05. Mai 2013, 18:13 Uhr

Trommelwirbel in Theben: »Ödipus Stadt« in Wiesbaden

Packend, komprimiert, alles erzählend: Man vermisst nichts in dem Antiken-Projekt, das das Deutsche Theater Berlin bei den Maifestspielen zeigt.
05. Mai 2013, 18:13 Uhr
König Ödipus (Ulrich Matthes) soll sich von seinen Töchtern Ismene (Felicitas Madl, l.) und Antigone (Katrin Wichmann) verabschieden – und stößt sie von sich. (Foto: Kaufhold)

Aus vier mach eins: Dramaturg John von Düffel und Regisseur Stefan Kimmig haben sich des zentralen antiken Tragödienstoffs um König Ödipus angenommen und fürs Deutsche Theater Berlin ihre ganz eigene Fassung aus den Dramen von Sophokles, Aischylos und Euripides gestrickt – packend, komprimiert, alles erzählend. Man vermisst nichts in dieser Theben-Trilogie »Ödipus Stadt«. Im Gegenteil: Der Bogen wird intelligent gespannt in dieser tragischen Familiengeschichte, in der König Ödipus schmerzlich seine eigene Blutschande entdecken muss, sich die Söhne Eteokles und Polyneikes, die er unwissentlich mit seiner eigenen Mutter Iokaste gezeugt hat, gegenseitig umbringen und letztlich auch die beiden Töchter Antigone und Ismene den frühen Tod finden.

Dieses ganze Elend, das Nicht-Entkommen-Können aus dem vorausgesagten Schicksal wird getragen von einer übersichtlichen Schar exzellenter Schauspieler, die sich bei ihrem Gastspiel im Rahmen der Maifestspiele Wiesbaden zu Recht über Bravo-Rufe freuen durften. Ulrich Matthes zerfleischt sich das Gehirn und letztlich die Augen, weil sein Ödipus kaum fassen kann, was er angerichtet hat. Den Vater ermordet, die Mutter geschwängert – Matthes zeigt einen stolzen, angesehenen Herrscher, dessen Weltbild in den unbarmherzigen Minuten der Wahrheit gänzlich zusammenbricht, der aber nicht den Mumm aufbringt, sich selbst zu richten, stattdessen die Sache greinend irgendwie aussitzt, bis ihn Kreon, der neue Machthaber Thebens, dann letztendlich doch aus dem Haus jagt.

Susanne Wolff vollzieht als Kreon einen enormen Entwicklungssprung, dabei stört es nie, dass die Frau einen Mann spielt. Zu Anfang agiert sie dezent im Hintergrund, um dann im dritten Teil der pausenlosen Aufführung von 150 Minuten grandios aufzutrumpfen. Wie sie sich skeptisch die Königskrone überstülpt, an ihrem eigenen Schatten das richtige Gehen und Stehen eines Herrschers probt, ihre Stimme moduliert, um einen respekteinflößenden Ton zu finden – das alles ist schon eine Klasse für sich! Und dabei gibt’s sogar auch was zum Lachen, wenn sie sich den Wächter (eine herrlich komische Nummer von Moritz Grove) vorknöpft, der nicht gesehen haben will, dass Antigone (Katrin Wichmann) ihren verstoßenen Bruder Polyneikes begraben hat. Grove verkörpert zuvor auch diesen Kämpfer, der von seinem Bruder Eteokles (Elias Arens) bis zum erbitterten Tod seinen zugesagten Anteil am Thron Thebens fordert.

Wird der erste Teil puristisch, aufs Wort reduziert verhandelt, beginnt der zweite mit einem Paukenschlag. Arens liefert eine Trommeleinlage par excellence, in der er sich die Wut des Eteokles aus dem Leibe schlägt, aber auch seinen Machtanspruch demonstriert. Später werden er und seine Geschwister sich an der hölzernen Halfpipe abarbeiten, die ihnen Katja Haß dominierend auf die Bühne gestellt hat. Hier laufen sie im wahrsten Sinne des Wortes die Wand hoch – und werden doch nie das obere Ende erreichen, sondern nur erschöpft zu Boden gehen.

Denn am Ende sind sie alle tot. Und auch der blinde Seher Teiresias (Bernd Stempel hat diesen Part von dem kürzlich verstorbenen Sven Lehmann übernommen) ist mit seiner Weisheit am Ende, reicht seinen Blindenstock symbolisch an Kreon weiter, der als Einziger das Gemetzel tief gebrochen überlebt.

Marion Schwarzmann



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