10. Mai 2013, 18:33 Uhr

Grandios wider Willen: Neues Stück von Oliver Kluck

Der Autor kommt nicht zur Premiere von »Was zu sagen wäre warum« nach Frankfurt und verpasst dabei eine gelungene Inszenierung von Alice Buddeberg.
10. Mai 2013, 18:33 Uhr
Das Ich hat viele Erinnerungen an seine Vaterwelt: Im Laufe des Abends befreien sie sich aus ihrem verstaubten Platz in der Schrankwand, von links: Oliver Kraushaar, Heidi Ecks,Viktor Tremmel und Thomas Huber. (Foto: Hupfeld)

»Da ich meine Premierenkarten für den 08.05. nicht in Anspruch nehmen kann, gebe ich sie gerne ab...wer zuerst kommt...« Das teilt Autor Oliver Kluck auf seiner Homepage in beleidigtem Unterton mit. Auseinandersetzungen mit dem Schauspiel Frankfurt und dem Rowohlt Theaterverlag gingen voraus. Er ärgerte sich über die Frankfurter Textfassung seines neusten Stücks »Was zu sagen wäre und warum«, in der »alles rausgestrichen« ist, »was Kraft hat«, über die »Verknappung des Textes, bis nichts mehr übrig bleibt«. Er ärgerte sich über die »Figurenvertauschung«, die »blödsinnige Chronologie« und vermutet, er »werde dastehen wie ein Idiot«. Anklagend stellt er beide Fassungen ins Netz, kündigt seinem Verlag und verlangt, dass Schauspielchef Oliver Reese zum Titel die Unterzeile »in einer Fassung des Schauspiel Frankfurt« aufs Plakat setzt. Der wundert sich im Gespräch mit dieser Zeitung darüber, dass Kluck nie zu den Proben erschien, obwohl er sich die Regisseurin Alice Buddeberg ausdrücklich gewünscht habe. Rowohlt-Lektor Bastian Häfner glaubt sogar, dass die Schreibweise Klucks »Zugriff der Regie impliziert« und dass die »Striche und Umstellungen« das übliche Maß nicht übersteigen.

Wer beide Fassungen vergleicht, muss zumindest eingestehen, dass ein Satz, der dem Autor als antisemitisch hätte angekreidet werden können, entfernt worden ist. Da heißt es: »Väter: muss man denn erst Jude sein, um ein Arschloch sein zu können.« Nun ist Oliver Kluck ein schreibender Querulant par excellence. Er liebt Beschwerdebriefe, sie sind Teil seines Stils, seiner inneren Haltung, er beschwert sich im Grunde genommen sein ganzes Leben lang. Als sei er eine Reinkarnation von Michael Kohlhaas. Er hadert gerne mit Behörden, Verlagen, Theatern und dem Publikum. Und macht dabei für sich, mit Verlaub, zugleich sehr gute Publicity.

Alice Buddeberg gelingt ein komisch-beklemmender Abend in den Frankfurter Kammerspielen, der mitnichten an »blödsinniger Chronologie« leidet. Schauspieler Vincent Glander steht als verdruckstes Autor-Ich anfänglich vor dem Publikum und lässt eine Rundumbeschimpfung vom Stapel, die er mit einem verlegen zitternden Blumenstrauß und hilflosem Schulterzucken konterkariert. Wie unwohl er sich fühlt als gefragter Autor, wie deplaziert er bei der aktuellen Preisverleihung sei, wie ihn einige Gutbetuchte für einen Kellner statt den Geehrten halten. Besonderen Hass schiebt er auf »die Theater, die ich immer schon verachtet habe«, »sie zahlen mir weniger als der Schranke am Bühneneingang«.

Das Ich leidet am Kleinbürgermief, an seiner Herkunft aus der sogenannten bildungsfernen Schicht und an seiner spießigen Heimatstadt in der er »anstatt zu wachsen, jedes Jahr kleiner geworden ist«. Umzingelt wird das Ich von einer trostlosen Schrankwand (Bühne: Cora Saller), in deren Glasvitrinen verstaubte Erinnerungen zum Leben erwachen. Der halbnackte, versoffene, komplett unmoralische »Väter« (Thomas Huber), Rowenta, die Ex-Vatergeliebte (Heidi Ecks), das kleine Licht Heinz, von Viktor Tremmel grandios ausgespielt und Oliver Kraushaars wortwörtlich aufgeblasener Versicherungsvertreter Jürgen. Buddeberg durchpflügt den Text nach Momenten der ostdeutsch-tristen Vergangenheit und findet ein Unterschichtengruselkabinett, dessen teils humorvoll, teils bitterbös gemeißelte Figuren immer wieder Gelächter der Verzweiflung provozieren.

Wie gut versteht man, dass es für das Autor-Ich niemals ein Entrinnen aus dieser miefigen Einzimmerwohnung mit den Udo-Jürgens-Platten und der unterschwellig gärenden, nie bewältigten Nazi-Vergangenheit geben kann, dass er sich niemals wie Jürgen am Schluss aus seinem aufgeblasenen Anzug pellen und ein goldenes, heiles Ich hervorzaubern kann, das spricht: »Ich finde mich großartig und wertvoll.«

Obwohl Kluck sein eigenes Stück in dieser Fassung nicht sehen wollte, ist seine Ansicht doch wärmstens zu empfehlen. Vielleicht bekommt er ja dafür den nächsten Förderpreis – wider Willen. Bettina Boyens

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