. Von der Presse alles andere als verwöhnt, wahrt der Star sein bitteres Geheimnis bis zuletzt. Seit Mitte der 80er Jahre weiß er von seiner HIV-Infektion. Alles ist nur eine Frage der Zeit.
Bis kurz vor seinem Tod singt Mercury mit engelsgleicher Stimme Demobänder für seinen Nachlass ein. Dann schwinden ihm die Kräfte. Es heißt Abschied nehmen. Von seinen Freunden und von seiner ersten und einzigen Ehefrau, die er in schweren Stunden immer um sich haben will – auch nachdem der Trauschein längst ad acta gelegt worden ist. Unter all den Liebhabern, die der Star hat, ist sie sein engster Freund.
Freddie Mercury stirbt am 24. November 1991 an einer Lungenentzündung. Seine Stimme lebt weiter. Jeden Tag erklingt auf dieser Welt ein Song von ihm. Unaufhörlich singt er sein Lied.

Is this the real life
Is this just fantasy?

Es ist immer beides, Freddie. Wir vermissen dich!

Manfred Merz



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