14. April 2013, 19:58 Uhr

Emotionale Eiszeit: »John Gabriel Borkman« in Frankfurt

Zum ersten Mal arbeitet Andrea Breth am Schauspielhaus der Bankenstadt - und ihr gelingt mit der Inszenierung des Ibsen-Dramas der ganz große Wurf.
14. April 2013, 19:58 Uhr
Alle wollen nur sein Bestes: Sohn Erhart (Christian Erdt, Mitte) wird von Mutter Gunhild (Corinna Kirchhoff) und Vater Borkman (Wolfgang Michael) erdrückt. (Foto: Bernd Uhlig)

Man braucht nur wenige Augenblicke, um zu begreifen: In diesem riesigen, schmuddelig weißen, repräsentativen Salon, der vor Ewigkeiten bessere Tage gesehen hat, gibt es keinen Raum für menschliche Wärme. Er ist der Palast einer Eiskönigin. In Ibsens Fall heißt die Gunhild Borkman und thront mittig, von einem schwarzen Krähenkleid umschlungen, auf einer opulenten Freud-Couch (Bühne: Annette Murschetz). Nach wenigen klaren Textstrichen geht’s zur Sache. Zwei Menschen, die seit acht Jahren nicht miteinander gesprochen haben und innerlich zu Eiszapfen erstarrt sind, tauen in schmerzhaftem Prozess auf, um sich final die Meinung zu sagen. Beide liebten einst John Gabriel und ringen nun, nach dessen Bankenbankrott, langer Haftstrafe und peinlichem Ehrverlust, um seinen Sohn Erhart. Josefin Platt vermag die von Borkman bevorzugte Schwester Ella mit einer leidenden, vorgeblichen Selbstlosigkeit zu garnieren, die nur schwer ihre schlichte Selbstsucht verbirgt. Die eindrucksvolle Corinna Kirchhoff vom Berliner Ensemble saugt als Gunhild zeckengleich ihrem Sohn Erhart das junge Leben aus und fantasiert irrlichtern von seiner »Mission«, einst den Namen Borkman rein zu waschen. Ihre heiseren, abgetöteten Stimmen, die sich ein letztes Mal zum hitzigen Endkampf beleben, folgen einer geisterhaften Dramaturgie. Wie zwei Eisvögel umkreisen sie sich, hacken nacheinander, lassen hysterische Schreie gellen.

Wolfgang Michael ist John Gabriel Borkman, der dritte Egoist im Bunde. Seit Jahren hat er sein Zimmer im oberen Stock nicht verlassen, lullt sich monoton in die verstaubten Klavierklänge des Danse Macabre und erregt sich mit triumphalen Rehabilitierungssehnsüchten. Machtwille und Menschheitsrettung gibt er als Gründe an für sein höheres Wollen. Dafür hat er die falsche Frau geheiratet und die Geliebte geopfert. Wie »Napoleon, der in seiner ersten Feldschlacht zum Krüppel geschossen wurde« tigert er im Zimmer auf und ab. Je öfter er betont, sich innerlich »freigesprochen« zu haben, desto intensiver bearbeitet er imaginäre Flecken auf seinen Schuhen.

Nach der Pause kippt das Geschehen ins Grotesk-Lächerliche. Das dünne Eis bricht krachend und knirschend, die Gefühle lassen sich nicht mehr beherrschen und zeigen, dass die alten Wunden und langjährig gepflegten Selbsttäuschungen aus Ella, Gunhild und Borkman Elendsgestalten der traurigsten Sorte gemacht haben. Mit einer Melange aus Ekel, Erbarmen und purer Erheiterung verfolgt man, wie die drei auf dem glatten Parkett ihrer Gefühlskälte herumschlittern, wie sie sich an emotionalen Eisschollen festzukrallen versuchen, wie sie erpressen, drohen, jammern. Dass die jungen, lebenshungrigen Opfer Erhart (Christian Erdt), Fanny (Claude de Demo) und Lene (Corinna Schnabel) panikartig in einen Schlitten springen und den bizarren Tanz der Vampire verlassen, ist mehr als verständlich.

Den vierten Akt streicht Andrea Breth vollständig und fährt den Vorhang hoch für ein beängstigendes, stummes Schattenspiel im Halbdunkel. Es zeigt nicht weniger als drei krähengleiche Wesen, die mit immer langsamer werdenden Bewegungen im ewigen Eis zugrunde gehen. Die Versöhnung zwischen den beiden Schwestern fällt aus. Sie reichen sich nicht, wie von Ibsen gewollt, über dem toten Borkman die Hände zur Versöhnung.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, wie gut sich das anfühlt, einmal vom Schauspiel Frankfurt mehr geistige Nahrung angeboten zu bekommen als knackig eingedampfte Kulturhäppchen. Gereicht von einer klugen Regisseurin, die sich Zeit nimmt – fast drei Stunden – und dann selbstbewusst genug ist, Teile des Werkes genüsslich an die Wand zu fahren. Wie Breth die beiden Furien aufeinander loslässt, wie unbeteiligt sich Borkman aus der Affäre zu ziehen versucht, wie schließlich alle in ihrer selbst angerichteten emotionalen Eiszeit verenden, das muss man gesehen haben. Bettina Boyens

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